Nr. 24/2015 vom 11.06.2015

Lesen, schreiben, leben

Über das Dichten nachdenken: In den neuen Büchern von Terézia Mora, Lukas Bärfuss und Daniel Kehlmann geht es um die Bedingungen des Dichtens, um das Ausprobieren beim Schreiben sowie um den Mut, die Spinne anzufassen.

Von Eva Pfister

«Was die Planung nicht lösen kann, wird das Spiel lösen»: Terézia Mora über ihre Arbeit als Schriftstellerin. Foto: Peter von Felbert

«Meine Eltern hätten mir nicht erlauben sollen, mit neun Jahren ‹Die schwarze Spinne› zu lesen. Noch nie hatte ich mich so gefürchtet. Nie zuvor solche Albträume, nie so eine Intensität der Angst.»

So begann Daniel Kehlmann seine zweite Poetikvorlesung im Sommer 2014 an der Frankfurter Goethe-Universität, als Auftakt zu einer furiosen Interpretation von Jeremias Gotthelfs Novelle. Die Angst von damals hat wohl seine Sätze und Gedanken befeuert, und noch immer staunt er über dieses geniale Stück Horrorliteratur, das ausgerechnet der fromme Albert Bitzius in der langweiligen Schweiz geschrieben hat. Kehlmann, der Erfolgsautor von «Die Vermessung der Welt» (2005) und «Ruhm» (2009), scheint sich beinahe für seine kindlichen Albträume rächen zu wollen, wenn er ausdeutet, wie viel Frauenfeindlichkeit und Angst vor Sexualität in dieser Novelle steckt. Und dennoch bewundert er Gotthelf, denn der habe seiner grössten Furcht ins Gesicht gesehen. «Vielleicht der einzige ‹creative writing›-Rat, der wirklich etwas zählt: Ein Schriftsteller sollte sein wie Pastor Blitzius [sic! Kehlmann schreibt den Namen tatsächlich durchgehend falsch]. Er sollte die Spinne anfassen.»

Arbeit und Spiel

Daniel Kehlmanns «Kommt, Geister» umfasst fünf grandiose Essays: über Ingeborg Bachmann und den Literaturbetrieb der Nachkriegszeit, über William Shakespeare, Grimmelshausen, Leo Perutz und eben über Gotthelfs und J. R. R. Tolkiens Mythenwelt. Wer von Daniel Kehlmann jedoch erwartet, dass er über sich selbst und sein Schreibhandwerk spricht, wird enttäuscht. Abgesehen vom Rat, die Spinne anzufassen, gibt er keinerlei Geheimnisse seines Handwerks preis, nur, dass er sich für den ausgeklügelten dramaturgischen Aufbau der Handlung in «Ruhm» von Leo Perutz inspirieren liess. Aber die Lektüre der Vorlesungen ist ein Genuss und lehrreich dazu, etwa das anschauliche Porträt des Barockautors Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen, dessen Leben wie sein Hauptwerk, die Geschichte des Simplicius Simplicissimus, vom Dreissigjährigen Krieg (1618–1648) geprägt waren. Und der immer weiterschreiben musste, denn – so Kehlmann – die erzählende Stimme war für ihn das Mittel, mit seinen Erfahrungen fertigzuwerden.

«Nicht sterben» betitelt Terézia Mora ihre Poetikvorlesungen, die sie ein halbes Jahr vor Daniel Kehlmann in Frankfurt hielt. Nicht sterben, sondern einen Ausweg suchen, etwas Neues wagen, auswandern vielleicht oder: schreiben. Die aus Ungarn stammende Autorin erzählt unmittelbar von sich selbst, von ihren Anfängen, von der Unsicherheit und von den Schwierigkeiten, für ein Thema die richtige Form zu finden. Das ist hochreflektiert und liest sich dabei doch ungemein spannend. Zum einen, weil es fast eine Autobiografie der 44-jährigen Erfolgsautorin ist, die mit ihrem letzten Roman, «Das Ungeheuer», 2013 den Deutschen Buchpreis gewann. Zum andern, weil sie die LeserInnen direkt anspricht als Schreibwillige, die noch am Anfang stehen. Zum Beispiel so: «Gräme dich nicht. Das kommt häufig vor. Dass du anfangs gerade darüber vermeidest, etwas zu sagen, worum es wirklich geht.»

Nach ihrem Verstummen in den niederdrückenden Verhältnissen ihrer Herkunft – in der ungarischen Provinz im real existierenden Sozialismus, in einer bäuerlichen, gewaltanfälligen Gesellschaft – musste Terézia Mora erst einmal ihre eigene Stimme finden. Als Studentin des Fachs Drehbuch an der Berliner Filmhochschule schrieb sie Szenen, die immer verworfen wurden, weil nicht «Tatort»-konform, von denen sie aber zunehmend merkte, dass sie «richtig» waren. «Richtig, weil zum einen tief und somit wahr, und dazu war es auch noch gut ausgeführt.»

Ausprobieren und Lösungen suchen, darin besteht ein Grossteil ihrer Schreibtätigkeit, das beschreibt die Autorin so anschaulich, dass man spürt: Da ist viel harte Arbeit, aber auch Lustvolles im Spiel. Etwa die Lust am Improvisieren. Was Terézia Mora bei ihren Recherchefahrten erlebte, änderte immer wieder die geplante Reise ihrer Hauptfigur in «Das Ungeheuer» – und dieses Spiel geniesst die Autorin: «Was die Planung nicht lösen kann, wird das Spiel lösen. Du musst dich nur darauf einlassen.»

Schreiben, um etwas zu erfahren

So unterschiedlich können also Poetikvorlesungen sein. Was heisst Poetik genau? Ein Lexikon hilft: die Lehre von der Dichtkunst. Das kann die konkrete Auseinandersetzung mit dem Handwerk sein, die kritische Betrachtung von Texten oder auch das theoretische Ergründen des Wesens der Ars poetica. In die Theorie wagt sich Lukas Bärfuss in seiner Antrittsvorlesung zur Heiner-Müller-Gastprofessur an der Freien Universität Berlin. Er fragt nach den existenziellen Bedingungen des Dichtens und vertieft sich in physikalisch-philosophische Probleme von «Zeit und Raum» – so der Titel der Vorlesung. Ob die StudentInnen seine Ausführungen begriffen haben? Die Rezensentin war bemüht, aber an einem bestimmten Punkt fragte sie sich, ob Bärfuss denn den Schock vergessen habe, der ihn einst bei der Lektüre von Robert Walser traf. Bei ihm hatte er nämlich entdeckt, dass Schreiben und Lesen nicht unbedingt dem Erkenntnisgewinn dienen müssen. Das haute den Lexikonliebhaber um, eröffnete ihm aber den sinnlichen Zugang zur Sprache: «Ich hörte sie atmen, schnaufen, sah, wie sie trabte, galoppierte, tänzelte …» Es muss eine Art Erweckungserlebnis gewesen sein, denn Bärfuss schreibt, Walser habe ihn ins Herz getroffen. «Seine Literatur fragt mich nicht, wer ich bin, was ich kann, was ich gelesen habe und wie gross mein Wissen ist. Sie fragt mich bloss: Bist du bereit? Willst du sehen?»

Kleist und der Vater

Zwischen dem Erlebnisbericht über die Walser-Lektüre «Der Augenblick der Sprache» und der Antrittsvorlesung in Berlin liegen sieben Jahre. In diesem «Zeit-Raum» ist Lukas Bärfuss vom wilden Jungdramatiker zum Star des Schweizer Literaturbetriebs herangewachsen, hat mit dem Roman «Koala» den Schweizer Buchpreis 2014 gewonnen und ist mit seiner engagierten Haltung und seiner beeindruckenden Ernsthaftigkeit zu einem Vorzeigeintellektuellen geworden. Im Essayband «Stil und Moral» findet sich diese Entwicklung in vielen Aspekten seines Schaffens gespiegelt: Interpretationen von Shakespeare oder Gotthold Ephraim Lessing, die er als Dramaturg und Hausautor des Zürcher Schauspielhauses verfasst hat, stehen neben politischen Überlegungen über Demokratie oder Wirtschaft und persönlichen Erfahrungen. In «Der Feuerofen» etwa erzählt er, was für ihn, den Schulabbrecher, die Bildung bedeutet. Besonders aufschlussreich ist der Essay «Der Ort der Dichtung»: Hier verwebt Bärfuss Gedanken über Heinrich von Kleist in Thun mit seiner eigenen Situation als Sohn eines abwesenden Vaters, über den er auch nach dessen Tod nichts in Erfahrung bringen konnte. «Was mir blieb, war das Schreiben, die Erfindung meiner oder irgendeiner Geschichte, weniger, um zu erzählen, als um etwas zu erfahren, über mich und meine Stellung in den Ereignissen, die man als Schicksal bezeichnet.»

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