Nr. 38/2015 vom 17.09.2015

Ein Poet der Dekonstruktion

Von Jochen Kelter

Nach zwölf Jahren lyrischer Abstinenz legt der 1965 geborene, in Dresden lebende Marcel Beyer mit «Graphit» einen opulenten Gedichtband vor. Mit Verweis auf die mitunter kaum zu entwirrende Polyfonie seiner Gedichte heisst es im Klappentext: «Solche Mehrstimmigkeit ist für Marcel Beyer das einzig wirksame Gegengift gegen den ganzen monolithischen, den fanatischen, den faschistischen und chauvinistischen Schwachsinn in der Poesie und das Reden darüber.»

Das ist starker Tobak für die Einführung in einen Gedichtband. Soll da ein Autor über alle ideologischen Grabenkämpfe erhoben und auf dem Altar der hohen Kunst kanonisiert werden?

Beyers Gedichte verweisen auf Romantik, Expressionismus, unser ambivalentes Verhältnis zur Natur, auf serielle Kunst, aber auch Sprachphilosophie: Inwieweit bildet Sprache die Wirklichkeit ab, oder wird Wirklichkeit erst durch Sprache erschaffen?

Im titelgebenden Zyklus «Graphit» zu Anfang des Bands ist von zweierlei künstlichem Schnee die Rede. Da ist zum einen die ganzjährig betriebene Skihalle in Neuss am Rhein: «Keinerlei Alpenanmutung. Die / Webcam zeigt: Es schneit. / Und es wird schneien, / die ganze Nacht (…)». Und zum anderen der Film «Alexander Newski»: «Hochsommer ’38. Schnittmeister / Eisenstein braucht dringend / einen zugefrorenen See, verschneit (…) der Schnee ein schwindendes / Objekt, weil man zu spät / kommt, jedesmal zu spät, wenn / man ihn filmen will. (…)» Zwei künstliche Welten, eine zur Konsumbefriedigung, die andere, um Kunst zu erzeugen.

Der Gedichtband ist voll von solch gegeneinander gestellten Wirklichkeiten, immer sucht der Autor in ihnen nach Sprache. Es sind Kopfgedichte, sinnlich sind sie kaum. Beyer ist ein Poet der Dekonstruktion, der in der mit Furor betriebenen Vivisektion von Wirklichkeit und Sprache sein poetologisches Heil sieht. Ein Lyriker der poetischen Synthese ist er nicht. Auch kein Autor der Leselust, des beim Lesen durch poetische Artistik erzeugten Erkenntnisgewinns. Damit steht er in der postmodernen deutschen Dichtung allerdings keineswegs alleine da.

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