Nr. 28/2015 vom 09.07.2015

Der Tod als freundlicher Begleiter

Von Amelie Baumann

«An einsamen Sonntagen verspüre ich Lust, mich auf die moosbedeckten Gräber zu legen und mich an der Sonne zu wärmen. Mich hinlegen. Mich ausruhen. Was ist der Tod anderes?» Für Pia, die Protagonistin in Regula Wengers Roman «Leo war mein erster», ist der Tod ein alltägliches Thema: Als Putzfrau reinigt sie Wohnungen von Verstorbenen. Dass sie ihren Beruf als ganz normale Arbeit sieht, können ihre wenigen FreundInnen nicht verstehen. Doch Pia fürchtet sich nicht vor dem Tod, sie staunt über ihn.

Wenn sie bei ihrer Arbeit auf trauernde Angehörige und NachbarInnen trifft, hört sie ihnen zu und fühlt mit einer gewissen Distanz mit den Trauernden mit. Mehr als für die Trauernden jedoch interessiert sie sich für die Toten: Sie erstellt Listen von den zurückgebliebenen Gegenständen aller Verstorbenen – dadurch erhält man auch als Leserin ein Bild der Verstorbenen. Manchmal nimmt sie auch etwas mit nach Hause, was sie jedoch, wenn sie erwischt wird, in unangenehme Situationen bringt. Über die Geschichten und Schicksale der Verstorbenen erfährt man langsam auch etwas über Pias Leben und nähert sich ihrer eigenen, schwierigen Familiengeschichte an. Auch hier spielte der Tod eine wichtige Rolle.

Regula Wenger, die als Journalistin und Autorin in Basel lebt, schreibt in kurzen und prägnanten Sätzen, was sich sehr flüssig liest. Mit viel Humor, Ironie und auch Tiefgang gelingt es ihr in ihrem Erstling, dem Thema Tod das Schreckhafte zu nehmen. Durch die detaillierten Beschreibungen von Pias Putzerlebnissen und den Reaktionen und Emotionen ihrer Mitmenschen fühlt man sich teilweise fast in Pia hineinversetzt und merkt kaum, wie verschroben sie tatsächlich ist.

Im Verlauf der Geschichte lernt Pia eine ältere Dame kennen. Dies ist der Beginn einer besonderen, jedoch etwas skurrilen Freundschaft und bringt der Geschichte eine Wende mit unerwartetem Ausgang – der natürlich auch mit dem Tod zu tun hat.

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