Nr. 40/2015 vom 01.10.2015

Als wollten sie auf einen viel zu hohen Stuhl klettern

Psychische Krankheiten sind auch Ausdruck gesellschaftlicher Missstände. Michael Schulte-Markwort zeigt in seinem Buch, wie die Ansprüche der Leistungsgesellschaft schon bei Kindern zum Burn-out führen.

Von Rahel Locher

Training, Musikstunde, Nachhilfe – beim Blick in den Wochenplan heutiger PrimarschülerInnen kommt einem leicht der Gedanke: So viele Termine hatten wir nicht einmal in der Oberstufe. Das Vorhaben, Kinder optimal zu fördern, schlägt leicht in Überforderung um. Kinder, die nicht mehr können, ständig müde sind, denen nichts mehr Freude macht, für die sich die Zukunft als endloser Kampf um Erfolg präsentiert – diese Kinder suchen den Kinder- und Jugendpsychiater Michael Schulte-Markwort auf. Lange selbst skeptisch, ob die Diagnose Burn-out im kindlichen Kontext angebracht ist, liessen seine Praxiserfahrungen der letzten Jahre keinen anderen Schluss zu.

Der Hamburger Psychiater blickt auf langjährige Tätigkeit zurück. Das Leiden seiner jungen PatientInnen wird greifbar, wenn Schulte-Markwort ihre Lage schildert. Etwa die des zwölfjährigen Felix. Seine schulischen Leistungen nehmen seit der dritten Klasse stetig ab, obwohl er sich sehr anstrengt. Felix entflieht in die Welt der Computerspiele, weint sich abends in den Schlaf und äussert Zweifel am Sinn des Lebens. Felix’ Lebensrealität stellt Schulte-Markwort in einen grösseren Zusammenhang. Er entfaltet eine Zeitdiagnose rund um das «Prinzip Leistung», das alles durchdringt und eine wesentliche Ursache der Überforderung ist, die mittlerweile auch die junge Generation in die Erschöpfungsdepression schlittern lässt.

Die Macht ökonomischen Denkens

Die Ausrichtung der Schulen an wirtschaftlichen Interessen erzeugt schon in frühen Jahren einen hohen Druck. Die Schulzeugnisse eröffnen oder verschliessen Zugänge zu späteren Bildungs- und Berufsmöglichkeiten. Damit entscheidet jedes Prüfungsresultat potenziell über die spätere Existenz – kein Wunder, wenn einige Kinder dem Druck nicht standhalten und in den Worten Schulte-Markworts so wirken, als wollten sie auf einen viel zu hohen Stuhl klettern.

Die familiäre Umgebung kann die Widerstandskraft der Kinder gegenüber schulischem Leistungsdruck stärken. Nun ist aber der Alltag der Eltern in den Schilderungen Schulte-Markworts ebenfalls geprägt vom Dauereinsatz. Leistungsbereitschaft – man könnte auch sagen: die Bereitschaft, sich widerspruchslos ausbeuten zu lassen – ist zu einer Schlüsselkompetenz der gegenwärtigen Lohnabhängigen geworden. Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ermöglicht zwar Männern, mit den Kindern Zeit zu verbringen, und Frauen, ihre eigenen Berufswünsche umzusetzen. Sie hat aber eine negative Kehrseite: Die Doppelbelastung. Und diese bekommen die Kinder zu spüren, wenn die Eltern sich abends nur noch unter Anstrengung mit ihnen beschäftigen, nachdem sie tagsüber alles gegeben haben.

Angst vor Radikalität

Schulte-Markwort propagiert die Kleinfamilie als Bollwerk gegen die Macht der Ökonomie im ausserhäuslichen Bereich – bisweilen auch mit konservativem Drall, wenn er etwa Scheidungen als Ursache allen Übels darstellt. Die intakte Kleinfamilie mag einen gewissen Schutz davor bieten, an gesellschaftlichen Anforderungen zu scheitern – letztlich werden aber in ihr zentrale Werte weitergegeben. Und damit auch das Leistungsdenken, dessen Entkräftung eine gesellschaftliche und nicht bloss innerfamiliäre Aufgabe ist. Zudem kann die Rückkehr zur traditionellen Familie – die ja häufig weibliches Potenzial verleugnete und Männern das regelmässige Zusammensein mit ihren Kindern verunmöglichte – eh keine zukunftsgewandte Forderung sein.

Michael Schulte-Markwort bespricht in «Burnout-Kids» nicht nur einzelne Fallbeispiele, die er mit Ratschlägen ergänzt, sondern regt gleichzeitig zu grundsätzlichen Fragen an. Schade nur, dass seine Gesellschaftskritik oft oberflächlich bleibt und er es nicht wagt, radikalere gesellschaftliche Entwürfe zu skizzieren.

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