Nr. 16/2015 vom 16.04.2015

«Die Ordnung der Welt wankt»

Von Daniel Stern

Man muss den Skandal immer wieder benennen. Jean Ziegler macht das. Seit Jahrzehnten. Auch sein neues Buch «Ändere die Welt!» ist eine einzige Anklage. Gegen den Hunger, die Ausbeutung, die Ungerechtigkeit auf der Welt. Und Ziegler ruft auch zum Sturz dieser «kannibalischen Weltordnung» auf.

Dabei versteht der achtzigjährige Soziologe nach wie vor sein Handwerk. Er schafft es, die Hintergründe dieses Weltsystems einfach und verständlich darzustellen und dazwischen immer wieder Anekdoten einzustreuen. Etwa wie er abends im Intercity von Bern nach Genf einen ihm bekannten calvinistischen Privatbankier trifft, der partout nichts davon wissen will, gestohlene Gelder des afrikanischen Diktators Mobutu dem Kongo zurückzugeben. «In Geldflüsse kann man nicht eingreifen», soll er Ziegler gesagt haben – für den Autor Beleg für die «neoliberalen Wahnideen» der Mächtigen.

Ziegler greift in seiner Argumentation auch auf einen reichen Fundus an klassischer linker Theorie zurück. Und in einem Kapitel erklärt er die sogenannte generative Soziologie. Diese geht davon aus, dass alle Gesellschaften mehrdimensional sind. Gängige, auch marxistische Zuschreibungen wie «entwickelt» und «unterentwickelt» lehnt sie ab. Das Buch ist also durchaus lehrreich.

Doch wie das von Bertolt Brecht übernommene Diktum «Ändere die Welt!» zu bewerkstelligen sei, wird leider nur sehr phrasenhaft ausgeführt. Ziegler schreibt im letzten Teil seines Buchs von einem «neuen geschichtlichen Subjekt», das sich gerade «gegen die weltweite Diktatur des globalisierten Finanzkapitals» erhebe, und man hofft eine Sekunde, jetzt zeige endlich einer auf das Licht am Ende des Tunnels. Doch dann führt er dazu ausgerechnet den nichtssagenden Begriff «Zivilgesellschaft» an.

Klar: Es gibt sie, die globale Zusammenarbeit von BasisaktivistInnen, nichtstaatlichen Organisationen und Gewerkschaften. Aber solche Kooperationen sind doch auch voller Widersprüche und Machtgefälle, die man benennen müsste. Klar, es gibt erfolgreiche Kampagnen etwa der internationalen Kleinbauern- und Landarbeiterinnenbewegung Via Campesina. Doch kann man deshalb wirklich von «unzähligen Widerstandskämpfen» schreiben, die «jeden Tag und jede Nacht auf allen fünf Kontinenten stattfinden»? Hier ist Jean Ziegler – leider – dem Wunschdenken verfallen.

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