Nr. 09/2015 vom 26.02.2015

Dein Körper ist ein Schlachthaus

Mit Leib und Seele: Im Aargauer Kunsthaus ist zu sehen, warum sich künstlerische Körperlichkeit weit mehr als nur Ausdruck abverlangt.

Von Stephanie Danner

Der Körper als zentrales Medium: Miriam Cahns «Im Weg liegen» (9. September 2013). Courtesy Meyer Riegger, Berlin/Karlsruhe, und Galerie Jocelyn Wolff, Paris

Verletzlich wirkende Körper in selbstbewusster Pose. Geschwürträume. Leuchtende Genitalien, Hände, Brustwarzen, Falten, Nasen. Ausdruckslose Kringelaugen, als wären sie die selbstverständlichsten aller Körperöffnungen. Schwarz-weisses Chaos, sich auflösende Leiber; Krieg, Gewalt, Blut, Wirbelsäulen.

Das Aargauer Kunsthaus zeigt in der Ausstellung «körperlich – corporel» Werke aus den verschiedenen Schaffensperioden der Schweizer Künstlerin Miriam Cahn. Ihre Arbeiten zeugen immer wieder von einer intensiven Auseinandersetzung mit dem Körper. Nicht nur die eigene Körperlichkeit ist in Cahns Arbeit zentral, auch die gesellschaftlichen Zuschreibungen, die dem weiblichen wie männlichen Leib auferlegt werden, sind es. Vor allem in ihren frühen Werken – Schwarzweisszeichnungen, die sie in den siebziger Jahren international bekannt machten – ist der Körper aber nicht bloss Sujet. Sie entstanden im Zuge performativer Aktionen – im Liegen, kriechend und kauernd bearbeitet Cahn die auf dem Boden ausgebreiteten Blätter. Mit Händen, Füssen, dem ganzen Körper arbeitend, geht sie über das Format hinaus, durchbricht die klassische MalerInnenpose und den Drang nach dem einen, dem genuinen Werk. Die Arbeiten, die dabei entstehen, werden zu Protokollen des Prozesses. Der Körper selbst wird zum zentralen Medium ihrer Arbeit.

Das Malen und Modellieren, ja selbst das Arrangement der Werke im Ausstellungsraum ist bei Cahn immer schon performativ. Was auf den ersten Blick wie eine grosse Schwarzweisslandschaft wirkt, wird bei längerer Betrachtung zu einer Komposition maschinenhaft-organischer Formen, Schattierungen werden zu Öffnungen und Schwachstellen der Struktur; was zuerst wie ein Luftstrom oder wie eine Wolke erscheint, wird zu exzessiv aufgetragenen, verwischten Finger- und Handabdrücken. Immer ist der Körper eingeschrieben, fliessen seine Erfahrungen und Erinnerungen ein.

Miriam Cahns Herangehensweise ist exemplarisch dafür, dass ein Werk, als greifbares Objekt, schon lange nicht mehr das erklärte Ziel einer bildenden Künstlerin sein muss. Die Grenzziehung, die Differenzierung zwischen künstlerischen Disziplinen ist längst obsolet.

Gerade da, wo der (KünstlerInnen-)Körper ins Spiel kommt, als Medium und Werkzeug, als Material und erweiterbare Form, brechen diese Grenzen besonders deutlich auf. Miriam Cahns künstlerische Praxis steht damit in einer Tradition, die ihr Potenzial bis heute nicht verloren hat.

Die österreichische Künstlerin Maria Lassnig (1919–2014) begann in den fünfziger Jahren, mit vollem Körpereinsatz, in den Zwischenbereichen festgeschriebener Disziplinen zu arbeiten. Mit ihren «Körpergefühlsbildern» und ihren «Körpergefühlsfarben» löste sie sich von stilistischen Zwängen und übertrug ihr physisches Empfinden auf die Leinwand. Auch bei Lassnig ist das Werk als Objekt nicht einfach nur transformierte Reproduktion einer Empfindung. Ihre «Krebsangstfarben» oder «Dehnungsfarben» verbinden Körper und Leinwand miteinander.

So offenkundig die Parallelen zu Lassnigs künstlerischen Strategien auch sein mögen: Für Miriam Cahn waren es vor allem Künstlerinnen wie Valie Export, die ihre künstlerische Produktion von Anfang an prägten.

Valie Export sorgte ab den sechziger Jahren vorwiegend mit dem Einsatz des eigenen Körpers immer wieder für pikiert-entsetzte Reaktionen. Gezielt nutzte sie die Zurschaustellung und auch die Selbstverletzung ihres Körpers, um seine Unterworfenheit zu durchbrechen. Der äusseren Gewalt, die sie an ihrem Körper erlebt, setzt sie die autonome Macht über diesen entgegen und schafft damit eine Ebene, die weder reine Performance oder masochistische Grenzerfahrung noch schierer Narzissmus oder Exhibitionismus ist.

Die Grenzen des Kunstpublikums hingegen erprobte 2003 die US-Künstlerin Andrea Fraser mit dem Video «Untitled». Das Video zeigt sie in einem Hotelzimmer beim (bezahlten) Sex mit einem Kunstsammler. Fraser betont selbst, dass sie weder Sex noch ihren Körper verkauft habe – sie habe ein Kunstwerk hergestellt. Doch was ist hier genau das Werk? Das Konzept, das von Anfang an den Kunstmarkt scharf kritisiert? Der sexuelle Akt an sich? Oder das sechzigminütige, ungeschnittene Videodokument, das ohne jede Kamerabewegung gefilmt wurde? Im Endeffekt scheint es völlig unwesentlich, denn gerade der Einsatz des Körpers in der Kunst ist meist vor allem eines: eine Form von Widerstand und Kritik. Ein Zurückerobern von Souveränität.

Auch Miriam Cahn übte durch die Kombination von Sujet und Arbeitsweise immer schon Kritik: an festgelegten Rollen- und Geschlechterverhältnissen, an der fehlenden Anerkennung von Künstlerinnen im exklusiven Universum des männlichen Künstlergenies. An Krieg und Terror. Und nicht zuletzt erobert sie sich auch immer wieder ihre Autonomie zurück gegenüber dem Schmerz, der von aussen kommt, den das Leben in uns einschreibt.

Cahns Holzarbeiten im begehbaren Innenhof des Aargauer Kunsthauses sind mit «Schlachtfeld/Alterswerk» betitelt. Das sagt mehr aus, als eine blosse Kategorisierung es könnte: Den berühmt gewordenen Satz «Your body is a battleground» (dein Körper ist ein Schlachtfeld) der Künstlerin Barbara Krüger hat Cahn erweitert, indem sie das Schlachtfeld des Körpers auch zum Schlachthaus macht: «Your body is a battlefield. Your body is a slaughterhouse.»

Miriam Cahn: «körperlich – corporel» 
in Aarau, Aargauer Kunsthaus, bis 12. April 2015. 
www.aargauerkunsthaus.ch

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