Nr. 43/2015 vom 22.10.2015

Hat sich Ihr Sender von Economiesuisse kaufen lassen?

Was Moderatorin Gülsha Adilji am Jugendsender Joiz nervt, welche Gefühle das Wahlergebnis vom Wochenende in ihr auslöst und wieso sie als Veganerin auch mal Werbung für Käse macht.

Von Anna Jikhareva (Interview) und Ursula Häne (Foto)

«Wirklich unabhängig sind wir bei Joiz sowieso nicht»: Gülsha Adilji über den Jugendsender, den sie verlassen wird.

WOZ: Frau Adilji, Sie hören bei Joiz auf. Sind Sie mit dreissig zu alt für den Job bei einem Jugendsender?
Gülsha Adilji: Nein, dafür gibt es keine Altersgrenze, dreissig ist ja nur eine Zahl. Ich habe bei Joiz jedoch alles erreicht – mehr, als mir je zugetraut wurde, und mehr, als ich selbst je gedacht hätte. Irgendwann wird es langweilig, jeden Tag die gleiche Sendung zu drehen.

Gibt es auch bei Joiz selbst etwas, das Ihnen nicht gepasst hat?
Mich nervt, dass ich in meiner Sendung Branded-Entertainment-Beiträge zeigen muss, also Beiträge, in denen bestimmte Produkte in Szene gesetzt werden. Sie passen oft nicht zum Format und sind selten gut.

Wie finden Sie es, dass der Wirtschaftsdachverband Economiesuisse gleich eine ganze Wirtschaftssendung finanziert und Joiz damit die redaktionelle Unabhängigkeit abgekauft hat?
Wirklich unabhängig sind wir bei Joiz sowieso nicht. In diesem konkreten Fall hatte der Verband auch angefragt, ob ich Beiträge für die Sendung produzieren will, aber das hätte ich niemals gemacht. Wir Moderatoren haben die Freiheit, Nein zu sagen. Ich habe auch schon Anfragen von McDonald’s abgelehnt.

Im Fall von Economiesuisse geht es nicht um eine Produktplatzierung, sondern um eine Sendung, bei der jungen Menschen aus Sicht der Grosskonzerne die Wirtschaft erklärt wird.
Solche Sendungen sind ein zweischneidiges Schwert: Ein Privatsender muss ja seine Mitarbeiter bezahlen und ist deshalb auf Sponsoring angewiesen. Nur mit einem gesicherten Einkommen haben die Moderatoren später die Freiheit, bestimmte Anfragen abzulehnen. Eine von Economiesuisse bezahlte Wirtschaftssendung finde ich aber nicht problematisch, der Sponsor wird ja während der gesamten Sendung eingeblendet.

Wenn wir von Käuflichkeit reden: Wie viel musste Natalie Rickli, SVP-Nationalrätin und Mitglied der Geschäftsleitung des Medienvermarkters Goldbach Media, zahlen, damit Sie den Goldbach Crossmedia Award moderieren?
Viel zu wenig (lacht).

Die SVP muss Ihnen also nur genug bezahlen?
Natürlich nicht. Aber Natalie Rickli ist ja nur ein Teil der Geschäftsleitung. Ich frage mich bei jedem Auftrag, ob ich dahinterstehen kann, und bespreche das mit meinen Freunden. Als die Anfrage von Crossmedia Award kam, habe ich das Für und Wider abgewogen und mich letztlich dafür entschieden.

Wo ziehen Sie die Grenze?
Ich kann das nicht allgemein sagen. In manchen Fällen mache ich eine Sendung trotz Bedenken – aber so, dass ich dahinterstehen kann. Ich sollte mir zum Beispiel in einer Sendung die Glaceproduktion eines Unternehmens anschauen. Als ich erfuhr, dass es sich um Nestlé handelt, hatte ich schon zugesagt. Ich habe dann eine ironische Botschaft in die Moderation eingebaut, mit der ich auf Nestlés Geschäft mit dem Wasser angespielt habe: «Ich schaue mir gerade die Glaceproduktion bei Nestlé an. Sie kennen sich nicht nur mit Wasser aus, sondern auch mit Wasserglace …» In meinem Job bei Joiz bleibt mir wenig anderes übrig. Ich musste auch schon Werbung für Käse machen – obwohl ich Veganerin bin. In solchen Fällen sage ich mir: «Augen zu und durch!»

Was löst das Wahlergebnis vom Wochenende in Ihnen aus?
Das Ergebnis löst in mir keine Gefühle aus, der Rechtsrutsch war ja zu erwarten. Wütend werde ich zum Beispiel, wenn ich einen Vortrag von «Weltwoche»-Chef Roger Köppel besuche, bei dem er über das Asylwesen wettert.

Verändert das Wahlergebnis Ihr Bild von der Schweiz?
Eigentlich bleibt alles beim Alten. Die Richtung, in die sich die Schweiz bewegt, zeichnet sich ja seit längerem ab. Ich glaube auch, dass sich die Aussenwahrnehmung der Schweiz kaum verändern wird. Viele im Ausland denken sowieso schon, wir seien alles reiche, weisse Rassisten.

Wenn Sie eine Wutrede schreiben würden wie kürzlich der Schriftsteller Lukas Bärfuss: Wie würde diese aussehen?
Ich würde über Frauen- und Männerbilder in der Gesellschaft schreiben. Weil ich viel darüber rede und mich das Thema sehr beschäftigt, stecken mich viele in die Feministinnenecke.

Sind Sie keine Feministin?
Nach meiner Definition von Feminismus – der Annahme, dass Mann und Frau gleich zu behandeln sind – sollte jeder Mensch Feminist oder Feministin sein. Aber natürlich ist unsere Gesellschaft noch sehr weit davon entfernt.

Wie kann dieses Ziel erreicht werden?
Zuerst muss sich das Bildungssystem verändern, die biologischen Unterschiede und Gemeinsamkeiten von Mann und Frau müssen in der Schule stärker behandelt werden. Auch das Frauenbild in den Medien muss sich wandeln. Ich frage mich, wieso es im 21. Jahrhundert immer noch Misswahlen gibt. Damit wird suggeriert, dass sich eine Frau im Bikini präsentieren muss, um erfolgreich zu sein.

TV-Moderatorin Gülsha Adilji (30) war am Dienstag im «Club» des Schweizer Fernsehens 
zu sehen – diesmal noch als Gast.

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