Nr. 19/2015 vom 07.05.2015

Ein Ort voller Schatten

In «Tamangur» erzählt die Unterengadiner Schriftstellerin von einem verschwundenen Grossvater und von einer Schuld, die auf der Enkelin lastet.

Von Anna Wegelin

«Tamangur» ist der erste Roman der Unterengadiner Schriftstellerin und Germanistin Leta Semadeni. Die Siebzigjährige ist seit zehn Jahren als freie Autorin tätig und erhielt 2011 für ihr lyrisches Werk den Literaturpreis des Kantons Graubünden sowie den Preis der Schweizerischen Schillerstiftung. Es ist ihr erstes rein deutschsprachiges Buch – hat sie ihre Texte doch bisher gleichzeitig immer auch in Vallader-Romanisch veröffentlicht.

Trotzdem bringt «Tamangur» keinen radikalen Wandel: Stimmung und Sprache sind so, wie wir sie aus Semadenis Gedichten kennen, und auch das Dorf und die Engadiner Landschaft. Wir schauen im schmalen Roman über 73 kurze Kapitel zu, wie ein Kind – im Text «das Kind» genannt – und seine Grossmutter die Tage und Nächte im grenznahen Dorf erleben. Es ist «ein Ort voller Schatten tief unten zwischen den Bergen», wo es ein Ereignis ist, wenn die Ziege beim Vorbeigehen nicht grüsst. Im letzten Kapitel schliesst sich der Erzählkreis: Das Kind ist eine junge Frau geworden und ihre Grossmutter auf dem Weg nach Tamangur.

Nur schon das Wort «Tamangur» hat es in sich: Es klingt nach Weite, aber eigentlich ist Tamangur eine geschützte Moor- und Arvenwaldlandschaft im Val S-charl in der Gemeinde Scuol. Der Tamangur-Wald ist zu einem starken Symbol für die romanische Identität geworden; Linard Bardill hat den Tamangur-Mythos 1996 musikalisch interpretiert. Bei Semadeni ist Tamangur jener Ort, wohin der Grossvater «abgehauen» ist. Über ihn erfahren wir, dass er anmutig war, auf die Jagd ging und lieb zum Kind war – ein heilsamer Kontrast zu seiner temperamentvollen, kräftigen Frau, unter deren zuweilen herrischer Art das Kind ganz klein wird. Auch sonst ist das Kind nicht frei, denn es lastet eine schwere Schuld auf ihm, die der reissende Fluss beim Dorf symbolisiert.

Wir erfahren nie genau, was es mit Tamangur auf sich hat. Gewiss ist einzig, dass der Grossvater bei der Grossmutter eine grosse Lücke hinterlässt und gleichzeitig viel Raum öffnet für jene Art von Weltschmerz, für die es in der deutschen Sprache keinen adäquaten Ausdruck gibt – von «Heimweh» spricht die Grossmutter, eine Aussenseiterin im Dorf, wenn sie in Erinnerungen an die gemeinsamen Zeiten mit ihrem Liebsten schwelgt: «Die Sehnsucht hat kleine, spitze Krallen, die einen immer in Bewegung halten.»
Die Vorstellungskraft, aber auch die lebensfrohe Seite der Grossmutter sowie die redselige «seltsame» Nachbarin Elsa weisen den Weg aus der dörflichen Enge, Ereignislosigkeit und Engstirnigkeit. Wenn Elsa spricht, bricht sie mit der sprachlichen Konvention – das ist Poesie.

«Tamangur» ist kein aufsehenerregendes Buch. Und trotzdem werden wir auf ein grosses Abenteuer mitgenommen: Leta Semadenis Roman führt in eine Konzentration, die den Kopf frei macht: «Geschichten haben mehrere Möglichkeiten und sie nachzuerzählen oder zu erfinden, schafft neue», wie es im Roman einmal heisst.

Semadeni liest in Solothurn am Samstag, 16. Mai 2015, 
um 15 Uhr und am Sonntag, 17. Mai 2015, um 13.30 Uhr. 
Literatur im Dunkeln: Freitag, 15. Mai 2015, 13 Uhr.

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