Nr. 19/2015 vom 07.05.2015

Wenn der Vater zum Frosch wird

Der soziale Aufstieg einer Familie sowie deren Fall: In «Der Froschkönig» vermischen sich Märchen und bittere Realität.

Von Ulrike Baureithel

Das Buch hatte sie zufällig entdeckt, in einem Antiquariat, bevor sie mit der Projektleiterin den Flächennutzungsplan für einen Vorort Frankfurts anschaute. Es stammt aus dem Jahr 1975 und handelt von Amphibien – für eine junge Dozentin für Stadtentwicklung und Städtebau aus Zürich eigentlich kein interessantes Thema. «Doch dann steigt ihr beim Durchblättern der Seiten der Geruch in die Nase», ein Geruch nach «Alter, konserviertem Staub und Feuchtigkeit, ein Kellergeruch, Dreck, Moder und Spor». Erinnerungen tauchen auf, als sie den blätternden Lack, die Wasserflecken auf dem Umschlag betrachtet: «Rettet die Amphibien» steht dort. Der Geruch bleibt haften. Es ist der Geruch ihres Vaters.

Diese olfaktorische Beschreibung ist typisch für den schmalen dritten Roman der 1969 in Zürich geborenen Simona Ryser («Maries Gespenster», 2007, und «Helenenplatz», 2011). Die Geschichte von Leo Meister, die eine Woche im schwülwarmen Frankfurt ausharren muss, um einen städtebaulichen Auftrag zu erledigen, lebt von den Sinnen: von Gerüchen, Geräuschen und Bildern, die bis in die Kindheit zurückreichen, in «die Zeit, in der das Wünschen noch geholfen hat». Damals gehörten Märchen wie «Der Froschkönig», so der Titel des Buchs, noch zum nicht hinterfragten Bestand der Gedankenwelt eines kleines Mädchens, dessen Welt sich um «den König» drehte, aber auch um jenen Frosch, aus dem einmal ein Prinz gewünscht werden konnte.

Ein «König» in Sachen Gasbeton

Der Frosch nämlich begleitet die junge Frau überallhin. Plitsch, platsch, plitsch, platsch: Er hockt unter ihrem Schreibtisch, begleitet sie in der Handtasche durch die Stadt, taucht an den unmöglichsten Stellen auf, nicht zu vertreiben. So wie die Erinnerung an ihren verstorbenen Vater, ein «König» in Sachen Gasbeton, ein Technikgläubiger eigentlich, der sich in den siebziger Jahren aber plötzlich der gefährdeten Umwelt zuwendet und für den die Rettung der Frösche zum Auftrag wird.

Während die Stadtplanerin durch das neu zu gestaltende Gelände streift, über Strassentangenten nachdenkt, Tunnelführungen und Biotope, ruft sie die fünfziger Jahre auf, die «alten Zeiten», in der «der junge Herr Meister» mit den leuchtenden Gedanken auf der «gewölbten Stirn» um die schöne Helene wirbt und höher hinaus will. Die Technik hat es ihm angetan, thermische Wärme, in den modernen Beton eingebettet. «Er würde dranbleiben am Fortschritt», ist sich Herr Meister sicher, und am kleinen Wohlstand mit regelmässigen Ausfahrten im neuen Auto. «Die Haare der Kinder flatterten im Wind wie dieses Glück, das sich auf vier Rädern auf der Autobahn fortbewegte. Das Gesicht des Herrn Meister strahlte in der Sonne.»

Die kleine Leo spielt in dieser Zeit im Garten das Königskind, wo es am Brunnen sitzt und Frösche beobachtet und manchmal, garstiges Kind, auch den Froschlaich zerstört oder den Tierchen die Schenkel ausreisst. Doch da gibt es auch den Frosch, der ihr die in den Brunnen gefallene goldene Kugel zurückbringt und beharrlich an die Tür klopft, bis Herr Meister dafür sorgt, dass er eingelassen wird. Fortan teilt der schleimige Geselle Tischchen und Bettchen mit Leo. Denn, so die Lektion des Vaters, was man versprochen hat, muss man halten, und die Pflicht ist der Wegweiser fürs Leben. Herr Meister ist wie «der Esel am Berg», unermüdlich, aber auch störrisch.

«Herr Meister torkelte»

Doch alle Pflichterfüllung verhindert nicht, dass der König scheitert. In Frankfurt berechnet Leo kontaminierte Altlasten und versucht, mit dem attraktiven Statistiker Paul Braun anzubandeln. Doch der Frosch, den ihr der Vater ins Bett gesetzt hat, quakt ständig dazwischen. Mitte der siebziger Jahre, als Herr Meister «die Berechnungen von sich werfen will», mit der Ansiedlung von Fröschen beginnt und die Mutter mit dem Trinken, geht die Familiensonne allmählich unter. Der hart erkämpfte soziale Auf- und der unaufhaltsame Abstieg, von Simona Ryser immer wieder und sehr sensibel mit der Körperlichkeit und den Körperzuständen ihrer ProtagonistInnen in Beziehung gesetzt, enden in der Katastrophe. «Doch wie er so weiterging, schlenkerten seine Beine. Sie hielten sich an keine Richtung und keine Vorsätze. Sie fielen aus dem Rhythmus. Herr Meister torkelte.» Irgendwo war dann «ein Punkt», eine «tiefe Stelle» in seinem Körper, wo «alles zusammenlief». Am Ende wird Herr Meister selbst zu einem Frosch, der durch die Luft fliegt, ohne seine Tochter jedoch loszulassen.

In dieser Verschränkung von Märchen und Realität, von retrospektiver Traumvision und berechenbarer Gegenwart ist Ryser ein schönes Gemälde über die Wirtschaftswunderzeit und den mit ihr verbundenen Hoffnungen und Desillusionierungen gelungen. Es lebt weniger von psychologischer Stimmigkeit oder psychoanalytischer Tiefe als von sinnlichen Verschmelzungen und suggestiven Bildern, die «Form und Fassung», das väterliche Erbe, sprengen.

Für die Trockenlegung von «Sumpf und Schlamm» war Leo nach Frankfurt gereist und hatte ihr Tagebuch angelegt. Sie gerät dabei in die «kontaminierte Zone» der Erinnerung, bis ans Bett des verlassenen kranken Vaters. Dass sie erst in der Natur, mit Paul, so etwas wie eine Katharsis erfährt, mag motivisch etwas kitschig wirken, tut dem erzählerischen Überschuss dieses bescheiden daherkommenden Romans aber keinen Abbruch.

Am Ende sitzt die junge Prinzessin noch einmal am Brunnen und wirft ihre goldene Kugel ins Wasser, doch kein Frosch bringt sie ihr zurück. Die Zeiten, in denen das Wünschen noch geholfen hat, sind vorbei, der König ist beerdigt, und kein Plitsch und Platsch mischt sich in Leos Wollen.

Ryser liest in Solothurn am Sonntag, 17. Mai 2015, um 14 Uhr. Literatur im Dunkeln: Samstag, 16. Mai 2015, 16 Uhr. 
Autoren im Dialog: Simona Ryser mit Matthias Nawrat, Freitag, 15. Mai 2015, 19 Uhr.

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