Nr. 36/2015 vom 03.09.2015

Ganz gut beim Besuchen des Südpols

Wie wird einer Soziologe? Und was lernt er dabei? Aus dem Nachlass des deutschen Soziologen Lars Clausen ist ein Vorlesungsmanuskript veröffentlicht worden, das auf jeder Seite Lust aufs Lernen macht.

Von Stefan Howald

Wieso sollten Tassen überhaupt einen Henkel haben? Die Vorlesungen des Soziologen Lars Clausen sind voller überraschender Gedanken. Foto: Ursula Häne

Soziologie hatte auch schon einen besseren Ruf: als Werkkasten für die kritische Gesellschaftsanalyse. Oder einen schlechteren: als Reparaturwerkstatt für die bestehende Gesellschaft. Mittlerweile ist sie von Geschichte, Kultur und Philosophie auf der einen, von Meinungsumfragen und Politgeografie auf der anderen Seite eingezwängt. Ausgebildete SoziologInnen wie Jürgen Habermas oder Zygmunt Bauman, Richard Sennett oder Saskia Sassen werden heute mit dem übergreifenden Begriff der GesellschaftstheoretikerInnen nobilitiert – während die Soziologie im engeren Sinn sich weit ausdifferenziert hat.

Dieser Trend ist nicht gar so neu. Der deutsche Soziologe Lars Clausen (1935–2010) hat zum Beispiel schon 1973 ein Fach wie die Katastrophensoziologie begründet, lange bevor Ulrich Beck den Begriff der Risikogesellschaft prägte. Angesichts der Möglichkeit eines Atomkriegs stellte sich die Frage, wie sich Menschen in Katastrophen verhalten und wie man darauf institutionell reagieren sollte. Im Nachhinein hat Clausen vor allem das «Experten-Laien-Syndrom» als zentrales Problem erkannt, «weil nach einer Weile die Laien den Ärzten nicht mehr glauben und die Ärzte die Laien für Blödmänner halten, und beide haben Recht. Schon sind neue Katastrophen da.» Siehe den aktuellen Glaubenskrieg ums Impfen.

Im Jahr 2000 hat Clausen eine Abschiedsvorlesung gehalten, die nun, mit einiger Verspätung, als Buch vorliegt. «Meine Einführung in die Soziologie» ist ein ungemeines Lesevergnügen. Die fünfzehn nur leicht redigierten mündlichen Einzellektionen zünden ein Feuerwerk scharfer Beobachtungen und Sentenzen. Clausen muss ein genialer Lehrer gewesen sein. Er wählt einen ebenso einfachen wie eigenwilligen Ausgangspunkt: wie im Lauf der eigenen Sozialisation die kritische Beobachtung entsteht. Wie also ist Lars Clausen auf dem «Weg in die Gesellschaft» zum Soziologen geworden? Oder, besser: Wie hat sich sein soziologisches Denken entwickelt? Denn darum geht es: den Blick auf den Menschen als soziales Tier zu werfen.

Clausen, Jahrgang 1935, berichtet deshalb über seine Kindheit in Berlin. Mit fünf Jahren war Lars «ein kleiner Nazi», nicht ideologisch (denn was hiesse dies für einen Fünfjährigen?), sondern im Verhalten, da er einen Nachbarn mit fremdländischem Namen durch eine entsprechende Bemerkung in Angst und Schrecken versetzen konnte. Nach dem Tod des Vaters im Zweiten Weltkrieg wurde der junge Lars zuerst nach Pommern versandt und lernte dann als Pommernflüchtling in Hamburg neue soziale Milieus und neue Sozialtypen kennen. In Industriestädten sei der Klassenkonflikt wegen der harten Haltung der Unternehmer unnachgiebiger geführt worden, bemerkt er im Rückblick: «In den niederdeutschen Hansestädten gingen die proletarischen Stauer und Matrosen zwar auch hart gegen die kapitalistischen Reeder und Kaufleute an, deren Lebenserfahrung war jedoch der kaufmännische Kompromiss. Sie konnten sich also nach der Revolution von 1918 auch eher mit der SPD einigen.»

Diese Mischung aus Eigenbeobachtung und Verallgemeinerung ist der Gestus des Buchs, eigenwillig und witzig, und auf jeder zweiten Seite finden sich eine prägnante Formulierung und eine überraschende Einsicht. Zum Übergang vom Feudalismus zum Bürgertum meint Clausen: «Der Bürger erledigt den Pfaffen. Da waren alle schon mal dafür (ausser natürlich den frommen Bayern).» Wobei er später nachschiebt: «Entschuldigen Sie, dass ich immerzu absolut unhaltbare Folklorebemerkungen dazwischen haue, aber Sie sind inzwischen schon fast kontaminiert mit Soziologie und können hinter allem die Ideologie und den Realismus und die Prüfmöglichkeiten erkennen.»

Wildwest in Afrika

Aus Anlass seiner Gymnasialzeit bricht Clausen eine Lanze für den Griechischunterricht – nicht als Vermittlung losgelösten hehren Kulturguts, sondern weil man bei den alten Griechen über alle erdenklichen Machtkonstellationen nachlesen und gleich auch noch etwas über basisdemokratische Machtwechsel erfahren kann. Er schildert die schrecklichen fünfziger Jahre – «die traditionalste Zeit, die wir seit 1860 gehabt hatten» – und dann die strengen Hierarchien der Ordinarienuniversität, in der die Studierenden in einer «totalen Rolle» ins Studentsein eingebunden und abhängig von ihren Professoren waren.

Mit der Zeit nach Clausens Promotion 1963 wird das Buch immer mehr zu einer Wissenschaftsgeschichte der Soziologie, aber auch zur Analyse wissenschaftlicher Forschung, samt praktischen Tipps für seine StudentInnen. «Es ist nicht so schlimm, dass Sie nicht der erste sind, der zum Südpol gekommen ist, immerhin wissen Sie jetzt, dass Sie ganz gut sind beim Südpol-Besuchen.» Für die Habilitation wurde Clausen von seinem Doktorvater Helmut Schelsky sanft in ein neues Gebiet gedrängt, das sich aus markttechnischen Gründen gerade anbot, nämlich die Soziologie der Entwicklungsländer. 1964/65 betrieb er Feldforschung im Kupfergürtel in Lusaka (Sambia) und untersuchte, wie traditionelle afrikanische Netzwerkkulturen in Industrialisierungsprozesse gezerrt wurden. Das war in beide Richtungen lehrreich: In kleinen afrikanischen Zeitungen konnte man 1964 über Demonstrationen in Deutschland gegen den kongolesischen Sezessionistenführer Moïse Tschombé lesen, und Clausen beobachtete das einheimische Publikum, wenn es beim kollektiven Genuss von US-Westernfilmen jede Zerstörungsorgie beklatschte – da lag eine antikoloniale Revolte in der Luft. Zugleich hörte er durch englische Kollegen erstmals Songs der Beatles. Als Lars Clausen 1965 nach Deutschland zurückkehrte, wusste er mehr als seine ZeitgenossInnen. Die 68er-Bewegung, die ein Interesse an der Revolte in der Dritten Welt und in der Musik zusammenführte, war für ihn keine Überraschung.

Clausen war kein spektakulär eingreifender, öffentlich bekannter Intellektueller, wirkte nie an prestigeträchtigen Unis und Lehrstühlen. Nachdem er 1970 zum Professor in Kiel ernannt worden war, blieb er der mittelgrossen Universität dreissig Jahre lang bis zur Emeritierung treu. Dabei stand er zwischen verschiedenen Fronten. Er war kein erklärter Marxist und kein dezidierter Rebell, aber er bildete eine wichtige Verbindung zwischen der Fakultät und den StudentInnen. Auch wissenschaftsgeschichtlich nahm er eine eigenständige Position ein. So bemühte er sich früh um eine Rehabilitierung von Ferdinand Tönnies (1855–1936) und dessen Werk «Gemeinschaft und Gesellschaft» (1887). Er schätzte Tönnies nicht als nostalgischen Vertreter des Gemeinschaftskonzepts, sondern als scharfsichtigen Analytiker des Übergangs von der bäuerlich-feudalen Gemeinschaft zur bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft.

Der Fuchs und die Liebe zum Detail

Clausen diskutiert mehrfach die Tiefe und Reichweite soziologischer Ansätze. Er nimmt das von Isaiah Berlin popularisierte Gegensatzpaar von Fuchs und Igel auf: Der Fuchs weiss viele kleinere Dinge, der Igel ein einziges grosses Ding – Clausen sieht sich eher als Fuchs. Am Beispiel von Georg Simmel (1858–1918) erläutert er die Wonnen des Details. «Wenn Simmel eine Tasse und den Henkel anschaut, sieht er ein soziales Problem. Damentassen und Herrentassen, das erkennt man ja am Henkel. Aber warum überhaupt ein Henkel? Warum nimmt man nicht die Schale und trinkt daraus, wie viele Kulturen es tun? Was ist das für eine Art Intimität des Trinkens mit einer kleinen Distanz am Trinkgerät. Nähe und Ferne in einem Gerät symbolisiert.»

Überhaupt hält er den guten soziologischen Blick für wichtiger als die Systematik. Die Aufmerksamkeit fürs Detail und das Beispiel billigt er sogar Niklas Luhmann zu, den er ansonsten im Räderwerk abstrakter Strukturanalysen gefangen sieht.

Nicht, dass Clausen den Anspruch auf die Wahrheit des Ganzen preisgäbe. Aber er führt dafür das Beispiel eines Würfels mit seinen sechs Flächen an. Einige Theorien erklärten eine, zwei, wenns hoch kommt drei Flächen. Scheinbar flapsig erörtert er am Beispiel der Fidschi-Inseln die Frage, wie eine Gesellschaft mit Militärs umgehen soll. Kann man, so fragt Clausen, unter Umgehung des Räuberkapitalismus ein Militär und eine Polizei aufbauen, ohne dass diese gleich putschen? Mit Blick auf den militärischen Eingriff nach einem zivilen Machtumsturz im Jahr 2000 auf den Fidschi-Inseln weist er dabei auf einen besonderen Umstand hin: «Warum haben die Fijis ewig ihr Militär zu den Uno-Streitkräften geschickt? Warum sassen die Fijis bei Unifil im Libanon? Damit sie nicht zu Hause putschen. So macht man das.» Das erklärt vielleicht drei Seiten des Würfels (wirtschaftliche Interessen rivalisierender Clans und ethnische Spannungen bleiben ausgeklammert). Aber es ist doch schon mal was.

Vandalismus im Alltag

In der letzten Vorlesung machte Clausen sieben Voraussagen, wobei er warnend vorausschickte, die seien nicht so sensationell. Die Voraussagen sind gut fürs Alltagsleben, etwas weniger gut für globale Fragen, weil er die Macht der Macht dann doch etwas unterschätzt. So prognostizierte er im Jahr 2000, dass der alltägliche Vandalismus zunehmen werde. Das meinte er nicht moralisch, sondern nüchtern, weil von den Jungen heute mehr «kurzschlüssige Improvisationen» bei der zivilisatorischen Zähmung von Sexualität, Rausch und Gewalt verlangt würden.

Eine Episode aus seinem späteren Leben hat Clausen in seiner Abschiedsvorlesung ausgeklammert. 1996, als der links engagierte deutsche Millionenerbe Jan Philipp Reemtsma entführt wurde, agierte Clausen auf Bitten der Familie als eine der drei Personen, die den Entführern das Lösegeld übergaben. Das zeigte seine Haltung: neugierig und unerschrocken das menschliche Verhalten erkunden, um so zu handeln, dass der Mensch im Lauf seiner Humanisierung dem Menschen kein Wolf bleibe.

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