Nr. 38/2015 vom 17.09.2015

Asyl für die Taliban

Von Franziska Meister

Auch wenn die grassierende Marignano-Euphorie langsam nervt: Die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit ist grundsätzlich zu begrüssen. Insbesondere, wenn sie von staatlicher Seite behindert wird – wie jüngst im Taliban-Projekt. Noch nie gehört?

Dann wird es höchste Zeit, die Aufmerksamkeit weg vom Schlachtgetümmel vor 500 Jahren und hin zu einer Serie von Quellen aus dem Afghanistan der 1990er Jahre zu lenken, die offensichtlich zu grosse Sprengkraft bergen, als dass sie der Wissenschaft zugänglich gemacht werden könnten. Das zumindest befand kürzlich die renommierte British Library, die eine der weltgrössten Sammlungen digitalisierter historischer Quellen besitzt. Nach jahrelanger Zusammenarbeit mit einer Gruppe von ForscherInnen, die in fast zehnjähriger Knochenarbeit in Afghanistan Zeitungen, Zeitschriften und Radiosendungen, aber auch militärische, religiöse und administrative Dokumente, Landkarten und sogar poetische Schriften der Taliban gesammelt, digitalisiert und ins Englische übersetzt haben, weigert sich die British Library jetzt plötzlich, diesen Datenschatz in sein Archiv aufzunehmen. Begründung: Diese Quellen könnten terroristische Propaganda enthalten, und gemäss dem britischen Terrorismusgesetz von 2006 ist es strafbar, solches Material öffentlich zugänglich zu machen.

In einer Zeit, wo Rezepte zum Bombenbasteln mit wenigen Klicks im Internet zu finden sind und sich die Ideologie des Islamischen Staats anhand einer Flut von Quellen im Netz analysieren lässt, mutet diese Argumentation mehr als seltsam an. Hat hier jemand in vorauseilendem Gehorsam die Zensurschere im Kopf aktiviert? Oder war da vielleicht doch ein gewisser Druck von gewissen Stellen vorhanden, die keinerlei Interesse daran haben, dass die westliche Sicht auf das Taliban-Regime aufgrund von Quellen der Gegenseite Risse bekommt? Immerhin haben die beiden Leiter des Taliban-Projekts bereits ein Buch über die Taliban mit dem Titel «An Enemy We Created: The Myth of the Taliban-Al Qaeda Merger in Afghanistan» geschrieben.

Für ihre Quellensammlung suchen sie jetzt ein neues Archiv – laut der französischen Agentur AFP soll auch die Schweizer Nationalbibliothek Interesse gezeigt haben. Davon weiss die Nationalbibliothek allerdings nichts. Und überhaupt hätte man abgelehnt, heisst es auf Anfrage: Die Taliban gehören nicht zum gesetzlichen Sammelauftrag (Marignano hingegen schon).

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