Nr. 22/2015 vom 28.05.2015

Bedingte Sehhilfe

Von Stephan Pörtner

Um aktiv zur Kostenreduktion im Gesundheitswesen und zur Minderung der Ressourcenverschleuderung beizutragen, pflegte Grübelbach seine alten Brillengläser zu rezyklieren, indem er sie in aus der Mode geratene und deshalb entsorgte Fassungen montierte. Da die Formen nie zusammenpassten, musste er sich mit Füllmaterial behelfen, sodass die Konstruktionen, die er auf der Nase trug, abenteuerlich und gewagt waren und als Sehhilfe nur bedingt taugten. Grübelbach aber war der Ansicht, dass die höheren Interessen überwogen, und brachte das Opfer, Verkehrsschilder, die er für seine Nachbarn hielt, freundlich zu grüssen oder mit auf falsch abgezählten Gleisen abfahrenden Zügen weiträumige Umwege zu machen, gerne dar.

Stephan Pörtner ist Krimiautor («Köbi der Held», «Stirb, schöner Engel», «Mordgarten») und lebt in Zürich. Für die WOZ schreibt er Geschichten, die aus exakt 100 Wörtern bestehen. Im Dezember 2014 hat die WOZ eine Auswahl unter dem Titel «100 Mal 100 Wörter» als Buch herausgegeben. Es ist ebenso wie «Mordgarten» unter www.woz.ch/shop/woz-buecher erhältlich. www.stpoertner.ch

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