Nr. 11/2015 vom 12.03.2015

Wer bremst, will doch nur die Zeit anhalten

Vorwärts in die Vergangenheit: Die US-Schriftstellerin Rachel Kushner hat einen furiosen Roman gegen den Trend zur Entschleunigung geschrieben.

Von Daniela Janser

Kurz vor Verkaufsstart der Apple Watch erteilt uns die Schriftstellerin Rachel Kushner eine kleine Lektion zur Geschichte der Armbanduhr. Gegen Ende ihres Romans «Flammenwerfer» spielen zwei kleine Brüder Krieg und erinnern sich daran, was ihr Vater ihnen erzählt hat: dass nämlich die Armbanduhr, wie so viele technische Errungenschaften in unserer Alltagskultur, ihren Ursprung im Krieg und im Militärischen hat. Weil Taschenuhren im Gefecht, hoch zu Ross und in dicken Winteruniformen unpraktisch waren, wanderten sie im ausgehenden 19. Jahrhundert an die Handgelenke.

Die Szene ist so kurz, dass man sie leicht überlesen kann. Aber sie bringt das ganze Spektrum von «Flammenwerfer» auf den Punkt: die Faszination für Geschichte, für Technologien, für Tempo, für Objekte als dialektische Sinnbilder, für die Aufhebung des Kleinen im Grossen (und umgekehrt). Auch Kushners Roman ist eine Art Zeitmesser oder Zeitmaschine, und angetrieben wird er von einer Motorradfahrerin mit Übernamen Reno, deren Leben in den fünfziger Jahren in der US-Provinz beginnt.

Kunst und schnelle Maschinen

Mit ihrer Liebe zum Tempo verschlägt es Reno von den Skipisten in Nevada in die Salzebene von Utah, wo sie einen Rekord aufstellt, der sie für ein Jahr zur schnellsten Frau der Welt macht. Sie filmt ihre Spuren im Schnee und auf dem Salz und will sich mit diesen Videos in der New Yorker Kunstszene einen Namen machen. Dort landet Reno in den Armen von Sandro Valera, einem der beiden Brüder, die in ihrer Kindheit Krieg spielten. Valera ist der Erbe eines italienischen Reifen- und Motorradfabrikanten, der in jüngeren Jahren ein Futurist mit Sympathien für Mussolini und den Faschismus war.

Ihre progressive Feier von Kunst und schnellen Maschinen schickt Kushner dann aus den siebziger Jahren zurück in die Vergangenheit des alten Valera – in das historische Stahlbad der Kriegsverherrlichung und der Machokultur einer rechten Avantgarde, zurück auch zu den tödlichen Formeln des Futuristischen Manifests von 1909: «Wir erklären, dass sich die Herrlichkeit der Welt um eine neue Schönheit bereichert hat: die Schönheit der Geschwindigkeit.» Und: «Wir wollen den Krieg verherrlichen – diese einzige Hygiene der Welt –, den Militarismus, den Patriotismus, die Vernichtungstat der Anarchisten, die schönen Ideen, für die man stirbt, und die Verachtung des Weibes.»

Die immense Leistung von Kushners Roman ist, dass sie alle diese reaktionären Folien hinter ihrem Stoff historisch-dialektisch in Bewegung bringt – und mit einer revolutionären Perspektive kontinuierlich überschreibt und vorantreibt. Linke und KünstlerInnen sind dabei von ihrer Kritik keineswegs ausgenommen. Alle grossen Themen des Romans – die Geschwindigkeit, die Familie, die Arbeit, die Kunst, die Liebe – sind von haarfeinen, aber auch weit aufklaffenden Bruchlinien des Geschlechter- und Klassenkampfs durchzogen. Kushners Romanwelt ist voller Männer, die Frauen hassen, und das ist nur leicht übertrieben. Dazu gehört Sandro Valera, der seine aktuelle Geliebte mit der Dichterin Sylvia Plath vergleicht, die 1963 ihren Kopf in einen Gasofen steckte und sich das Leben nahm. Aber auch dessen Freund Ronnie, ein New Yorker Künstler, der mit Sandro regelmässig die Freundinnen tauscht und eine Fotoausstellung mit Grossaufnamen von verprügelten jungen Frauen eröffnet – Gewalt gegen Frauen als ästhetischer Fetisch.

In den Schnee gepisst

«Das Gewehr war ein Werkzeug», heisst es einmal, «wie auch der Schraubenzieher ein Werkzeug war.» So ist alles auf faszinierende Weise mit allem verspiegelt, verbissen und verknüpft. Auf die italienischen Grossindustriellen treffen Arbeiter in Aufruhr oder im absichtlichen Stillstand: vor und hinter den Toren der Valera-Villa, vor und in ihren Fabriken, aber auch im brasilianischen Urwald, wo der Kautschuk für die Motorradreifen abgebaut wurde, als diese noch aus Gummi waren. Doch Kushners Durchdringung des Themas Arbeit geht noch viel weiter. Sie erzählt von reichen Industriellen, die entführt und erpresst werden, und von Banküberfällen als einer Form von Arbeit. Und sie erzählt von den Arbeitskämpfen derer, die gar nicht oder nicht mehr arbeiten: von der New Yorker Anarchistengruppe Motherfuckers, die Ende der sechziger Jahre vor der Freiheitsstatue ihren Schlachtruf «never work» in den Schnee pisste, oder auch von der Wut der Ausgemusterten im Rom der siebziger Jahre.

Nicht zuletzt erscheint der Roman selber als Arbeit: Eine 46-jährige Autorin entledigt sich behände und doch historisch geerdet der Last der Traditionen und der ewigen Kritikerwünsche nach dem «grossen amerikanischen Roman», für den aber anscheinend immer nur männliche Schriftsteller infrage kommen. Kushner, die sich von einigen (eingeschüchterten?) US-Kritikern vorwerfen lassen musste, sie schreibe zu «selbstsicher» und «cool», hat sich nicht nur als Schriftstellerin, sondern auch als Kunstkritikerin und Verteidigerin radikaler zeitgenössischer Manifeste wie «Der kommende Aufstand» einen Namen gemacht. Sie beschrieb diese Streitschrift sogar als die bessere Literatur: «Mehr als jedes literarische Werk verdient dieser Text die Auszeichnung ‹provokativstes und aufregendstes Buch des Jahres›, und zwar wegen seines Tons, seines Stils, seines schwarzen Humors, wegen seiner Dringlichkeit und der fundamentalen Zurückweisung der gesamten gegenwärtigen Zivilisation.» Der Satz passt auch gut zu «Flammenwerfer».

Und es ist kein Zufall, dass Kushner ihre abgründige Erkundung von allerhand Bewegungen und Geschwindigkeiten gerade jetzt vorlegt, in einer Zeit, die meint, mit dem Ruf nach Entschleunigung eine mögliche Antwort auf die Erschöpfungen des Alltags gefunden zu haben. «Flammenwerfer» führt uns zurück in eine ganz andere, eine vorwärtsdrängende Zeit, die von Verlangsamung noch nichts wissen wollte – eine Zeit vor den bleiernen achtziger Jahren; vor dem propagierten Ende der Utopien; vor der neoliberalen Aufrüstung und ihrer Absage an alle Alternativen; vor der systematischen Zerschlagung und Erstickung radikaler politischer Bewegungen und Arbeitskämpfe. Ohne dass dieser Roman ein einziges Wort über unsere Gegenwart verliert, wächst bei der Lektüre bald ein Verdacht: Haben die, die heute Entschleunigung fordern, womöglich bloss Angst vor einer anderen Zukunft? Wollen sie die Zeit anhalten?

Die Regeln der Gewalt

Reno fliegt dann mit Sandro nach Italien, doch statt mit ihrem neuen Bike über die Rennstrecke von Monza zu rasen, wird sie hinter den Mauern der Valera-Villa unsanft ausgebremst – und zur Verzweiflung gebracht. Schnell wird klar: Diese apathischen Reichen brauchen keinen Streik und keinen bewaffneten Kampf, um die «Regeln der Gewalt» kennenzulernen. In ihrer Überheblichkeit ist diese Familie selber schon gewalttätig genug. Ihre Grausamkeit fährt jeden Tag wie ein Pfeilhagel auf Reno nieder, der Geliebte, der in New York noch behauptet hatte, er habe mit seiner reichen Familie nichts zu schaffen, lässt sie im Stich. Und auch von den Revolutionären in Rom, zu denen sie flieht, wird Reno vor allem instrumentalisiert.

«Flammenwerfer» ist nicht nur das Porträt einer Künstlerin als junge Frau, sondern auch eine Liebesgeschichte aus der ungewohnten, undankbaren Perspektive der Geliebten, die zwischen Streiks, Windstille, politischen Bewegungen und Temporekorden die wahre Geschwindigkeit entdeckt: die Geschwindigkeit einer Kugel, die aus dem Gewehrlauf schiesst, der raschen Abfolge von Einzelbildern auf einem Filmstreifen. Und die Geschwindigkeit der Fantasie als Flammenwerfer.

Rachel Kushner liest im Literaturhaus Zürich: Montag, 30. März 2015, 19.30 Uhr.

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