Nr. 23/2015 vom 04.06.2015

«Sie missfallen mir immer mehr»

Von Matthias Reichelt

Der Literaturteil im Feuilleton der konservativen «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» avancierte unter Marcel Reich-Ranicki (1920–2013) zum anspruchsvollsten Deutschlands. Kurz nachdem Reich-Ranicki 1973 die Leitung der Literaturredaktion übernommen hatte, gewann er den linken Autor Peter Rühmkorf (1929–2008) als Rezensenten und Essayisten. Die gegenseitige Sympathie der beiden ebenso talentierten wie eitlen Giganten des Literaturbetriebs führte zu einer langjährigen Zusammenarbeit. Reich-Ranicki, der als umstrittener «Literaturpapst» in den deutschen Medien ebenso auf Bewunderung wie auf Neid stiess – mitunter begleitet von antisemitischen Untertönen –, fand in Rühmkorf stets einen treuen Unterstützer.

Wenn auch die Zusammenarbeit der beiden nicht frei von Spannungen und Krisen war, wie nun anhand von 287 sorgfältig edierten zwischen 1973 und 2006 ausgetauschten Briefen deutlich wird. Sie geben Einblick in ein Arbeitsverhältnis, das mit zwistbedingten Pausen zwischen «kommerziell-kameradschaftlich widersprüchlich» und erneuter «Freundschaftsbesiegelung» schwankte. Und sie lassen Arbeitsbedingungen erkennen, die heute niemand mehr kennt.

Bis zuletzt hielten beide an einem distanzierenden und trotzdem von grosser Nähe begleiteten «Sie» fest. Die grosse Geduld, die Reich-Ranicki mit dem von ihm stets umworbenen wie auch gelobten Autor Rühmkorf bewies, wurde von jenem bis über die Grenzen strapaziert. Mitunter liess Rühmkorf anderthalb Jahre lang auf Rezensionen warten, was seinen Redaktor Reich-Ranicki zu Sätzen wie «Sie missfallen mir immer mehr» oder «Die Zusammenarbeit mit Ihnen wird allmählich qualvoll» veranlasste.

Und dennoch mündete das immer in einem herzlichen Gruss. Berechtigter Tadel, zärtliche Beschimpfung und Lob durchdringen Reich-Ranickis Briefe auch am 18. Januar 1985: «Mein Lieber, Sie sind ein ekelhafter Mensch. Aber Ihr Aufsatz über Gernhardt ist vorzüglich, ja hervorragend. Er wird bald erscheinen.»

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