Nr. 38/2015 vom 17.09.2015

Und was essen wir morgen?

Ende September erscheint «Gemeinsam auf dem Acker», das neue Buch von WOZ-Redaktorin Bettina Dyttrich über regionale Vertragslandwirtschaft. Diese Form der direkten, vertraglich geregelten Zusammenarbeit zwischen LandwirtInnen und KonsumentInnen gibt es heute in vielen Ländern Europas – ihre Wurzeln hat sie in Genf. Ein Vorabdruck.

Von Bettina Dyttrich (Text) und Giorgio Hösli (Fotos)

Saperli will nicht aus dem Gehege. Die kleine graue Eselin möchte sich nicht von ihrer Gefährtin, der dunkelbraunen Popette, trennen. «Sie hängen sehr aneinander», sagt Jacques Descombes, als er es doch geschafft hat, Saperli herauszuführen. Schrill ruft ihr Popette hinterher, und von der Weide bei der Strasse antwortet Vitis, der grosse schwarze Eselwallach.

Jacques bindet Saperli an einen Holzbalken, striegelt sie, was sie offensichtlich geniesst, dann legt er ihr das Kummet an. «Achtung, wenn ihr Unbekannte zu nahe kommen, kann sie ausschlagen.» Der Senior liebt die Arbeit mit Eseln. Bauer war er nie, gelernt hat er von einem Nachbarn, der Pferde hält. «Es ist allerdings nicht das Gleiche. Es heisst, Pferde dressiert man, Esel erzieht man.»

Als Saperli angeschirrt ist, beginnt Jacques sie übers Feld zu führen. Sein Sohn Thomas hält die Griffe des alten Kartoffelpflugs. Mühelos zieht die Eselin schöne, gerade Dämme. «Wir hätten einen neuen Traktor für das Gemüse kaufen sollen», hat Thomas beim Kaffee erzählt. «Stattdessen fingen wir mit Eseln an.» Dass manche Nachbarn glauben, die Descombes wollten zurück ins Mittelalter, kümmert ihn nicht.

Seit neun Jahren bauert Thomas zwischen Vandœuvres und Choulex, im Südosten des Kantons Genf. Seit sieben Jahren ist auch sein Bruder Antoine dabei. Wer sich wegen der Esel chaotische Hippies vorstellt, liegt ganz falsch: Dem ganzen Areal sind die Sorgfalt und die viele Arbeit anzusehen, die Antoine und Thomas in die Landwirtschaft stecken. Wenn sein Vater mit Saperli eine Pause einlegt, hat Thomas sofort wieder die Hacke in der Hand. Makellos und fast unkrautfrei stehen Fenchel, Krautstiel und Spinat in den Folientunneln. Zusammen mit einem Lehrling und einer Mitarbeiterin mit Vierzig-Prozent-Pensum halten die Brüder Schafe, zwei Muttersauen und Geflügel, bewirtschaften Acker- und Wiesland in der Umgebung und betreiben eine Mühle.

Fast alles, was Antoine und Thomas produzieren, wird vertragslandwirtschaftlich abgesetzt: das Gemüse genauso wie die Ackerfrüchte. Fleisch und Eier verkaufen sie direkt, vor allem an Leute, die bei ihnen auch ein Gemüseabo haben. «Nichts geht an die Grossverteiler», sagt Thomas stolz.

Vom WG-Garten zu 400 Haushalten

Nirgends in der Schweiz ist die solidarische Landwirtschaft so verbreitet wie in Genf: Ein Dutzend Projekte gibt es im Kanton, 2500 bis 3000 Haushalte beziehen Lebensmittel direkt von Bauern und Gemüsegärtnerinnen. Sie verpflichten sich für mindestens ein Jahr und bezahlen im Voraus. Agriculture contractuelle de proximité, kurz ACP, heisst die Idee in der französischen Schweiz. In Genf ist die regionale Vertragslandwirtschaft so gut verankert, dass sie sogar Einfluss auf die Politik nimmt.

Hier hat schliesslich auch alles begonnen: Les Jardins de Cocagne, die Schlaraffengärten, sind wahrscheinlich das erste Projekt Europas, in dem ProduzentInnen und KonsumentInnen in dieser Form solidarisch zusammenarbeiteten. 1978 begann der junge Agronom Reto Cadotsch, die Gärten verschiedener Wohngemeinschaften zu bewirtschaften. Seine Inspiration kam von einer Gruppe von Tierärzten in der Bretagne, wo er zuvor gelebt hatte. Statt einzelne Behandlungen zu finanzieren, bezahlten die Bauern dort den Tierärzten einen Betrag pro Kuh und Jahr, eine Art Tiermedizinabonnement. «Wir übernahmen dieses Modell, und ich setzte es um für Gemüse.»

In fast allen Berufsgruppen habe man damals über Alternativen nachgedacht: «Die Ärzte entwickelten eine alternative Medizin, die Lehrer dachten über das Schulsystem nach, die Architekten über den Städtebau … Alle wollten etwas ändern in ihren Berufen, also war klar, dass wir das in der Landwirtschaft auch wollten.»

Ein Jahr später wurde die Genossenschaft offiziell gegründet, ein Architekt stellte eine Hektare Land zur Verfügung, und es gab bereits drei Arbeitsstellen im Garten. Die Jardins de Cocagne wurden zu einer festen Institution in der Genfer Alternativszene.

Heute versorgt die Genossenschaft 400 Haushalte mit Gemüse. Die KonsumentInnen bezahlen abgestufte Jahresbeiträge nach Einkommen, und ein Prozent des Abopreises geht an bäuerliche Organisationen in Westafrika. Bei Cocagne und ähnlichen Projekten hat das Gemüse keinen festgelegten Preis mehr – die Mitglieder finanzieren den ganzen Betrieb.

Reto Cadotsch ist immer noch dabei. Heute selbstständiger Landwirt, arbeitet er weiterhin einen Tag in der Woche für Cocagne. Reto ist grossgewachsen und freundlich, mit Schalk in den Augen und einem feinen Sinn für Ironie. Seinem Gesicht sieht man an, dass er das Leben draussen verbracht hat. In eineinhalb Jahren wird er pensioniert, aber immer noch steht er mitten im Geschehen, vernetzt nach allen Seiten, und denkt über die grossen Fragen seines Berufs nach: «Wie erreichen wir, dass die Leute die Frage stellen: Wer entscheidet, was wir morgen essen?»

Eigene Mühle, eigenes Öl

Reto und seine MitstreiterInnen wollten zeigen, dass regionale Vertragslandwirtschaft nicht nur mit Gemüse möglich ist – und dass sie auch den «normalen» Bauern etwas bringen kann. «2004 überzeugten wir einen Bauern, für uns eine Hektare Sonnenblumen anzubauen», erzählt Reto, «und verkauften Ernteanteile von je hundert Quadratmetern an Cocagne-Mitglieder.»

Die Sonnenblume (tournesol) und der Traum (rêve) gaben dem Projekt seinen Namen: «L’Affaire Tournerêve ist ein Verein von fünfzehn Landwirtinnen und Landwirten, die versuchen, ihren Beruf ein bisschen anders zu denken», heisst es heute auf der Website. Längst geht es nicht mehr nur um Sonnenblumenöl. Die ProduzentInnen – natürlich ist Reto auch hier dabei – bauen für den Verein die Rohstoffe für ein breites Sortiment an haltbaren Produkten an: verschiedene Getreide als Körner und Flocken, Mehl, Rapsöl, Teigwaren, Polenta, Linsen, Honig, Senf, Apfelsaft, Trockenwurst, Biskuits und mehr. 1400 Haushalte bestellen einmal im Jahr ein Grundsortiment, das sie beliebig ergänzen können, und bezahlen im Voraus. Wer will, kann auch täglich Tournerêve-Biobrot in einer der Bäckereien kaufen, mit denen der Verein zusammenarbeitet. Für das Biogetreide, das darin steckt, haben die Bauern und Bäuerinnen einen kostendeckenden Preis bekommen: 1.25 Franken pro Kilo.

Für mehrere Höfe war Tournerêve der Anstoss, auf biologische Landwirtschaft umzustellen – trotz des Misstrauens, das in der Westschweiz in bäuerlichen Kreisen noch immer verbreitet ist. Heute ist im Grundsortiment alles Knospe-zertifiziert ausser das Rapsöl, die Kartoffeln und ein Teil der Früchte. «Wenn die Produzenten eine gewisse ökonomische Sicherheit haben, sind sie eher bereit, auf Bio umzustellen», betont Rudi Berli, der als Gärtner bei Cocagne und im Büro der bäuerlichen Gewerkschaft Uniterre arbeitet. «Wer das Messer am Hals hat, wagt nichts Neues.»

Und die Verarbeitung? Die Ölsaaten kann Tournerêve in der Ölmühle von Sévéry im Kanton Waadt mahlen, aber eine Mühle, die bereit gewesen wäre, regelmässig eine bis zwei Tonnen Getreide zu mahlen, fand der Verein in Genf nirgends mehr. Jetzt hat er eine eigene: ein Modell, das zwei alte südfranzösische Mechaniker extra für Bauernhöfe entwickelt haben. Sie steht auf dem Hof von Thomas und Antoine Descombes. «Jeden Tag füllen wir 200 Kilo Getreide oben rein, alles andere läuft automatisch», erklärt Thomas. «Wenn das Getreide gemahlen ist oder etwas schiefläuft, stellt sie einfach ab.»

Gleichzeitig starteten die Vertragslandwirtschaftspioniere 2004 eine politische Offensive. Mit Unterstützung des zuständigen Regierungsvertreters, des Grünen Robert Cramer – heute Ständerat –, erreichten sie einiges: ein Label für die Genfer Landwirtschaft, Genève Région – Terre Avenir (GRTA), das auch von Restaurants benutzt wird. Und ein neues Landwirtschaftsgesetz, das auf Regionalität setzt und die regionale Vertragslandwirtschaft explizit unterstützt.

Dann ging es richtig los: Ab 2006 verbreitete sich die Idee der Agriculture contractuelle schnell in der ganzen Westschweiz. Mehr als dreissig Projekte gibt es heute, vor allem in den Kantonen Waadt und Genf. Bei manchen beteiligen sich die KonsumentInnen auch an der Feldarbeit, beim Verein Cueillettes de Landecy ernten sie sogar alles selber. Auch hier ist Reto Cadotsch dabei.

Rückerobern, was verschwindet

Langsam wird Saperli müde. Jacques Descombes lässt die Eselin am Feldrand fressen und schirrt ihre Freundin Popette an. Doch die hat keine Lust, weicht nach links und rechts aus und bleibt beim Wenden einfach stehen. «Allez, Popette!», rufen Vater und Sohn. Es hilft nicht viel.

«Ja, die beiden sind total verschieden», sagt Jacques. «Saperli ist dynamisch, Popette faul.» Das macht Teamarbeit schwierig: Als Jacques beide Eselinnen zusammen vor die Egge spannt, liegt Popette immer einen Schritt zurück. «So gehts nicht! Saperli muss das ganze Gewicht ziehen. Wir versuchen es besser einmal mit Vitis.»

«Wir wollen rückerobern, was verschwindet», sagt Thomas Descombes. «Ich bin überzeugt, dass wir es schaffen, auf einem kleinen Hof mehreren Menschen ein Auskommen zu geben, und dass die Arbeit ein Vergnügen sein wird.»

Die bäuerliche Arbeit faszinierte ihn schon als Kind. Mit fünfzehn begann er, regelmässig auf einem grossen Hof in der Nachbarschaft mitzuhelfen. In der Familie war die Landwirtschaft zwar nur noch eine ferne Erinnerung, abgebrochen schon bei den Urgrosseltern. Aber eine Hektare Ackerland war ihr geblieben. Thomas begann sie zu bewirtschaften, als Hobby. Aber davon leben? Er stand zu fest auf dem Boden, um solchen Träumen zu verfallen. «Ein Bauer, das war für mich einer, der 25 Hektaren hat, Getreide, Kühe – es war klar, dass ich das nicht werden konnte.» Er arbeitete als Erzieher in einem Kinderhort.

Dann musste er in den Zivildienst, landete bei den Jardins de Cocagne und traf dort Reto Cadotsch. «Reto sagte mir: Bei uns arbeiten auf drei Hektaren sechs Leute. Da merkte ich: Wenn ich eine Hektare Gemüse anbaue, ist das gar nicht so wenig!»

2006 nahm er ein Jahr Urlaub und begann mit 3000 Quadratmetern. Schnell fand er sechzig Personen, die das Gemüse wollten, also kündigte er seinen Job und war plötzlich das, was er nie für möglich gehalten hatte: Bauer. 2007 versorgte er schon hundert Haushalte mit Gemüse, 2008 kam sein Bruder Antoine dazu, frisch diplomierter Agronom. Zu zweit führen sie den Hof als einfache Gesellschaft. Les ares et vous heisst das Gemüseaboprojekt der Brüder, heute sind 130 Haushalte dabei. Knapp ein Viertel der Mitglieder hilft auf dem Hof mit, die anderen bezahlen etwas mehr.

Inzwischen haben Descombes auch vierzehn Hektaren Pachtland und bauen für Tournerêve Getreide an. Ein Nachbar, der bald pensioniert wird, wollte ihnen fünfzig weitere Hektaren verpachten. Aber so viel Land möchten Thomas und Antoine gar nicht: «Jener Hof soll als Hof erhalten bleiben. Man drängt die Bauern, möglichst viel Fläche zu suchen – je grösser, desto anerkannter. Das ist doch irrational. Nachher sind sie gross und beschweren sich über zu viel Arbeit.»

Selber seien sie auch schon ziemlich am Anschlag. «Sind wir zu vielfältig? Sollen wir mit dem Getreide aufhören? Ich weiss es noch nicht. Es wäre eine Enttäuschung, die Vielfalt reduzieren zu müssen.»

Eingefasst von Baumhecken, macht der Hof der Descombes einen idyllischen Eindruck: Eine dicke, trächtige Muttersau geniesst die Sonne, daneben stehen Milchschafe im Offenstall, Hühner verschiedener Rassen, Gänse und Laufenten spazieren in ihren Gehegen auf der Wiese herum. In den Baumwipfeln zankt eine Krähe mit einem Milan. Nur die düstere Silhouette hinter den Bäumen im Süden stört das Bild: Es ist das berüchtigte, überfüllte Gefängnis Champ-Dollon. Manchmal hört man Gefangene schreien.

Als Thomas ein Kind war, gab es allein im Dorf Choulex vier Höfe, die Milchkühe hielten. Heute sind es im ganzen Kanton nur noch fünf. «Die Kühe gaben dem Dorf Leben und Rhythmus. Das ist alles weg.» Er möchte es zurückholen: Im neuen Stall sollen zwei Kühe stehen. «Alles, was wir machen, ist eine Mischung aus Leidenschaft, politischer Überzeugung und dem realistisch Möglichen. Die Kühe gehören zur Leidenschaft.»

Melken will er sie von Hand, wie auch die Schafe. «Aber das geht fast nicht. Die heutigen Milchschafe sind für Melkmaschinen gezüchtet, ihre Zitzen sind winzig. Die Industrie bringt einen ganzen Erfahrungsschatz zum Verschwinden. Unsere Hybridhühner legten keine Eier, bis ich einen Sack Standardfutter aus dem Handel kaufte. Das finde ich beängstigend. Es wird jahrelange Forschung brauchen, um die Systeme wieder an die Höfe anzupassen.»

Das grosse Einzonen

Überall an den ausgefransten Rändern der zweitgrössten Schweizer Stadt wird gepflanzt und geplant: Bald soll es Ziegenkäse und Joghurt aus Vertragslandwirtschaft geben, solidarische Supermärkte und Restaurants sollen entstehen.

Doch es ist eng. Die Bevölkerung im Kanton ist allein im Jahr 2014 um mehr als 8000 Personen gewachsen, Wohnraum ist knapp und so teuer wie nirgends sonst in der Schweiz. Von der einst stolzen Genfer HausbesetzerInnenbewegung ist praktisch nichts mehr übrig – es gibt schlicht keine Häuser mehr, die man besetzen könnte. Neue Wohnbauten brauchen Platz, und Platz heisst fast immer Landwirtschaftsland. «Wir sollten nicht ein Grundbedürfnis gegen ein anderes setzen», sagt Rudi Berli. Aber in den Charrotons ist genau das geschehen.

Die fruchtbare Ebene westlich der Stadt, am Ufer des Flüsschens Aire, war lange die Gemüsekammer Genfs. Man sieht es heute noch: alte Treibhäuser, zum Teil bepflanzt, zum Teil schon halb zerfallen. Daneben glänzen die Geschäftshäuser von Rolex und anderen Giganten des Uhren- und Schmuckbusiness, ein Fussballplatz hat sich breitgemacht, ein Ponyhof, ein Gartencenter. Seine Kundschaft sind nicht jene, die vom Gärtnern leben.

In einer alten Gärtnerei wirtschaftet seit acht Jahren eine Kooperative, eines der ersten Genfer Gemüseaboprojekte der neuen Generation: Le Jardin des Charrotons. Bald muss sie weg – hier wurden 58 Hektaren Landwirtschaftsland in Bauland umgewandelt. Dagegen ergriff im Herbst 2010 ein buntes Komitee das Referendum: Uniterre, Charrotons und andere Vertragslandwirtschaftsprojekte, Umweltorganisationen, verschiedene linke Parteien, aber auch die SVP. Die Linke war gespalten, die SP mehrheitlich für die Einzonung. Der dringend benötigte Wohnraum genügte vielen als Argument. Und er überzeugte die Mehrheit im Kanton: Im Mai 2011 scheiterte das Referendum mit gut 43 Prozent der Stimmen an der Urne. Die direkt betroffenen Gemeinden unterstützten es allerdings – und auch die Arbeiterquartiere der Stadt zeigten sich kritisch. Für viele war das Nein zur Bauzone ein Nein zu einer Wirtschafts- und Stadtentwicklung, die vor allem Grossfirmen und Reichen dient.

Alternative Ideen gab es durchaus: nur zwanzig Hektaren entlang der Strassen einzonen, darauf ein dichtes «Agroquartier» bauen, das in engem Kontakt mit den verbleibenden Landwirtschaftsflächen steht. So wären Wohnraum und Gemüseanbau nebeneinander möglich gewesen.

Kein Platz fürs Kollektiv

Ein polyglottes Kollektiv trifft sich an diesem Frühlingstag zum gemeinsamen Fenchelpflanzen: Der Praktikant stammt aus Deutschland, ein Genossenschafter aus Spanien, eine andere aus der Deutschschweiz, und Dorota Owczarz Gabioud, eine der vier Gartenfachkräfte mit Teilzeitpensum, ist Polin. Sie sei als Touristin in die Schweiz gekommen, sagt die studierte Psychologin und Sonderpädagogin, und wegen Freundschaft und Liebe geblieben. «Ich habe das alternative Leben in Lausanne entdeckt. Eine andere Art zu leben, die meinen Idealen näher ist.» Weil sie den Fuss verletzt hat, kann sie nicht aufs Feld, darum kocht sie das Mittagessen aus frischem genossenschaftlichem Blattgemüse.

130 Abos hat der Jardin des Charrotons zurzeit, 143 wären kostendeckend. Von den Mitgliedern wird erwartet, dass sie vier Halbtage im Jahr mitarbeiten; wenn es gar nicht klappt, können sie aber auch mehr bezahlen. Die Genossenschaft verteilt das Gemüse in Depots in der Stadt, einige Mitglieder holen es direkt in der Gärtnerei ab.

Vor sechs Jahren, bei einem Besuch für einen Artikel in der WOZ (siehe WOZ Nr. 20/2009), war Mitgründerin Irène Anex enthusiastisch: «Wir haben grosses Glück gehabt. Es ist verrückt, wie einfach wir das Land bekommen haben.» Ein pensionierter Gemüsebauer hatte der Genossenschaft seine alte Anlage verpachtet. «Alles war schon da, die Gewächshäuser, der Kühlraum, die Waschtröge für das Gemüse.»

Heute ist alles schwieriger: Der Garten liegt jetzt in der Bauzone, der alte Eigentümer ist gestorben, und 2016 läuft der Pachtvertrag aus. Dann wird zwar noch nicht gebaut, aber die Kinder des Gärtners möchten den Vertrag trotzdem nicht verlängern.

Das kantonale Landwirtschaftsamt versuche ihnen zu helfen, sagt die Agronomin, Architektin und Charrotons-Gärtnerin Marie Brault: «Sie haben uns einen Ersatz angeboten, einen Kilometer weiter draussen, hinter der Autobahn. Zuerst waren wir begeistert. Aber wir werden es zurückweisen.»

Auf dem Ersatzland wuchsen bisher Blumen, intensiv mit Pestiziden behandelt. Das Amt empfiehlt, die obersten vierzig Zentimeter des Bodens zu ersetzen, sonst wird Biogemüse kaum möglich sein. Auch wurde beim Autobahnbau Material im Boden vergraben. Plastiktunnel dürften die Gärtnerinnen ebenfalls keine aufstellen – der Weiler ist als historisches Monument geschützt.

Und vor allem: Das Landwirtschaftsamt verlangt, dass die Genossenschaft ihre Rechtsform ändert und, wie auf Schweizer Bauernhöfen üblich, eine Betriebsleitung aus Personen mit landwirtschaftlicher Ausbildung einsetzt. Solche hätte Charrotons genug, aber sie wollen nicht: «Wir möchten eine Genossenschaft bleiben. Wir teilen das Risiko vollständig mit den Konsumenten. Die kollektive Form verdient es, verteidigt zu werden», sagt Marie. Sie hätten sich auch schon überlegt, Land in der Bauzone zu suchen. «Aber dort gibt es keine Infrastruktur, und Land mieten ist sehr teuer. Klar könnten wir kleiner werden, aber dann können wir nicht mehr alle Löhne zahlen …»

Der solidarische Supermarkt

In Meyrin soll es anders werden. Dort, im Norden des Kantons, entsteht ein Ökoquartier, in dem die Grundbedürfnisse Wohnraum und Nahrung nicht gegeneinander ausgespielt werden sollen: Les Vergers. Für Reto Cadotsch ist das der nötige nächste Schritt, denn er befürchtet manchmal, dass sich das Modell der Gemüseabos totläuft: «Man hat ein Schema, und alle machen das. Aber der Inhalt geht verloren, nur die Form bleibt.»

1300 Wohnungen für 3000 Personen entstehen in Meyrin, fast die Hälfte im Besitz von Genossenschaften. Mit einer Gruppe von Bekannten möchte Reto eine Koordinationsstelle für die Ernährung dieses Quartiers aufbauen. Daraus soll ein solidarischer Supermarkt werden. «Die Idee ist, dass zehn bis fünfzehn Bauern dafür produzieren und wir eine Kleinmolkerei, eine Bäckerei und eine Metzgerei bauen. Auch eine Beiz, ein Hotel – alles selbstverwaltet.»

Wie bei Tournerêve soll der Absatz vertraglich geregelt sein, zumindest ein Teil davon: «Man kann im Voraus bezahlen und dann einfach die Waren abholen. Und alle Aktiven arbeiten zwei, drei Stunden im Monat mit. Auch die Bauern sollen im Laden stehen.» Vorbild ist der solidarische Supermarkt Park Slope Food Coop in New York. 16 000 Mitglieder können dort Lebensmittel bester Qualität kaufen, dank Gratismitarbeit zu unschlagbar tiefen Preisen. «Es gibt einen Film darüber, über den muss ich jedes Mal lachen. Sie haben so viele Freiwillige, dass sie auch überflüssige Arbeiten machen – zum Beispiel schieben sie den Leuten die Einkaufswagen bis zum Auto oder nach Hause. Nicht nötig, aber es gibt eine gute Stimmung.»

Noch ist nicht sicher, ob Retos Gruppe den Zuschlag bekommt. Aber einen kantonalen Preis für nachhaltige Entwicklung hat der «Supermarché participatif paysan» bereits erhalten. Und die Ideen werden Reto sicher nicht ausgehen. «Eine Stadt müsste wissen: Wo ist das Land, das uns ernährt? Man müsste eine Karte machen, um das physisch zu zeigen. Das Essen kommt nicht von Migros und Coop. Das wächst irgendwo. Wenn wir das alles sichtbar machen könnten, auch die Fabriken und die Transporte, könnten wir die Diskussion anfangen: Wollen wir das?»

Vernissage: Freitag, 16. Oktober 2015, 19 Uhr, in Bern, Genossenschaft Warmbächli, Güterstrasse 8, Treffpunkt 18.45 Uhr, Loryplatz (Tram 7/8). 
Anmeldung erwünscht an sarah.wendle@rotpunktverlag.ch

Zürich liest: Lesung und Führung durch die Gartenkooperative Ortoloco. 
Samstag, 24. Oktober 2015, in Dietikon, Biohof Im Fondli, Spreitenbacherstrasse 35.

Lesungen: Mittwoch, 2. Dezember 2015, in St. Gallen, Buchhandlung Comedia, Katharinengasse 20.

Donnerstag, 7. Januar 2016, Suppe ab 18.30 Uhr, Lesung ab 19.30 Uhr in Regensdorf, Baracke, Watterstrasse 126.

Das Buch ist im WOZ-Shop erhältlich: 
www.woz.ch/shop

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch