Nr. 24/2015 vom 11.06.2015

Geschichten, die noch nie erzählt wurden

Corinne Rufli lässt in ihrem Buch frauenliebende Frauen über siebzig berichten, wie sie lebten, als es Frauenliebe noch nicht zu geben schien.

Von Barbara Rimml

«Ich hatte recht, du bist doch schwul», sagte das schöne Mädchen nach der ersten gemeinsamen Nacht zur damals 22-jährigen Liva Tresch – das Wort «Lesbe» benutzten sie in den fünfziger Jahren noch nicht. Liva Tresch hätte sich ob dieser Erkenntnis am liebsten gleich umgebracht. Ganz anders fühlte sich Rita Kappeler nach ihrer ersten Liebesnacht mit einer Frau: «Seit dieser Nacht war ich wie verzaubert.»

So verschieden wie die Reaktionen auf ihr lesbisches Erwachen sind auch die Lebensgeschichten der elf Frauen über siebzig Jahren, die die Historikerin Corinne Rufli niedergeschrieben hat. Die einen fühlten sich schon als junge Frauen von anderen Frauen angezogen, andere heirateten oder hatten Kinder und lernten erst später die Liebe zwischen Frauen kennen. Der Begriff «frauenliebend» im Untertitel ist übrigens bewusst gewählt worden. Denn die Bezeichnung «lesbisch» mögen einige der im Buch vorgestellten Frauen überhaupt nicht.

«Es gab mich nicht»

Gemeinsam ist allen Frauen in Ruflis Buch: Sie wuchsen in einer Zeit auf, in der die Rolle der Frau als Ehefrau, Hausfrau und Mutter klar definiert war. Es war eine Zeit, in der Liebe zwischen Frauen im gesellschaftlichen Bewusstsein so wenig existierte wie das Wort dafür. «Damals, Mitte der 1950er Jahre, war das Thema Frauenliebe noch völlig tabu. Dass gleichgeschlechtliche Liebe ein Teil unserer Lebensmöglichkeiten ist, wurde erst viel später öffentlich thematisiert», erzählt die heute 77-jährige Karin Rüegg. «Frauenliebe gab es nicht. Das war eine verrücktmachende Situation: Es gab mich nicht.»

Wie etwas leben, das es nicht geben soll? Sie litten und kämpften, diese Frauen, und sie fanden ihre eigenen Wege. Ihre Geschichten sind Geschichten der Emanzipation: Beruf statt Herd, frauen- statt männerliebend, partnerschaftliche Beziehung statt patriarchaler Unterordnung. Die einen liebten im Verborgenen, nur ihr engstes Umfeld wusste Bescheid. Andere gingen offensiver damit um und beteiligten sich auch an der Frauen- oder Lesbenbewegung.

Bisher unerforschte Geschichte

Mit elf Frauen, die älteste 1931 und die jüngste 1942 geboren, führte Corinne Rufli mehrstündige Gespräche über ihr Leben. Sie liess den Gesprächspartnerinnen offen, worüber und wie sie reden wollten, und schrieb die in Dialekt geführten Gespräche auf Hochdeutsch nieder. «Mein Ziel war, dass der individuelle Sprach- und Erzählstil spürbar bleibt», so Rufli in der Einleitung zum Buch. Das ist der Autorin gut gelungen. Die Erzählungen lesen sich leicht und flüssig. Sie wirken authentisch, man spürt die verschiedenen Frauen dahinter. Und sie sind spannend, diese Geschichten. Mal abenteuerlich und tragisch, mal alltäglich und schön, immer sehr persönlich. Das Buch berührt einen.

Es sind «Geschichten, die noch nie erzählt wurden», schreibt Historikerin Rufli einleitend. Denn über die Geschichte lesbischer Frauen in der Schweiz ist wenig bekannt. Sie organisierten sich in den dreissiger Jahren in Zürich. Und dann gab es die Lesbenbewegung in den siebziger Jahren, die auch den Begriff «lesbisch» als positive Selbstbezeichnung zu nutzen begann. Dazwischen? Wie Veronika Minders Dokumentarfilm «Katzenball» aus dem Jahr 2005, in dem die zu Beginn erwähnte Liva Tresch übrigens ebenfalls vorkommt, bringen die Erzählungen der frauenliebenden Frauen über siebzig Licht in ein bisher kaum erforschtes Stück Schweizer Geschichte. Solche Geschichte ist gefragt: Nach nur drei Wochen war die erste Auflage des Buchs bereits ausverkauft.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch