Nr. 38/2015 vom 17.09.2015

Lieber den Arm abhacken als eine schlechte Note bekommen

Eine ehemalige Psychologiestudentin hat massive Prüfungsangst. Wie es ist, sich mit der Angst vor Versagen im Leistungssystem der Bildungsmaschinerie durchzuschlagen. Ein Erfahrungsbericht.

Von Meret Michel

Wenn Lillet* im Studium von ihrer Prüfungsangst erzählte, glaubten ihr ihre MitstudentInnen kaum: Lillet ist eine intelligente Frau, die selbstsicher auftritt. Sie wirkt kompetent, zum Beispiel, wenn sie sich in den Psychologievorlesungen mit eloquenten Kommentaren einbringt. Doch wenn Lillet eine Prüfung schreiben muss, schwindet ihre Selbstsicherheit wie flüchtiges Gas. «Mein Körper wird kalt, mein Kopf ist leer. Was ich gelernt habe, ist nicht abrufbar.»

Wie viele StudentInnen an Prüfungsangst leiden, lässt sich schwer beziffern – über Prüfungsangst spricht man nicht. Schätzungen bewegen sich zwischen zehn und zwanzig Prozent. Die Ängste äussern sich in erhöhter Nervosität und reichen bis zu Blackouts, wie Lillet sie beschreibt.

Blackouts

Auch Lillet hat ihre Prüfungsangst lange für sich behalten. Obwohl sie seit der ersten Klasse – sie absolvierte ihre Schulzeit in Deutschland – darunter leidet. «Ich weiss noch, als ich in einer Mathematikprüfung das erste Mal ein Blackout hatte. Ich sass eine Viertelstunde da, ohne etwas zu schreiben. Ich war wie gelähmt.» Irgendwann versuchte sie, über den Ordner hinweg, der als Sichtschutz aufgestellt war, beim Nachbarn abzuschreiben. «Ich wollte nicht betrügen, doch eine Sechs – in Deutschland die schlechteste Note – nach Hause bringen war schlimmer», sagt sie. «Schliesslich schaffte ich es, mich mit innerer Gewalt zurück zu den Aufgaben zu zwingen. Danach war ich total erschöpft. Es fühlte sich an wie nach einem seelischen Erbrechen.» So quälte sie sich durch Grundschule und Gymnasium. Von ihrem Angstfach Mathematik weitete sich die Störung bald auf alle Fächer aus. Irgendwann «war nach der Prüfung vor der Prüfung».

Ihre Prüfungsangst war eine Reaktion auf den Druck, den ihre Familie auf sie ausübte. «Als ich in die erste Klasse kam, gaben mir meine Eltern Geld für gute Noten. Für eine Drei gab es fünf Mark, für eine Zwei zehn und für eine Eins fünfzehn.» Doch Lillet merkte schnell, dass sie ihre Eltern nicht zufriedenstellen konnte: «Wenn ich eine Zwei nach Hause brachte, sagten sie: ‹Wieso keine Eins?›, wenn es das nächste Mal eine Eins war, hiess es: ‹Dann kanns ja nicht so schwer gewesen sein.›» Wenn schon eine Eins nicht reichte, wie würden sie auf eine Sechs reagieren? «Ich hätte mir eher den Arm abgehackt, als eine schlechte Note nach Hause zu bringen.»

Die Befürchtung zu versagen ist ein häufiger Grund für Prüfungsangst. «Es gibt aber auch die Angst vor dem Erfolg, die Prüfungsstress auslösen kann», sagt Salome Lienert von der Psychologischen Beratungsstelle der Universität Zürich. «Weil die Betroffenen etwa den Neid fürchten, den sie bei anderen auslösen könnten.» Wann und wie Prüfungsangst auftritt, ist ebenso individuell: Lillet leidet seit der Grundschule darunter, bei anderen löst erst der Wechsel vom Gymnasium an die Uni Prüfungsangst aus. Bei der Beratungsstelle finden Betroffene Hilfe, um trotz ihrer Angst die Prüfungen zu bestehen: «Das Wichtigste ist, die Angst zu akzeptieren.» Dann könne man lernen, wie man trotz der Prüfungsangst eine Prüfung bestehe.

Spicken hilft

Lillet, die mit ihrer Prüfungsangst die ganze Schulzeit über allein umgehen musste, entwickelte eine andere Strategie: spicken. Sie schrieb kleine Zettel, die sie mit an die Prüfung nahm. Als Hintertür. Auch wenn sie sie nicht jedes Mal benutzte, gaben sie ihr Sicherheit. «Ich hatte irgendwann geschnallt, dass es nicht meine Schuld ist, wenn ich ein Blackout habe. Warum interessiert es den Prüfer denn, wie mein Wissen von meinem Kopf auf das Papier kommt? Gelernt hatte ich es ja.»

Lillets Diagnose lautet Prüfungsangst, doch eigentlich litt sie unter dem Leistungssystem, das SchülerInnen mittels Noten gnadenlos in gut, mittelmässig und schlecht einteilt. Im Gymnasium in Deutschland musste sie jedes Semester etwa acht vorbereitete und unvorbereitete Prüfungen pro Fach ablegen. Zusätzlich gab es regelmässiges Abfragen vor versammelter Klasse in jedem Fach. Und der Abiturschnitt bestimmt mit, für welche Studienrichtungen man zugelassen wird.

In einem System, in dem Prüfungen der Motor sind, ist Prüfungsangst eine Behinderung. Lillet hätte sich oft Unterstützung gewünscht, doch stattdessen befeuerten manche LehrerInnen den Leistungsdruck noch: «Im Gymnasium schrieben die Lehrer jeweils die Notenskala auf die Tafel, wie viele Einsen, Zweien und so weiter es gab. Einmal, als ich und jemand anders eine Sechs hatten, sagte mein Mathelehrer der Klasse: ‹Zwei Leute hatten eine Sechs. Ratet mal, wer.› Es war klar, dass eine davon ich war.»

Angebote für SchülerInnen, die Hilfe wegen Prüfungsangst suchen, wären durchaus vorhanden. In der Stadt Zürich etwa stehen ihnen an den Volkshochschulen SchulsozialarbeiterInnen sowie die Schulpsychologie beratend zur Seite, die Kantonsschulen bieten ebenfalls psychologische Beratungen an.

Die erste Ansprechperson für Kinder und Jugendliche mit Prüfungsangst ist noch immer die Lehrerin oder der Lehrer. Je früher die Angst erkannt werde, desto einfacher sei es, damit umgehen zu lernen. «Mit der Zeit schleifen sich Muster ein», sagt die Schulpsychologin Ruth Etienne Klemm. Sie beobachtet vor allem in den vierten bis sechsten Klassen, dass die Prüfungsangst zunimmt. Denn hier werden die Weichen für später gestellt. Je höher die Stufe, desto höher die Erwartungen des Umfelds und desto mehr Prüfungsangst. «Allgemein sind die Leistungserwartungen höher als früher», sagt Etienne Klemm.

Für Lillet wurde die Angst erst während des Psychologiestudiums erträglich. Nicht, weil sie sich selber therapieren konnte, wie viele Leute denken. Sondern weil es vor allem Hausarbeiten zu schreiben gab und bei Prüfungen nicht Auswendiggelerntes wiedergegeben werden musste.

Mittlerweile hat Lillet ihr Studium abgeschlossen. «Als ich die Masterarbeit abgegeben hatte, ist Ruhe in mir eingekehrt. Seit ich sechs Jahre alt war, bedeutete Bildung Kampf und Gewalt für mich. Jetzt ist es vorbei.» Manchmal fragt sich Lillet, warum sie das alles ertragen musste. Warum sie nicht ohne diesen Terror dorthin kommen konnte, wo sie heute ist. Gebracht jedenfalls habe ihr dieses System nichts: «Keine Prüfung, die ich je geschrieben habe, hat etwas dazu beigetragen, was mich heute als Mensch ausmacht.»

* Name geändert.

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