Nr. 39/2015 vom 24.09.2015

Zwischen Behörden und Roma

Von Matthias Reichelt

Die Roma in Deutschland finden in den Medien meist nur im Kontext von Bettelei, Diebstahl, Dreck und Verslumung Erwähnung. Diese Stigmatisierung zeigt Wirkung und konditioniert unseren Blick, der nur noch solche Bilder einfängt und somit das mediale Bild bestätigt. Ein Teufelskreis, den Eva Ruth Wemme zu durchbrechen versucht. Die Autorin und Übersetzerin aus dem Rumänischen arbeitet seit 2011 auch als Dolmetscherin und vermittelt zwischen Behörden und Roma in Berlin. In knapper Sprache hat sie ihre Erfahrungen mit dieser schwierigen Aufgabe im Buch «Meine 7000 Nachbarn» zusammengefasst.

Wemme ist zu einer Vertrauensperson ihrer KlientInnen geworden. Meistens begleitet sie schwangere und alleinerziehende Frauen, die sich um Wohnung, Ernährung, Schule, Bleiberecht kümmern müssen, während die Männer irgendwo in einer der Schattenökonomien versuchen, Geld zu verdienen. Die täglichen Sorgen, die Sprachschwierigkeiten, die Ängste der Frauen vor der Fahrt mit der S-Bahn, die Schwierigkeiten, ein Ticket zu kaufen – davon berichtet Wemme in unaufgeregtem und sachlichem Stil.

Stellenweise kommt hinter der Lakonie ihr Unverständnis für die feindselige Haltung von Öffentlichkeit und Behörden zum Ausdruck. Oft müssen Roma überhöhte Mieten für heruntergekommene Wohnungen zahlen. Das undurchschaubare Dickicht deutscher Verwaltungen und Sozialeinrichtungen birgt grosse Rätsel. Ohne eine Anmeldung beim Jobcenter erhalten die Roma keine medizinische Versorgung. Das Jugendamt problematisiert das Musizieren von Kindern vor dem Supermarkt, verschliesst aber die Augen davor, dass die Mütter nicht das notwendige Geld für die Schulbücher aufbringen können. Die Autorin gewährt Einblick in den mühsamen Alltag der Roma, der vielen aus Ignoranz verschlossen bleibt.

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