Nr. 19/2015 vom 07.05.2015

Identität als Echoraum des Autors

Der Schweizer Schriftsteller denkt in «Verbeugung vor Spiegeln. Über das Eigene und das Fremde» über Fremdenfeindlichkeit und Anpassungsdruck nach und legt Spuren zu seinem von dieser Thematik gesättigten literarischen Werk.

Von Hans Ulrich Probst

Martin R. Dean weiss, wovon er in seinem siebenteiligen Essay «Verbeugung vor Spiegeln. Über das Eigene und das Fremde» spricht: Vor bald sechzig Jahren in Menziken im Kanton Aargau geboren als Sohn einer Schweizerin und eines indischstämmigen Vaters aus Trinidad, hat der seit langem in Basel ansässige Autor die ersten Kinderjahre auf der Karibikinsel verbracht. Als der leibliche Vater verschwand, kehrte die Mutter in ihr Elternhaus zurück, zusammen mit einem ebenfalls indischstämmigen Mann aus Trinidad.

Dieser wurde dann – in fast unheimlich perfekter Anpassung – zum ebenso angesehenen wie unauffälligen Dorfarzt. Eine Fremde war dort auch die resolute Grossmutter mütterlicherseits: Sie war als Magd und Tabakarbeiterin nach dem Ersten Weltkrieg aus dem norddeutschen Rügen gekommen und mit offener antideutscher Feindseligkeit konfrontiert worden. Mit dem sanften neuen Schwiegersohn verband sie der «unerschütterliche Wille zur Anpassung».

Dass der Knabe in der helvetischen Enge der fünfziger und sechziger Jahre selbst vielfacher Ausgrenzung ausgesetzt war, verwundert kaum. Doch Dean führt in «Verbeugung vor Spiegeln» keine wehleidige Klage, sondern erinnert sich an die schwierige Verortung: Stand das Tosen des Meers für die Unbehaustheit, die das Kleinkind auf den langen Ozeanfahrten zwischen Europa und Trinidad verspürte, so fand es im grosselterlichen Obst- und Gemüsegarten ersten Boden unter den Füssen. Gärten aller Art sowie die Begegnung mit dem multikulturellen Paris und erst recht mit dem «Völkerlabor» London halfen dabei, «die instabile Identität meiner aus allen Enden der Welt zusammengekommenen Vorfahren in eine Identität umzuwandeln».

Selbsterhalt und Selbstverlust

Entscheidend für Martin R. Deans existenzielle Landnahme jenseits aller nationalen Zuordnungen wurde schliesslich das Schreiben. Ohne in die Falle der Selbstexegese zu tappen, gibt der Schriftsteller subtile Hinweise auf Einzelheiten der Entstehung und der Autorentscheidungen in seinen Büchern. So tragen seine ProtagonistInnen meist entnationalisierte Namen. Denn ihnen, so Dean, «ist Natürlichkeit, das Verankertsein in einer Tradition und sicherer Herkunft nicht gegeben. In ihren Namen sedimentiert sich ihr verrutschtes Verhältnis zur Heimat.»

Die Wahlfreiheit, die AutorInnen bei der Gestaltung ihrer Geschichten und Figuren haben, ist für Martin R. Deans prekäre Identitätsbildung so konstitutiv wie ambivalent: «In meinen Büchern gibt es keine Figur, die nicht die Sehnsucht in sich trüge nach dem, der ich, mangels fester Identitätszuschreibungen, auch gern gewesen wäre. (…) Schreiben bedeutete für mich also von Anfang an Selbsterhaltung wie Selbstverlust.»

«Fröste der Fremdheit»

Mit vielen Querverweisen – etwa auf Thomas Mann, Rainer Maria Rilke, Elias Canetti, Friedrich Nietzsche oder Michel Foucault – ergänzt und vertieft der Schriftsteller seine Selbsterkundung, dazu kommen Einschübe zum aktuellen Rassismusdiskurs. So klug und flüssig Dean auch formuliert, es mangelt der Kompilation mitunter doch an Stringenz, was wohl daran liegt, dass sie auf einer Reihe bereits publizierter Aufsätze basiert. Am gelungensten sind jene Passagen, in denen Dean nahe bei sich und seiner Familie bleibt: das vielschichtige Porträt des bis zuletzt die «Fröste der Fremdheit» spürenden Stiefvaters oder die Reise des Autors nach Indien, wo er die Frage, wie «indisch» er sich fühle, nicht beantworten kann.

«Identität», so lautet eine von Martin R. Deans spannenden und weiterzudiskutierenden Thesen, «ist nichts anderes als ein Echoraum, in dem Eigenes mit Fremdem korrespondiert und das Eine ins Andere hinüberspielt. Statt von einem Identitätskern zu sprechen, wäre es angebrachter, von diesem Echoraum mit Vorlieben und Idiosynkrasien auszugehen.»

Dean liest in Solothurn am Freitag, 15. Mai 2015, um 16 Uhr. Weitere Veranstaltungen: Samstag, 16. Mai 2015, 12 Uhr und 15.30 Uhr.

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