Nr. 41/2015 vom 08.10.2015

Ein Monolith der Weltliteratur

Von Florian Vetsch

Der anglo-irische Dichter William Butler Yeats (1865–1939), der 1923 mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet wurde, war mit einem Medium verheiratet: mit Georgie Hyde-Lees (1892–1968). Yeats, der Postromantiker, unterhielt ausserdem Beziehungen zur Theosophischen Gesellschaft um Helena Blavatsky, eine in New York gegründete okkulte Organisation. Sie nährte sein Interesse an Mystik, Alchemie und Hinduismus. Ausserdem war er zeitweilig leitendes Mitglied des elitären Geheimbunds Hermetic Order of the Golden Dawn, der esoterische Initiationsrituale, spiritistische Sitzungen und magische Praktiken zelebrierte.

Vor diesem Hintergrund wird klar, weshalb ein Mann wie William Butler Yeats an den Eingebungen seiner Gattin Georgie regen Anteil nahm. Im Oktober 1917 nahmen die Jungvermählten ihre Zusammenarbeit auf. Anfangs betrieb Georgie automatisches Schreiben. Yeats stufte ihre Manuskripte als Mitteilungen unsichtbarer «Unterweiser» ein. Durch Georgie vermittelten diese «Lehrer» ihrem Adepten ein System, das im Zeichen des «Grossen Rads», im Reigen der 28 Mondphasen, metaphorisch die Welt- und Zeitenläufe erhellt. Später murmelte Georgie in tranceartigem Schlaf, und Yeats hielt fest, was er hörte. Ihre Verlautbarungen destillierte er zur Tinktur der Verse und Prosa von «A Vision».

Jahrzehnte nach Yeats’ Tod wurden die viele Tausend Seiten umfassenden Notizen, der Rohstoff, aus dem das Opus magnum hervorgetrieben worden war, veröffentlicht: «Yeats’ Vision Papers», herausgegeben von George Mills Harper. Georgie war weit mehr als eine Muse. Ihr Anteil an Yeats’ Lebenswerk «A Vision» (1925/1937) ist diesem unauslöschlich eingeschrieben.

Nun liegt «Eine Vision», ein Monolith der Weltliteratur, auf Deutsch vor, kundig und einfühlsam von Axel Monte übertragen: eine Kompilation von Erinnerungen, systematischen Tabellen, geometrischen Figuren, Erzählungen und Gedichten, die zusammen Yeats’ grossartigen Versuch darstellen, dem Chaos der Zeit zu trotzen.

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