Nr. 34/2015 vom 20.08.2015

«Das Leben schäumte hoch zu uns, die wir steif und wohlerzogen dasassen»

In ihren Romanen beschrieb Jean Rhys das Leben in Europa aus der Sicht einer karibischen Einwanderin. Zu ihrem 125. Geburtstag erscheint ihr Meisterwerk «Die weite Sargassosee» in einer neuen Übersetzung.

Von Eva Pfister

Feines Gefühl für Ungerechtigkeiten: Jean Rhys, circa 1921. Foto: Schöffling Verlag

Als Jean Rhys mit sechzehn Jahren nach England kam, war sie neugierig auf das berüchtigt kalte, graue London – und guten Mutes. Eine grosse Schauspielerin wollte sie werden, sich endlich ausleben, nachdem sie sich als Kind in der Karibik vor ihrer strengen Mutter in Büchern verkrochen hatte. Gefangen in den Konventionen einer britischen Familie, beneidete sie die schwarzen Dienstboten um ihr sinnlicheres Leben. Beispielsweise, wenn sie vom Fenster aus die Karnevalszüge beobachtete: «Auf der Strasse tanzten grell maskierte Gruppen zu den Klängen von Musikkapellen. Beim Zusehen dachte ich, ich würde alles, aber auch alles dafür geben, wenn ich so tanzen könnte. Das Leben schäumte hoch zu uns, die wir steif und wohlerzogen dasassen und zuschauten.»

Als Revuegirl auf Tournee

Ella Gwendolen Rees Williams kam am 24. August 1890 auf der britisch kolonisierten Insel Dominica zur Welt. Die Sklaverei war schon seit einem halben Jahrhundert aufgehoben, aber die weisse Oberschicht, zu der ihre Eltern gehörten, spürte zunehmend den Hass der unterdrückten Bevölkerung. Das Kind erlebte die Rassenkonflikte hautnah mit und entwickelte ein feines Gefühl für Ungerechtigkeiten. Es sympathisierte mit den Einheimischen, war fasziniert von deren Voodoopraktiken und fühlte sich in der tropischen Natur zu Hause. In ihrem Werk wird Jean Rhys, wie sie sich als Schriftstellerin nannte, diese Welt wieder zum Leben erwecken. «Es ist komisch, wie gut man sich erinnern kann, wenn man im Dunkeln liegt, den Arm über der Stirn. Zwei Augen öffnen sich einem im Kopf.» So denkt die Protagonistin Anna im Roman «Irrfahrt im Dunkel», die aus einer trostlosen Existenz in die Welt ihrer Kindheit flieht. «Alles ist grün, überall wächst etwas. Keinen Augenblick herrscht Stille – irgendetwas summt immer. Und dann dunkle Klippen und Schluchten und der Geruch von verfaulten Blättern und Feuchtigkeit.»

Anna ist die Geliebte eines gut verdienenden Börsenmaklers, der nicht daran denkt, sie zu heiraten. Verloren irrt sie durch London, eine unwillkommene Fremde, die keinen Platz in dieser Gesellschaft findet. Die Heldinnen in den frühen Romanen von Jean Rhys sind alle solche Aussenseiterinnen. Ihre Welt besteht aus miesen Cafés und schäbigen Pensionszimmern, in denen sie auf ihre Liebhaber und Gönner warten.

Das sind Situationen, die Jean Rhys durchaus vertraut waren. Wie Virginia Woolf wohnte sie im Londoner Stadtteil Bloomsbury, und wie Getrude Stein lebte sie in Paris, aber sie hatte mit diesen Kreisen keine Berührung. Als ihr Vater starb, musste sie ihre Schauspielausbildung abbrechen und landete als Revuegirl in einem Tourneetheater – wie die Heldin ihres Romans «Quartett»: «Eine graue Prozession von Städten, die sich alle vollkommen glichen, eine graue Prozession von Männern, die sich auch vollkommen glichen. So kann man lange dahintreiben, fand sie, wenn man nur sorgsam verheimlichte, dass dieses Leben nichts mit den Erwartungen von einst zu tun hatte. Nicht das Geringste.»

Während die enttäuschten Frauen ihrer Romane in Verzweiflung enden, rettete sich Jean Rhys durch das Schreiben vor dem Absturz in die Depression. Als sie mit dem ersten ihrer drei Ehemänner in Paris lebte, wurde sie von dem englischen Autor und Verleger Ford Madox Ford entdeckt. Unter seinem Einfluss schrieb sie erste Kurzgeschichten und 1929 den Roman «Quartett», in dem sie ein eher unsympathisches Bild von ihm als Liebhaber zeichnete. Bis 1939 erschienen drei weitere Romane, danach verschwand Jean Rhys vollständig aus der literarischen Öffentlichkeit, sodass man sie für tot hielt.

Wie in einem Albtraum

1957 fragte ein Verlag in einem Inserat nach Menschen, die Auskunft über Jean Rhys geben könnten. Überraschend meldete sie sich selbst – aus einem kleinen Dorf in Südengland, wo sie an einem neuen Roman arbeitete. 1966 erschien «Wide Sargasso Sea», ihr Meisterwerk, das ihr Erfolg und späte Anerkennung brachte.

Die titelgebende Sargassosee liegt im Atlantik dort, wo sich der Blick von der Karibik nach Europa richtet. Wie in einem Albtraum lässt Rhys diese beiden Welten aufeinanderprallen. «Die weite Sargassosee» spielt auf Jamaika um die Mitte des 19. Jahrhunderts und ist von der Krisenstimmung geprägt, die sich nach der Abschaffung der Sklaverei unter den Weissen ausbreitete. Erzählt wird die Geschichte von Antoinette, Tochter einer britischen Familie, die mit achtzehn Jahren von ihrem Stiefvater mit einem Mitgiftjäger aus England verheiratet wird. Der hat bald genug von den Tropen, von der Intensität der Landschaft wie von den Gefühlen seiner Frau: «Alles hier ist zu viel, empfand ich, als ich müde hinter ihr herritt. Zu viel Blau, zu viel Rot, zu viel Grün. Die Blumen zu rot, die Berge zu hoch, die Hügel zu nah. Und diese Frau ist eine Fremde. Ihr flehentlicher Gesichtsausdruck ist mir unangenehm. Nicht ich habe sie gekauft, sondern sie mich, denkt sie zumindest.»

Auf seine plötzliche Ablehnung reagiert Antoinette mit psychischen Störungen. Ihr Mann nimmt sie mit nach England und sperrt sie auf dem Dachboden seines Hauses ein, so wie Mrs Rochester in Charlotte Brontës Roman «Jane Eyre» (1847). Tatsächlich erzählt Jean Rhys in «Die weite Sargassosee» die Vorgeschichte dieser Figur. Auch Mrs Rochester stammt von den Westindischen Inseln und wurde des Geldes wegen geheiratet. Aber die LeserInnen lernen sie nur aus englischer Sicht kennen, durch die entsetzten Augen von Jane Eyre, als sie zum ersten Mal den verbotenen Raum unter dem Dach betritt: «In der dunkelsten Ecke des Zimmers bewegte sich eine Gestalt unruhig hin und her. Auf den ersten Blick konnte man nicht sagen, ob es ein Mensch oder ein Tier war. Es schien auf allen vieren zu kriechen, schnappte und knurrte wie ein wildes Tier, aber es war wie ein Mensch bekleidet, und dichtes, fülliges, etwas angegrautes Haar hing ihm wie eine Mähne über das Gesicht.»

Unübertroffene Schilderungen

Es muss Jean Rhys gegen den Strich gegangen sein, dass in einem der grossen Klassiker der britischen Literatur eine Person aus ihrer Heimat dermassen brutal verzerrt gezeichnet ist. In «Die weite Sargassosee» lässt sie dieser Figur Gerechtigkeit widerfahren, indem sie der britischen Perspektive auch die karibische entgegensetzt.

Wie ihre Romanheldinnen litt auch die 1979 verstorbene Autorin zeitlebens an ihrer Entwurzelung und am Unverständnis ihrer Umgebung für ihre besondere Geschichte. Aber gerade aus ihrer Aussenseiterposition heraus lieferte Jean Rhys unübertroffene Schilderungen der prekären Existenz junger Frauen, die vergeblich einen Platz in einer mitleidlosen Gesellschaft suchen.

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