Nr. 33/2015 vom 13.08.2015

Auf dem Weg zur Verständigung

Von Rahel Locher

«Das verstehst du nicht.» Immer wieder richtet der palästinensische Filmemacher Nadim diese Worte an die israelische Schriftstellerin Lizzie. Verstehen – wie soll das gehen in einem gespaltenen Land, in dem Gewalt zur Tagesordnung gehört? In dem zögerliche Versuche zur Verständigung von «gegossenem Blei» konterkariert werden? In dem für den einen ein Märtyrer ist, was die andere als Terroristen bezeichnet?

Nadim aus Ostjerusalem und die Ich-Erzählerin Lizzie lernen sich an einer Friedenskonferenz in Rom kennen, inmitten des Gazakriegs um die Jahreswende 2008/09. Daraus entwickelt sich ein Projekt: Sie schreibt über ihn, er möchte einen Film über beide drehen. Doch die Treffen gestalten sich schwierig. Immer wieder verschwindet Nadim, wenn er sich um die Verlängerung der Aufenthaltsgenehmigung für seine Frau oder seinen von israelischen Soldaten gedemütigten Sohn kümmern muss. Oder dann lässt ihn die Verzweiflung verstummen.

Durch die Erzählungen aus seinem Alltag führt Nadim Lizzie die Hindernisse vor Augen, die der israelische Staat den PalästinenserInnen in den Weg legt. So erhält Nadims bittere Lebensrealität klare Konturen. Lizzie ist oft selbst erstaunt über ihre Unkenntnis seiner Situation. Auch Lizzies eigene Geschichte drängt in den Vordergrund: die in Jerusalem bei einem Attentat umgekommene Freundin. Der im Jom-Kippur-Krieg gefallene Jugendfreund. Das Schweigen der Mutter, einer Überlebenden der Schoah.

Die israelische Schriftstellerin Lizzie Doron wirft in ihrem autobiografisch gefärbten Roman «Who the Fuck Is Kafka» einen zweifelnden Blick aufs eigene Land. Zweifel, die nicht alle hören wollen: Das Buch erschien noch nicht auf Hebräisch. Dabei ist die Offenheit für den anderen vielleicht der einzige Weg, dem Krieg zu entkommen. «Gut, du hast mich verstanden.» Dies sagt Nadim am Ende des Buchs, und der Gazakrieg vom Sommer 2014 ist auch zu Ende.

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