Nr. 09/2015 vom 26.02.2015

Seinem Vater die Hosen absägen

Eine verkümmerte Generation: Der neue Roman des Schweizer Autors Jens Steiner ist eine als Kriminalroman verpackte, vergnügliche Denkübung über den freien Willen in Zeiten der Krise.

Von Ulrike Baureithel

Ein Erfinder unerwarteter, verzaubernder Bilder: Schriftsteller Jens Steiner. Foto: Marc Wetli

Ein junger Philosophiestudent in einem abgehalfterten Hotel in Marseille, an einem gewöhnlichen Septembertag. Er hockt hinter einem modrigen Vorhang, beäugt die Nachbarschaft, die Katze, die sich aufs Fenstersims verirrt hat. Er hat Angst, denn irgendwo da draussen lauert Klöppel. Und womöglich die Polizei. Er ringt um den nächsten «klugen Zug», der Klöppel in die Knie zwingt. Aber wie kann er wissen, ob dieser Zug ihn nicht noch weiter von seinem alten Leben entfernt? Und wie konnte er, «ein junger Mann mit unauffälliger Vergangenheit», wie der Titel des Romans versichert, überhaupt in eine solche Situation geraten?

«Generation von Hasenfüssen»

Mit dieser kafkaesk anmutenden Exposition beginnt Jens Steiners Verwirrspiel, dem ein harmloser studentischer Streich vorausgegangen war. Paul und Magnus sind zwei sich an der Zürcher Philosophischen Fakultät verloren fühlende Aussenseiter, zugehörig einer «Generation von Hasenfüssen», im Herzen aber immer noch ein widerständiges «Flämmchen» hegend. Sie wollen den Medienzar Kudelka entlarven, indem sie während seines Vortrags eine Aufnahme abspielen mit einer Rede, die er vor einem neoliberalen Publikum gehalten hat. Während seines Auftritts an der Universität schaffen sie «eine Situation» mit Paul als Drahtzieher.

Aber was als «Tag der Befreiung» gedacht war und womit die beiden jungen Männer endlich einmal «Hand in den Lauf der Welt» hatten legen wollen, entwickelt sich für Paul zu einem Albtraum. Obwohl die Aktion zunächst ungeahndet bleibt und ihm sogar Anerkennung einbringt, findet er sich plötzlich als Versuchskaninchen in einem nicht durchschaubaren Spiel wieder, ein Spiel, von dem er glaubt, es zu kontrollieren. Statt mit seiner Nachbarin Dolores zu flirten, wie er es eigentlich vorhatte, überfällt er den plötzlich in seiner Nachbarschaft auftauchenden Klöppel in dessen Wohnung, wird von diesem niedergestreckt und eingesperrt. Paul erfährt aus dem Fernsehen von Kudelkas Entführung, für die er verantwortlich sein soll. Über ein klandestines Nachrichtensystem wird er aus dem Land geschmuggelt und gelangt nach Marseille. Wo er, wie gesagt, auf den «nächsten klugen Zug» sinnt.

Krimi mit Schopenhauer und Kafka

Mit seinem dritten Roman nimmt der 1975 geborene Schweizer-Buchpreis-Träger Jens Steiner seine schon in «Hasenleben» und «Carambole» durchgespielten Themen wieder auf und vertieft sie philosophisch. Zum einen geht es um seine eigene Generation, die, wie Dolores alias Doris sagt, «nichts glaubt tun zu müssen» und wie Paul nur «andere Menschen parasitiert». Zum anderen dreht sich alles um das schon in «Carambole» aufgeworfene Spiel mit dem vorgeblich freien Willen des Menschen beziehungsweise der Illusion, die das menschliche Gehirn aus gutem Grund von diesem erzeugt und ohne die der Mensch für nichts zur Verantwortung zu ziehen wäre.

«Der Mensch kann zwar tun, was er will, aber er kann nicht wollen, was er will», schickt der philosophisch bewanderte Autor seiner als Kriminalklamotte verpackten anspielungsreichen Denkübung voraus. Und lässt seinem Spieltrieb freien Lauf: Da taucht nicht nur Butz Atman, Schopenhauers berühmter Pudel, auf und Kafkas Torhüter, sondern auch ein Homunkulus, von dem sich Paul Wegweisung verspricht, um auf des Pudels Kern vorzustossen: «Es ist ja nicht meine Aufgabe, dir zu helfen», weist der Wicht mit der Knubbelnase in Schopenhauer-Manier dieses Ansinnen zurück. «Meine Aufgabe ist nur, dir zu zeigen, was ist.»

Wie bei Heinrich von Kleist fühlt auch Paul sich erst als Marionette frei, um doch zu erleben, dass er tut, was er gar nicht will, und dass er nicht ist, was er zu sein scheint. In seiner Geschichte gibt es einen sich erst am Ende enthüllenden Spielleiter. Paul bleibt gar keine Wahl, ausser immer weiterzugehen, «vorwärts ist die Richtung».

«Sie wollen also wissen, welche Absichten einer hat, wenn er keine hat?», fragt ihn ein alter Mann mit Pudel. «Der Gejagte hat seinen Verfolger gekränkt. Wenn die Absichten der Leute Verstecken spielen, steckt immer eine Kränkung dahinter.»

Abenteuer der Denkbewegung

Eine Kränkung des Verfolgers besteht darin, dass Pauls Generation keine Neigung mehr zum Vatermord zeigt, denn nur hierin besteht die Existenzberechtigung der Nachgeborenen: «Die Aufgabe eines Sohnes ist es, seinem Vater die Hosen abzusägen», klärt der Torwächter Paul auf, «ihn bis auf die Knochen zu blamieren.» Im Laufe dieser unkalkulierbaren Geschichte will aber Paul scheinen, dass «das ganze Projekt und unsere ganze verkümmerte Generation nichts als die Idee seiner eigenen (Kudelkas) Generation» und das Idyll auf dem Lande, in dem der ganze Coup mündet, vorausgeplant war.

Nicht die absurd wirkende Verfolgungsgeschichte sorgt für Spannung in diesem die aktuelle neurowissenschaftliche Debatte bereichernden Roman, sondern das Abenteuer der Denkbewegung, die ihn vorantreibt. Dass Jens Steiner ausserdem ein Erfinder unerwarteter, verzaubernder Bilder ist, wusste man schon aus seinen früheren Büchern. Er «grast auf der Weide seiner Gedankenwelt» so leicht voran, dass es eine Freude ist.

Buchvernissage: Literaturhaus Zürich, Dienstag, 10. März 2015, um 19.30 Uhr.

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