Nr. 38/2015 vom 17.09.2015

Ohne Berührungsängste mittendrin

Der Titel ist Programm: Die Publizistin Regula Renschler hat sich immer wieder «vor Ort» begeben. Dies belegt nun ein Sammelband mit Reportagen und Kommentaren aus fünfzig Jahren Entwicklungszusammenarbeit.

Von Stefan Howald

Regula Renschler hat öfters Barrieren durchbrochen. Sie wirkte Anfang der sechziger Jahre als eine der ersten Auslandredaktorinnen einer Schweizer Tageszeitung, reiste weit und überschritt dabei geografische und soziale Grenzen. Ab Mitte der siebziger Jahre prägte sie mit Anne-Marie Holenstein und Rudolf Strahm durch die «Erklärung von Bern» ein neues kritisches Verständnis der Entwicklungszusammenarbeit und des globalen Tourismus. Von 1985 bis 2000 konnte man sie als eine unverwechselbare Stimme am Schweizer Radio hören, daneben und danach wirkte sie als Übersetzerin und freie Publizistin.

Zum 80. Geburtstag liegt jetzt ein Sammelband mit 25 Stücken ihrer journalistischen Tätigkeit vor. Das beginnt in den USA, wo Renschler im November 1963 als eine der ersten ausländischen JournalistInnen nach der Ermordung von John F. Kennedy in Dallas eintraf. Ihr Text versucht, den Schock, die Sprach- und Hilflosigkeit des Lands durch Zitate und Bilder zusammenzusetzen, eher tastend noch.

Ihre Berichte von 1969 aus den Kriegs- und Hungergebieten im Biafrakonflikt zeigen eine ungleich präzisere Sprache, unmittelbarer, und die Analyse ist schärfer. Angesichts der vorherrschenden Parteinahme für die biafranische gegen die nigerianische Seite argumentiert sie, dass es sich um einen «Elitenkrieg» handle, der grosse Bevölkerungsschichten mit verheerenden Folgen instrumentalisiert habe.

Ein Kernstück des Bands ist eine Reportage aus Strassburg von 1998. Als Jugendliche dort zunehmend Autos abfackelten, reiste sie vor Ort und holte von diesen Originaltöne ein. Sichtbar werden dabei die bekannten sozialen Gründe: Arbeits- und Hoffnungslosigkeit, zerfallende Familien und staatliche Repression. Aber im Gespräch mit Beteiligten entdeckt Renschler weiter gehende Konsequenzen für die sozialen Strukturen. Wichtigste Sozialisierungsinstanz ist der Jugendclan geworden, der sich in einer «Territorialisierung» mit dem Quartier verbindet. Dagegen fallen alle Bezüge zum Land, zum «Staatsbürgertum» weg. Diese Ablehnung trifft die ganze staatliche Infrastruktur. So wird bei Ausschreitungen auch attackiert, was den Jugendlichen nützen könnte, etwa öffentliche Busse oder Bibliotheken. Das sind Erkenntnisse, die für sporadisch aufflammende Konflikte in europäischen Vorstädten aktuell bleiben.

Auch in eher kommentierenden Texten zum Frauenstimmrecht oder zur Jurafrage oder zum Israel-Palästina-Konflikt fundiert Renschler klare Meinungen mit historischen und sozialen Fakten. Die Verbindung von Konkretem und Allgemeinem macht ihre Stärke aus.

Eine grosse Reportage hat Renschler 1977 nach Guinea-Bissau geführt, wo nach dem Abzug der portugiesischen Kolonialherren eine Alphabetisierung mithilfe des brasilianischen Pädagogen Paulo Freire begonnen worden war. Sie ist voller Bewunderung für Freire und dessen enthusiastische HelferInnen. Aber sie bewahrt nüchterne Distanz und sieht auch die Defizite der Kampagne. Im Übrigen ist Guinea-Bissau längst eine dieser schrecklich gescheiterten Hoffnungen und eines der ärmsten Länder der Erde. Tatsächlich stellt eine solche Sammlung historischer Texte immer auch die Frage, was aus den beschriebenen Welten geworden ist.

Für Afrika, das Renschler häufig bereist hat, fällt ihr Fazit in einem längeren Text schon 1999 düster aus: Der Kontinent befinde sich «im Abgrund». Sie versucht dabei, die Erklärungsmuster von Neokolonialismus und einheimischem Machtmissbrauch mit einer soziokulturellen Fragestellung zu verbinden. Den traditionell auf Aushandeln und Konsens ausgerichteten afrikanischen Gesellschaften seien rein formal westliche Demokratieformen übergestülpt worden, ohne dass sich die entsprechenden Kontrollmechanismen entwickeln konnten. So wurde der neue Konkurrenzkapitalismus in den Klientelismus ein- und umgebaut: Die Verbindung der schlechtesten Elemente beider Systeme hat zu autoritären Regierungen und schreienden sozialen Ungleichheiten geführt.

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