Nr. 39/2015 vom 24.09.2015

Der Nebel, der wie eine Krankheit grassiert und alle Erinnerungen löscht

Von Menschenfressern, Kobolden und Drachen: Der neue Roman von Kazuo Ishiguro spielt im Britannien des 5. Jahrhunderts und thematisiert das Erinnern und Vergessen.

Von Ulrike Baureithel

Lorne sei Dank! Auf ihren Rat hin hat Kazuo Ishiguro den ersten Manuskriptentwurf weggelegt und noch einmal ganz von vorne begonnen. Wie «fürchterlich» der erste Versuch wirklich war, wird nicht mehr festzustellen sein. Aber der Ehefrau des englischen Autors mit japanischen Wurzeln verdanken wir nach zehnjähriger Inkubationszeit nun immerhin eine «âventiure», die, zumindest was die Action betrifft, den Vergleich mit einem mittelalterlichen Epos nicht zu scheuen braucht.

Kazuo Ishiguros lange erwarteter Roman mit dem rätselhaften Titel «Der begrabene Riese» führt in die Welt des 5. Jahrhunderts in Britannien, in eine Zeit, als Angeln und Sachsen nach und nach einwandern und die vom Römischen Reich aufgegebene Insel von Osten her besetzen. Einige blutige Bürgerkriege liegen hinter den bereits christianisierten keltischen Britanniern und den Neuankömmlingen, die im Gegensatz zu den AltsiedlerInnen nicht mehr in Höhlen hausen, sondern in umzäunten Dörfern. Bei allem zivilisatorischen Fortschritt dienen die Sachsen allerdings noch heidnischen Göttern.

Auf der Suche nach dem Sohn

In dieser mythischen Welt sind Oger, Menschenfresser, ebenso gegenwärtig wie Kobolde und Drachen. Es ist noch nicht so lange her, dass König Artus seiner Tafelrunde vorsass und Ritter ausschickte, um Drachen zu töten. Doch Axl und Beatrice, die eher geduldet am Rand einer Britanniergemeinschaft leben, erinnern sich wie alle Übrigen kaum mehr an die Vergangenheit, auch nicht an die sie unmittelbar betreffende, den Sohn zum Beispiel, der aus mysteriösen Gründen aus ihrem Leben verschwunden ist. Denn über dem Landstrich liegt ein Nebel, der wie eine Krankheit grassiert und alle Erinnerungen löscht.

Einige sonderbare Erlebnisse führen schliesslich dazu, dass die beiden zu einer lange erwogenen Reise aufbrechen, um den Sohn zu suchen. Für ein älteres Paar keine Kleinigkeit, denn der Weg ist beschwerlich, und überall im Gelände lauern Gefahren. Während einer ersten Rast in einer alten römischen Villa erfahren sie von einer Geschichte, die ihr weiteres Schicksal bestimmen wird. Wer auf die geheimnisvolle Insel, von der darin die Rede ist, übersetzen und dort zusammenbleiben will, muss sich den Fragen des Fährmanns nach seiner kostbarsten Erinnerung stellen. Aber wie soll man sie beantworten, wenn der Nebel des Vergessens über allem liegt?

Die folgenden Stationen ihres Wegs führen sie zunächst in ein Sachsendorf. Hier treffen sie auf Wistan, einen sächsischen Krieger, der den halbwüchsigen Edwin aus den Klauen eines Untiers gerettet hat, und später auf Gawein, den alten Ritter der Tafelrunde, der auf seinem Gaul Horaz durchs Land irrt. Die Gesellschaft landet in einem Kloster mit doppelzüngigen Mönchen und gerät in Konflikt mit einem Britannierlord.

Wann ist es besser zu vergessen?

Überall herrscht Misstrauen und Verrat, und man fühlt sich unweigerlich an die Bürgerkriege in Europa und dem Nahen Osten erinnert. Denn das von König Artus erlassene «grosse Gesetz», im Krieg zumindest die Frauen, Kinder und Alten zu schonen – ein Vorläufer der Genfer Konvention sozusagen –, wurde gebrochen, das Vertrauen der sächsischen Minderheit missbraucht: «Es waren die Britannier unter Artus, die unser Volk niedergemetzelt haben. Wir haben die Pflicht, jeden Mann, jede Frau, jedes Kind von ihrem Blut zu hassen», impft Wistan seinem Schüler Edwin ein.

Wann ist es besser zu vergessen? Ist der Nebel, den die Drachin Quentig über das Land gelegt hat, nicht heilsamer, um die erfahrenen Kränkungen und Wunden zu heilen und den «begrabenen Riesen», den Hass und die Rachegelüste, ruhen zu lassen? Doch mit dem, was wir heute Verdrängung nennen würden, sind auch Risiken verbunden, denn es gibt Dinge in der Vergangenheit, sagt Ishiguro in einem Interview, denen man sich stellen sollte.

Dabei faszinieren ihn vor allem die Unterschiede zwischen der privaten und der gesellschaftlichen Erinnerungskultur. Denn während Gemeinschaften oft einfach aus Scham oder Angst vergessen, wie Beatrice vermutet, ist die private Erinnerungslosigkeit ambivalent, sie kann Segen sein oder Fluch. Vergeht Liebe ohne Erinnerung, fragt sich das Paar, oder ist der Schleier des Vergessens in manchen Situationen überhaupt die Voraussetzung dafür, dass sie gedeiht?

Axl und Beatrice schleppen – wie auch Wistan und Edwin – Altlasten mit sich herum, die der Nebel ihnen erlaubt zu vergessen. Und es macht sich zunehmend Verunsicherung breit: «Jetzt, wo es sein kann, dass sogar wir die Drachin töten, eigenhändig», gibt Beatrice Axl zu bedenken, «da habe ich plötzlich Angst davor, dass der Nebel aufhört.»

Ebendies müssen auch die Völker fürchten, denn es war die Drachin, die ihnen den fragilen Frieden beschert hat: «Die Drachin starb, um den Weg für die bevorstehende Eroberung frei zu machen», verkündet Wistan den neuen Krieg, nachdem er den Drachen getötet hat. «Der Riese, einst gut begraben, beginnt sich zu rühren.»

Dieser von Ishiguro geöffnete mythische Vergangenheitsraum ist erst von einem dünnen christlichen Firnis überzogen. Während einige Mönche im Kloster versuchen, Gott gnädig zu stimmen, indem sie Busse tun für die Sünden anderer und sich, eingesperrt in Käfige, den spitzen Schnäbeln der Vögel preisgeben, wissen die anderen, dass es ihre Aufgabe ist, den Schleier der Vergangenheit zu lüften. Deutlich zeichnet sich im Britannien des 5. Jahrhunderts aber schon die unheilige Allianz zwischen kirchlicher und weltlicher Macht ab, unter der die UntertanInnen in der Nachfolge zu leiden haben werden.

Blaustrümpfige Philosophiestudentin

Erzählerisch folgt Ishiguro ganz der Tradition des mittelalterlichen Epos «Gawein und der grüne Ritter», das ihn inspiriert hat, und er beherrscht sichtlich auch die Klaviatur der Fantasyliteratur. Die Reiseabenteuer und Kämpfe werden aus unterschiedlicher Perspektive erzählt, die LeserInnen durch unmittelbare Ansprache in die Geschichte hineingezogen. Dass die turbulenten Ereignisse immer wieder von Raisonnement überwölbt werden und vor allem Beatrice wie eine angejahrte blaustrümpfige Philosophiestudentin daherredet, ist verkraftbar angesichts der mitreissenden Begeisterung, die Ishiguro für seine Geschöpfe aufbringt.

Die bedenklichere Unstimmigkeit des Romans resultiert aus einer Gabe, die Ishiguros übrige Bücher sonst so auszeichnet: die Einfühlung. Axl und Beatrice scheinen mehr der psychologisch ziselierten Bürgerwelt des 19. Jahrhunderts zu entspringen denn dem 5. Jahrhundert unserer Zeitrechnung. Die entwickelte höfische Welt, in der man eine Rolle spielte – oder, wie Wistan, «aus der Rolle fallen» konnte –, lag noch in weiter Ferne. Ganz davon abgesehen, dass man Ereignisse auch nicht «durchgekaut» oder «Jungspunde» in Bewegung gesetzt hätte. Dank Lorne hat der Autor uns zwar seine Mimesis an die archaische Sprache erspart, ist dafür aber hin und wieder aus der Zeitspur gestolpert.

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