Nr. 38/2015 vom 17.09.2015

Schlechte Noten für die Noten

Von Daniel Stern und Franziska Meister

Zeugnisse und Diplome gehören zum Lebenslauf eines jeden und einer 
jeden. Wir alle sind mit Schulnoten gross geworden. Sie sind Teil unserer Sozialisation. Wir mussten uns damit arrangieren und sie in das Bild einordnen, das wir uns von uns selbst machen. Für die einen 
mag das halbjährliche Zeugnis relativ belanglos gewesen sein. Für andere eine wiederkehrende Bestätigung, auf dem richtigen Weg 
zu sein, und eine Quelle des Selbstvertrauens. Bei wieder anderen dürften die Zeugnisse eher Ärger, Scham oder Frustrationen ausgelöst und das Selbstwertgefühl beeinträchtigt haben.

Bildung respektive die Bildungsleistung zählt nur, wenn sie von berufener Stelle bewertet wurde. Daran führt kaum ein Weg vorbei. 
Die Bewertungen sind Voraussetzung für den Eintritt in höhere 
Schulen, Universitäten und für den beruflichen Ein- und Aufstieg. Manchmal entscheidet eine Zehntelnote über einen Berufswunsch 
und eine Karriere. Erstaunlich deshalb, dass das System der Notengebung kaum infrage gestellt wird.

Dabei ist, wie wir in dieser Beilage beleuchten, die Notenvergabe von Zufällen, systematischen Verzerrungen und Ungerechtigkeiten 
geprägt. Wieso also scheint das kaum jemanden zu kümmern? Wahrscheinlich gibt es dafür einen einfachen Grund: Wer an den Stellen 
sitzt, die eine Veränderung anstossen könnten, sieht sich als SiegerIn im Bildungswettkampf. Denn wer will sich schon eingestehen, 
vielleicht eher aus Zufall oder aufgrund einer Verzerrung Karriere gemacht zu haben? Und die VerliererInnen sind heute meist nicht in 
einer Position, in der sie Einfluss auf das Schulsystem nehmen könnten. Oder sie glauben bis heute, dass sie selber schuld seien.

Das Bewertetwerden und Notenbekommen geht für viele Menschen auch im Berufsleben weiter. Bewertungen sind Ausdruck von 
Machtkonstellationen: Wer Macht hat, bewertet; wer keine Macht 
hat, wird bewertet. Und wie legitimiert sich diese Macht? Natürlich, indem sie auf die eigenen positiven Messresultate verweist. Und 
sich beim Bewerten von anderen auf scheinbar objektive Messungen und Evaluationen stützt. Das ist der Teufelskreis, in den unser Bildungssystem geraten ist, seit es sich immer mehr einer ökonomischen Verwertungslogik unterwirft. Dass diese Entwicklung mitunter 
surreale Züge annimmt, zeigt unsere Fotoauswahl: Wie ähnlich die Prüfungssituationen doch im globalisierten Kapitalismus 
geworden sind!

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