Nr. 09/2015 vom 26.02.2015

Unser Schleudertrauma

Susi Stühlinger über den Terror der Begrifflichkeiten

Von Susi Stühlinger

Es war so weit. Nach Paris und Belgien hatte die Bedrohung nun auch die schweizerische Bundeshauptstadt erreicht. – Ein Fall für Artillerieoberst Rolf P. Steinegger, Experte, Anwalt und Hobbyliterat. Lange genug hatte er sich hauptsächlich damit herumgeschlagen, Versicherungen vor den Forderungen angeblicher Schleudertraumaopfer zu beschützen – in den Medien, an Fachkongressen und in zahlreichen Publikationen, die er zwecks Wiedererkennungswert zumeist mit demselben ebenso bildhaften wie griffigen Titel geschmückt hatte: «Das Mysterium des helvetischen Schleudertraumas».

Aber diese Zeiten waren endgültig vorbei, eine hehre Aufgabe wartete auf Rolf P. Steinegger: Es ging um nichts weniger, als ganz Helvetien vor einem wirklichen Trauma zu bewahren, einem Trauma, das gerade seinen Anfang nahm im gewalttätigen Schleudern von Farbbeuteln und Flaschen auf die Einrichtungen der Staatsgewalt, ausgehend vom ewigen Schandfleck der Berner Innenstadt: der Reitschule. Diese Einrichtung, die sich als Kulturzentrum tarnte, gehörte dringend neutralisiert, bevor noch Schlimmeres passierte – was zu erwarten war.

Es war an der Zeit, die Dinge, die in der Hauptstadt vor sich gingen, endlich beim Namen zu nennen: Terrorismus, Terrorismus, ganz klar Terrorismus. Genau dies hatte Steinegger in der «Berner Zeitung» nun ein für alle Mal klargestellt: Es gab nur eine einzige korrekte Bezeichnung für solche Gräueltaten, und man musste endlich aufhören, beschönigende Begriffe wie «Gewaltextremismus» zu verwenden, wie es Sicherheitsdirektor Reto Nause getan hatte.

Denn solch verharmlosende Bezeichnungen behinderten Institutionen wie den Bundesnachrichtendienst in seinem Vorgehen gegen die wachsende Bedrohung. Und die Erfahrungen aus den Ereignissen in Paris lehrten, dass ein früher Zugriff entscheidend war. Es galt nun, gezielt zum Schlag gegen die Terrorzelle in der Reitschule auszuholen, bevor sie noch mehr erstarkte.

Denn auch andernorts tat sich Besorgniserregendes, Bern, das war nur der Anfang: Drüben im grossen Kanton, in Frankfurt, hatten Terroristen zum Beispiel versucht, die Meinungsäusserungsfreiheit der Bürgerbewegung Pegida anzugreifen, mit denselben Methoden, die auch die Berner Täter anwendeten: Bierflaschen und Farbbeutel. Das hatte doch System. Möglicherweise müsste auch gleich Europol eingeschaltet werden. Sonst ginge es nicht mehr lange, und es würden Zustände, schlimmer als in den Siebzigern, herrschen. Bereits gab es Anzeichen, dass die Terroristen das staatliche Gewaltmonopol zu infiltrieren versuchten, wie sich am Beispiel des Baselbieter Böckten zeigte, wo sich ein Hanfdealer-Ehepaar als Ordnungshüter anstellen liess, um so unverdächtig die terroristischen Aktivitäten ihrer Gesinnungsgenossen finanzieren zu können. Für Rolf P. Steinegger war klar: Der Schweizer Herbst stand vor der Tür, und er würde es sein, der die Nation retten musste. Dass sein jüngstes belletristisches Werk aus dem vergangenen Jahr den Titel «Herbstlaub» trug, konnte kein Zufall sein.

Susi Stühlinger verurteilt jegliche Gewalt genauso wie mediale Hetzkampagnen.

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