Nr. 16/2015 vom 16.04.2015

Chronik ohne Grautöne

Ernst Wolff zeichnet die Geschichte des Internationalen Währungsfonds nach – und ortet eine gross angelegte Verschwörung.

Von Daniel Stern

Der Internationale Währungsfonds (IWF) ist spätestens seit Ausbruch der Finanzkrise ab 2007 wieder im Gespräch. Die nach wie vor von den USA dominierte Kreditvergabe-Institution kommt überall dort zum Einsatz, wo Staaten dringend Geld brauchen: zumeist nur noch, um Banken zu retten und Schulden zurückzuzahlen.

Der Journalist Ernst Wolff übernimmt mit seinem Buch «Weltmacht IWF» die Aufgabe, die Chronik dieser Institution zu schreiben, die aus seiner Sicht eine «Chronik eines Raubzugs» ist. Er will die Frage beantworten, «in welchem Interesse der IWF arbeitet und wer von seinem Tun profitiert». Dass Wolff dabei oft schablonenhaft argumentiert, lässt schon die Gestaltung der Titelseite erahnen: Eine Pistole ist auf die Weltkugel gerichtet, ein Finger ist am Abzug.

Testlabor in Chile

Der IWF wurde nach dem Zweiten Weltkrieg gegründet, um ein neues internationales System von festen Wechselkursen zu stützen. Laut dem Autor handelte es sich dabei jedoch tatsächlich um eine «von den USA ins Leben gerufene, von ihnen beherrschte und auf ihre Interessen zugeschnittene Einrichtung». Ziel: wirtschaftliche Weltherrschaft.

Nach dem Zusammenbruch des Systems der festen Wechselkurse von 1973 war der IWF vorab für die Kreditvergabe an einzelne Staaten zuständig und auch nicht wählerisch, als es darum ging, Diktatoren vom Schlag eines Mobutu Sese Seko, eines Saddam Hussein oder eines Suharto zu bedienen. Der Putschist Augusto Pinochet hat dem IWF Chile gar als eine Art «Testlabor» überlassen. Der IWF etablierte sich dabei als «Wegbereiter neoliberaler Reformen», wie sie die sogenannten Chicago Boys um den Wirtschaftswissenschaftler Milton Friedman propagierten.

Fortan verknüpfte der IWF Kreditvergaben mit einschneidenden Forderungen an die Staaten: Der Staatshaushalt muss durch Einsparungen und Ausgabenstreichungen ausgeglichen werden, die Landeswährung muss abgewertet, die Zinsen erhöht werden, Import- und Devisenverkehrsbeschränkungen sind abzubauen. Die Wirtschaft ist zudem auf einzelne gut vermarktbare Exportprodukte zu konzentrieren, Restriktionen für ausländische Investitionen sind aufzuheben und Staatsbetriebe zu privatisieren. Allein zwischen 1980 und 1993 sind nach Angaben des Autors in siebzig Entwicklungsländern 566 sogenannte Stabilisierungs- und Strukturanpassungsprogramme durchgesetzt worden. Die Kreditvergabe an Staaten sei so zum Hebel geworden, um die Welt nach dem Gusto der neoliberalen IdeologInnen umzupflügen.

Feuerwehr in Europa

Wolff liefert für diese These viele Beispiele. Allerdings fehlt eine Differenzierung. So ist es beispielsweise viel zu simpel, die Verwerfungen in Russland nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion allein dem IWF anzulasten. Und die Behauptung, in Südafrika habe sich nach Ende des Apartheidsregimes der IWF mit dem nun regierenden African National Congress (ANC) «gegen das Volk verbündet», ja es sei dem neuen Präsidenten Nelson Mandela primär darum gegangen, die Enteignung der herrschenden weissen Schicht zu verhindern, blendet die positiven Aspekte des Übergangs vollkommen aus. Die Analysen von Wolff haben zwar durchaus einen plausiblen Kern, doch neigt er zu Übertreibungen und Verallgemeinerungen.

Dennoch: Dem Autor ist etwa bei seinem Befund zuzustimmen, dass es nach dem Beginn der Finanzkrise von 2007 dem Internationalen Währungsfonds nicht gelang, das System zu stabilisieren, sondern dass er es im Gegenteil «nur anfälliger und instabiler» machte. Die weltweite Schuldenlast ist nochmals massiv gestiegen, die Gefahr von neuen Krisen hat weiter zugenommen. Auch ist die These nachvollziehbar, dass der IWF derzeit in Europa versucht, neue Instrumente der Krisenbekämpfung auszuprobieren, wie etwa die in Zypern verordnete Teilenteignung von Sparguthaben. Denn tatsächlich ist der IWF inzwischen zu einer Art Feuerwehr geworden.

Aus dieser Perspektive könnte man den IWF aber nüchterner und weniger verschwörungstheoretisch betrachten: Als eine internationale Regulationsbehörde, die mit dem untauglichen Instrumentarium der neoliberalen Ideologie immer verzweifelter versucht, gegen den drohenden Zusammenbruch des globalen Kapitalismus anzukämpfen.

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