Nr. 28/2015 vom 09.07.2015

Der Blutzehnte vom Leib des Volkes

Von Stefan Howald

Er sah in Strassburg das französische Wetterleuchten der Freiheit; seine Verlobte war Elsässerin, sein erstes Drama spürte Elend und Heroismus im revolutionären Paris nach. So überbrückte der Darmstädter Georg Büchner (1813–1837) die Grenzen. Und so ist es passend, dass nun eine zweisprachige Ausgabe seines frühesten Pamphlets vorliegt, ein Bändchen für die Westentasche, als geistige Waffe: «Le Messager de Hesse. Un tract/Der Hessische Landbote. Ein Flugblatt».

Links liest sich das Buch auf Deutsch, in Fraktur, rechts auf Französisch, in moderner Typografie. Auf dem Umschlag gilt dasselbe für hinten und vorn. Da wird die Produktion des Flugblatts im Jahr 1834 beschrieben, durchsetzt mit aktuellen Ergänzungen. So geht der Drucker Carl Preller nicht vergessen, und auch Pfarrer Weidig nicht, der den Text politisch entschärft haben mag, aber ohne den es einen solchen Text gar nicht gäbe.

Einer der beiden Übersetzer, Frédéric Metz, hat vor einigen Jahren eine ungewöhnliche Büchner-Biografie in drei Bänden vorgelegt. In seiner Übersetzung des «Landboten» will er Büchners Klang beibehalten, sowohl alttestamentarisch-lutherisch wuchtig anklagend wie jungrevolutionär-französisch scharf analysierend. Deshalb lässt er ab und an deutsche Begriffe im Original oder druckt deutsch-französische Doppelwörter. «Dies Geld ist der Blutzehnte, der von dem Leib des Volkes genommen wird» liest sich dann so: «Cet argent est la dîme de blut, qui est pris sur le corps-leib du volk.» Das ist gewöhnungsbedürftig, aber spannend. Im Nachwort wird eingeräumt, das Mittel werde zuweilen zufällig verwendet, aber bei den meisten Begriffen gezielt: Die Doppeldeutigkeit von «Volk» oder «Gewalt» kann so besser veranschaulicht werden.

Im Übrigen sagt Metz zu Recht, man müsse das Flugblatt, den «tract», öffentlich laut deklamieren. Deshalb, alle miteinander im Chor: «Cet argent est la dîme de blut pour le IWF, qui est pris sur le corps-leib du volk grec.»

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