Nr. 10/2015 vom 05.03.2015

Wann ist ein Krieg vorbei?

Krieg ohne Krieg: Das zeigt der Fotograf Meinrad Schade. Sein brillanter Fotoessay ist zu sehen im Fotomuseum Winterthur und im gleichnamigen Bildband.

Interview: Susan Boos

Meinrad Schade.

Meinrad Schade ist Fotograf, sicher einer der besten der Schweiz. «Krieg ohne Krieg» heisst sein Buch, das dieser Tage erscheint, und die Ausstellung, die an diesem Freitag in Winterthur eröffnet wird.

Schade fotografiert, was bleibt, wenn der Krieg vorbei ist. Vor allem hat er das am Beispiel der Exsowjetunion gemacht. Er fotografierte in Kiew im «Nationalmuseum zur Geschichte des Grossen Vaterländischen Kriegs», wie der Zweite Weltkrieg dort genannt wird. Schade fuhr aber auch nach Wolgograd, dem ehemaligen Stalingrad, um eine Siegesparade zu sehen, oder dann nach Paris an eine der grössten Waffenmessen der Welt.

Die Bilder sind nicht geografisch oder chronologisch geordnet, sondern nach visuellen Kriterien. Das entfaltet eine unglaubliche Wucht, weil plötzlich die stramme junge Frau im Kriegsmuseum mit der Hostess an der Waffenmesse zu kommunizieren beginnt. Schades Bilder sind nicht einfach Reportagefotos – es entsteht mehr: ein tiefgründiger Essay zu einem Thema, das zum Erschaudern aktuell ist.

Weil Schade über Jahre am Thema geblieben ist, bekommen die Bilder in ihrer zeitlichen Dimension eine Tiefenschärfe, die man zuvor nicht sah. Zum Beispiel das Bild mit den jungen, uniformierten Männern des Pädagogischen Männerinternats, das 2009 in Wolgograd entstanden ist. Man sieht sie während des Morgenappells exerzieren. Daneben steht nüchtern die Bildlegende: «Das Internat dient zur Vorbereitung auf den Lehrerberuf und ist eine staatlich anerkannte Ausbildungsstätte für die patriotische Erziehung russischer Bürger.» Was vor wenigen Jahren noch merkwürdig wirkte, bekommt heute einen scharfen Unterton.

WOZ: Meinrad Schade, wann haben Sie mit dem Projekt «Krieg ohne Krieg» begonnen?
Meinrad Schade: Vermutlich war das 1999, als ich Kosovo-Albaner fotografierte, die in die Schweiz geflüchtet waren. Nur wusste ich damals noch nicht, dass das der Beginn dieses Projekts war.

Wie kam es zur Fokussierung auf den «Krieg ohne Krieg»?
2003 reiste ich nach Inguschetien. Es ging damals noch mehr um Flüchtlinge und Migration – diese Bilder sind auch in der Ausstellung zu sehen. Später hatten meine Partnerin und ich die Idee, etwas über sowjetische Museen zu machen. Unter anderem besuchten wir in Kiew das Tschernobyl-Museum und das Museum zum «Grossen Vaterländischen Krieg». Dieses Kriegsmuseum hat mich unglaublich fasziniert. Es war schon 2007 eines der beliebtesten Museen in der Stadt. Alle gehen dort hin, auch junge Frauen mit ihren Freunden. Krass, wie ein Krieg, der so lange her ist, immer noch so sichtbar ist. Das provozierte in mir die Frage: Wann ist ein Krieg vorbei? Wann hört er auf? Was geschieht neben dem Krieg?

Wohin führten Sie diese Fragen?
Fast zwangsläufig stiess ich auf den 9. Mai. An diesem Tag wird mit Reden und Paraden der Sieg über das nationalsozialistische Deutschland gefeiert. Ich wollte eine solche Parade sehen und reiste nach Wolgograd, weil ich dachte, da sei es einfacher zu fotografieren als in Moskau. Ich konnte mich dann auch absolut frei bewegen. Später reiste ich nach Semipalatinsk in Kasachstan, wo die Sowjets ihre Atombomben getestet hatten.

Die WOZ publizierte einige Ihrer Bilder aus Semipalatinsk. Sie sind zum Teil an der Schmerzgrenze – entstellte und behinderte Menschen. Wie gehen Sie mit so etwas um?
Wenn man mittendrin steht, nimmt man das gar nicht so wahr. Interessanterweise war das aber meine «erfolgreichste» Geschichte. Für sie erhielt ich Preise, obwohl meiner Meinung nach die Geschichte über Nagorny-Karabach fotografisch besser ist. Diese wurde jedoch kaum wahrgenommen. Man muss schockierende Bilder bringen, um Aufmerksamkeit zu bekommen. Das ist schon ein bisschen beklemmend.

Nagorny-Karabach gehört völkerrechtlich zu Aserbaidschan, wird faktisch aber von Armenien kontrolliert. Hier scheint sich der Krieg ohne Krieg förmlich zu materialisieren.
Nagorny-Karabach ist ein Staat, den es so gar nicht gibt, doch wenn du da bist, wirkt er auf den ersten Blick wie ein richtiger Staat. Es ist ein eingefrorener Konflikt, der immer mal wieder aufflackert. An der Grenze kommt es regelmässig zu Scharmützeln und zu Toten. Dieser Zustand dauert bereits über zwanzig Jahre, aber die Medien berichten kaum darüber.

Wie haben Sie in diesen Gebieten gearbeitet?
Ohne Achmed Barakhoew, meinen Übersetzer, wäre das nie gegangen. Er lebt in Inguschetien, ich habe ihn auf meiner ersten Inguschetienreise kennengelernt. Er hat mich auf diesen Reisen begleitet und mir unglaublich viele Türen geöffnet.

Wie geht es jetzt weiter?
Ich führe mein Projekt «Vor, neben und nach dem Krieg» in Palästina und Israel fort. Im Buch sind keine Bilder dazu enthalten, in der Ausstellung aber schon. Und auch Bilder aus der Reihe «War and Peace».

Was ist das?
Unter diesem Titel spielen in England jedes Jahr einige Leute während fünf Tagen mit echten Panzern aus dem Zweiten Weltkrieg Krieg. Es gibt in der Ausstellung das Kapitel «Ausgestellt». Da geht es darum, wie Leute Krieg inszenieren. Wir haben Bilder der Pariser Waffenmesse mit Bildern von «War and Peace» kombiniert. Es ist verblüffend, wie sich diese Inszenierungen visuell ähneln.

In der Ukraine ist der Krieg plötzlich wieder real. Gehen Sie hin?
Im Moment nicht. Es war für mich ein Grundsatzentscheid, mich auf andere Regionen einzulassen, schon bevor der Konflikt in der Ukraine ausgebrochen ist. Ich arbeite bewusst nicht aus der Aktualität heraus.

Wollten Sie nie als Fotograf an die Front?
Oh nein, das ist nichts für mich.

Warum?
Weil ich Angst habe. Die Kriegsfotografie, die zum Heldentum gemacht wird, stört mich. Allerdings habe ich höchste Achtung vor all jenen Fotografen und Fotografinnen, die in Kriegsgebieten unterwegs sind und das mit viel Sorgfalt machen.

Ursprünglich haben Sie Biologie studiert. Wie sind Sie Fotograf geworden?
Die Natur interessierte mich – weniger die Wissenschaft. Ich habe das Biologiestudium abgeschlossen, wirklich wohl fühlte ich mich jedoch nie in diesem Fach. Während des Studiums hatte ein WG-Mitbewohner ein Fotolabor. Das war toll, da konnte ich endlich Bilder so entwickeln, wie sie mir gefielen. Nach dem Studium begann ich bei der GAF, der Gruppe Autodidaktischer Fotografen und Fotografinnen, und absolvierte anschliessend am Medienausbildungszentrum in Luzern den Lehrgang für Pressefotografie.

Wie finanzieren Sie heute Ihre Arbeit?
Ich lebe grösstenteils von kommerziellen Jobs, Auftragsarbeiten von Firmen und Institutionen. Einmal im Jahr klinke ich mich für einen Monat aus und reise an einen der Orte, um mein Projekt weiterzuverfolgen. Dieses Jahr geht es nochmals nach Israel und Palästina. Wenn ich noch ein Stipendium des Kantons Thurgau erhalte, kann ich vielleicht noch einen zweiten Monat anhängen.

Wollen Sie Ihren Lebensunterhalt nicht als Pressefotograf bestreiten?
Ehrlich gesagt, bin ich froh, dass ich nicht dem Druck der Redaktionen ausgesetzt bin, die ja meistens eine vorgefertigte Vorstellung haben, welche Bilder sie wollen. So, wie ich jetzt arbeite, habe ich maximale Freiheit.

Gibt es neue Themen, die Sie reizen?
Im Moment will ich an der Thematik dranbleiben, das Buch und die Ausstellung sind für mich mehr ein Zwischenstand. Es geht ja nicht speziell um die Ukraine oder um Russland. Es können auch Siegesparaden im Westen sein oder ein Filmstudio, das Kriegsfilme herstellt. Wenn der Krieg verherrlicht wird, sind wir alle betroffen.

Also ist es ein Antikriegsprojekt?
Ich glaube nicht mehr an die grosse Wirkung des Bildes. Es reicht mir, wenn die Leute, die meine Bilder anschauen, realisieren, dass der Krieg weiterwirkt, obwohl er angeblich längst vorbei ist – und wie man plötzlich wieder in den Krieg hineindriftet. Das hat für mich etwas Erschreckendes. Wenn ich nur schon bei wenigen Betrachtern etwas auslösen kann, reicht mir das.

Ausstellung in der Fotostiftung Schweiz im Fotomuseum Winterthur bis 17. Mai 2015.

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