Nr. 36/2015 vom 03.09.2015

Genderhacking wider die Natur

Alles Gender oder was? Ein neues Buch will die verschlafene feministische Theorie neu befeuern – und propagiert die politische Allianz mit neuen Technologien.

Von Daniela Janser

Was wäre eine aktuelle feministische Theorie, mit der sich akute Geschlechterfragen wie mit einem scharfen Messer anschneiden und analysieren liessen? Eine Theorie, die mediale Stürme wie jenen um die Geschlechtsumwandlung des olympischen Zehnkämpfers Bruce Jenner zum «Vanity Fair»-Covergirl Caitlyn Jenner klug durchschaute? Eine Theorie, mit der man den gesellschaftlichen Toleranzschub gegenüber der Homosexualität der letzten Jahre erklären und gleichzeitig hinterfragen könnte, bis hin zum historischen Urteil in den USA, mit dem der Oberste Gerichtshof im letzten Juni den Weg zu einer landesweiten Legalisierung der Homoehe ebnete? Eine Theorie, die den alten feministischen Fragen wie Lohnungleichheit, Unterdrückung und Unsichtbarkeit hartnäckig auf den Fersen bliebe, die aber auch darüber nachdenken würde, warum immer mehr junge Leute sich nicht nur einer klaren geschlechtlichen Identifikation entziehen, sondern sich auch nicht mehr als homo-, hetero- und bisexuell schubladisieren lassen wollen? Und nicht zuletzt eine Theorie, die der immer innigeren Verschmelzung von Menschen mit Maschinen oder Produkten der Pharmaindustrie Rechnung trüge?

Im Merve-Verlag ist jetzt der Sammelband «dea ex machina» erschienen, der direkt und indirekt zu diesen Problemen Stellung bezieht. Der Akzelerationsforscher Armen Avanessian und die Geschlechter- und Medientheoretikerin Helen Hester, die das Buch herausgegeben haben, werfen darin die Frage auf, wie sich «verschlafene akademische Theorie und feministische Praxis» neu befeuern liessen. Das Büchlein ist zweigeteilt in einen zeitgenössischen Einstieg und ein historisches «Back-up». Dieser historische Teil ist nicht zuletzt deshalb entscheidend, weil er zu einer Rückkehr in die neunziger Jahre einlädt, um dort quasi eine andere Abzweigung zu nehmen.

Letzte Ausfahrt: Cyborg

Diese Abzweigung lässt sich unter dem Begriff «Technofeminismus» bündeln. Dessen zentrale Exponentin ist die US-Naturwissenschaftshistorikerin Donna Haraway, die mit ihrem «Cyborg Manifesto» (1991) einst Kultstatus erlangte. Knapp zusammengefasst geht es darum, die neuen Mischorganismen von Mensch und Maschine bei aller angebrachten Skepsis ernst zu nehmen und als Chance zu begreifen – wobei Haraway explizit nicht nur Menschenroboter meint, sondern ebenso transgene Organismen oder Transmenschen, von denen ihr Essay im Merve-Sammelband handelt.

Der Technofeminismus behauptet: So wie es «die Natur» nicht gibt und im strengen Sinn auch nie gegeben hat, ist es notwendig, den Essenzialismus aller binären Kategorien zu überwinden, die sich von «der Natur» ableiten (Mann/Frau, Homosexualität/Heterosexualität). Diese «Abzweigung Technofeminismus» bildet eine radikale Ergänzung zur Gendertheorie von Judith Butler, die in ihrem ideengeschichtlich bahnbrechenden Buch «Gender Trouble» (1990) vorschlug, Geschlecht als soziale Konstruktion und als Theater zu verstehen: als Wiederholung und Imitation von Haltungen, Gesten, Ideen, Accessoires und Praktiken. Der tiefer greifende Ansatz des Technofeminismus erweitert diese Geschlechterkonstruktion um Fleisch und Blut, genauer: Er weitet sie aus auf unser genetisch oder hormonell manipuliertes Fleisch und Blut, in einer Verschweissung von Prothesen und Körpern zu künstlichen Menschmaschinen.

Süchtig nach Testosteron

Das ist keineswegs Science-Fiction, sondern längst (medizinischer) Alltag, wenn wir nur an Viagra, die Antibabypille und künstliche Hüftgelenke denken oder auch an Drogen und Hormonbehandlungen bei Unfruchtbarkeit oder in der Menopause. Und mit etwas Fantasie lässt sich auch die fortschreitende Verschmelzung von Mensch und Smartphone dazuzählen. Im Buch fasst das Kollektiv Laboria Cuboniks diese Entwicklung im «xenofeministischen Manifest» so zusammen: «Wenn die Natur ungerecht ist, müssen wir eben die Natur verändern.»

Doch was machen andere feministische AutorInnen mit diesem Erbe des Technofeminismus, und was hat das alles nun mit Caitlyn Jenner, der Homoehe und den neuen postgeschlechtlichen Kids zu tun? Paul B. Preciado etwa, der in dem Sammelband mit einem Auszug aus seinem Buch «Testojunkie» vertreten ist, verkörpert exemplarisch unser «pharmapornografisches» Zeitalter, wie er das nennt. In dem Buch, das sich an der Schnittstelle von Literatur, Autobiografie und Theorie bewegt, beschreibt er seine Testosteronexperimente am eigenen Körper. Geboren wurde er als Beatriz Preciado, erst seit letztem Jahr nennt er sich Paul B. Gleichzeitig betont er, dass er sich weder als Frau noch als Mann identifiziert, sondern als schillerndes Zwischenwesen, das sich mit allerlei Prothesen wie Dildos oder dem liebevoll «T.» genannten Testosteron lustvoll «erweitert». Man begreift rasch, dass ein selbst ernannter «Genderhacker» wie Preciado nicht nur alte Identitätskategorien sprengt, sondern auch die gesellschaftliche Toleranz vor ganz andere Herausforderungen stellt als etwa ein verheiratetes schwules Paar mit Einfamilienhaus und Kinderwunsch, das einer heteronormativen Weltanschauung sehr nahe ist.

Der Massstab der Akzeptanz

In diesem Sinn ist auch Caitlyn Jenner, die früher prominent ein konservatives Männerbild repräsentierte und nun für ein ebenso konservatives Frauenbild steht, feministisch viel weniger aufregend und relevant als etwa die Sängerin und Schauspielerin Miley Cyrus, die von sich sagt, sie verstehe sich «weder als Junge noch als Mädchen» – und die auch mit beiden schläft. Es wäre deshalb an der Zeit, den alten Begriffen wieder das Wort «queer» gegenüberzustellen: als schärfendes Korrektiv, das neue Allianzen ermöglicht, um die unsinnig gewordenen alten Ordnungen zu sprengen oder wenigstens durchzuschütteln. Queer kann auch einE HeterofreidenkerIn sein, der oder die durch die Maschen der sozialen Normen schlüpft, während umgekehrt nicht alle Homosexuellen oder Transmenschen zwangsläufig queer sind. Auch die Akzeptanz einer Gesellschaft bemisst sich nicht nur an ihrer Offenheit gegenüber braven monogamen Homosexuellen, die unbedingt heiraten wollen.

Doch was ist nun mit dem alten Kampf gegen die Geschlechterungerechtigkeit? Lässt sich diese vielleicht samt den überkommenen Kategorien elegant entsorgen? Bezeichnenderweise sind es in «dea ex machina» weniger die Manifeste, die konkrete strategische Hinweise dazu geben, sondern zwei Essays zu Noise-Musik und Gaming. So fordert die Philosophin Nina Power mithilfe der Noise-Künstlerin Jessica Rylan ein lautes neues Selbstbewusstsein der Frauen, die doch eigentlich seit Beginn des Maschinenzeitalters besser gerüstet seien für die technischen Anforderungen der Gegenwart. Schliesslich, so zeigt Power im Rückgriff auf Marx, seien die Frauen schon in den Fabriken der Industrialisierung geschickter an den Maschinen gewesen, und ab Ende des 19. Jahrhunderts auch am Telefon und an der Schreibmaschine die gewandteren Arbeitskräfte.

Die Pole einschmelzen

Die Medientheoretikerin Lisa Nakamura wiederum destilliert aus dem Alltag in den Computerspielforen einen Ratschlag, der sich auch auf die Teppichetagen der Grosskonzerne übertragen liesse. Wenn Frauen in der oft misogynen Männerwelt der Gamer blöd angemacht und nicht ernst genommen werden, kommen sie meist zu dem Schluss, dass sie einfach extrem gut sein müssten, besser noch als die männlichen Kollegen, dann komme die Akzeptanz von allein. Nakamura entlarvt diese Strategie als fatalen Denkfehler: Denn wer sich den fremden Regeln des Gegners unterwirft, ohne sie und das dazugehörige ideologische System verändern zu wollen, kann nur verlieren.

Der konkrete politische (Verweigerungs-)Kampf muss also immer weiter ausgefochten werden, im Alltag wie in der Theorie. Der Sammelband «dea ex machina» führt vor, wie das heute gehen könnte, wenn mit einem eigenständigen Technofeminismus alte Pole eingeschmolzen und dann neu verbunden werden – jenseits von Nostalgie und Kulturpessimismus. Dank geschärfter alter Einsichten und neuer Allianzen mit Maschinen und einer politisch aufgeweckten Queertheorie rettet sich der Feminismus elegant vor dem Sturz in die gegenwartsvergessene Biederkeit.

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