Nr. 44/2015 vom 29.10.2015

Als einer fast aus dem Hochhaus davonflog

Der angolanische Schriftsteller Ondjaki hat einen Roman über Menschen in Luanda geschrieben, wo der Alltag nur mit Humor und Ironie zu bestehen ist.

Von Anja Bengelstorff

Africa rising. Froh darüber, endlich positive Nachrichten über den so oft verloren geglaubten Kontinent verbreiten zu können, zitieren BeobachterInnen Afrikas enthusiastisch die respektablen Wirtschaftswachstumszahlen, verweisen auf Innovationen in der Informationstechnologie und preisen die Energie der jungen Leute Afrikas.

Doch diesem Bild, nur für sich gezeichnet, droht, genau wie dem apokalyptischen Bild der Kriege und Katastrophen, die «Gefahr der einzigen Geschichte», auf die die nigerianische Schriftstellerin Chimamanda Ngozi Adichie hingewiesen hat: Erzählungen aus nur einer Perspektive sind zwar nicht falsch, aber unvollständig. So real die Entwicklungen in Afrika auch sein mögen, haben doch längst nicht alle Menschen am Fortschritt des Kontinents teil.

Nur als Karikatur auszuhalten

Der vor kurzem auf Deutsch erschienene Roman «Die Durchsichtigen» des 38-jährigen angolanischen Schriftstellers Ondjaki führt die LeserInnen an einen Ort, der sehr anschaulich die Schattenseiten des wirtschaftlichen Aufschwungs sowie die Nachwehen eines Jahrzehnte währenden Krieges spiegelt: Angolas Hauptstadt Luanda, noch gezeichnet vom 2002 beendeten Bürgerkrieg. Luanda ist heute aufgrund des Öl-, Diamanten- und Erdgasbooms eine der teuersten Städte der Welt, während das Land selbst zu den ärmsten überhaupt zählt. Aufschwung und Armut: zwei Perspektiven, die einander bei Ondjaki zu vervollständigen suchen.

In Ondjakis Luanda steht ein siebenstöckiges, heruntergekommenes Hochhaus, das «atmete wie ein lebendiges Wesen», wie ein Fels in der Brandung der Geschehnisse. Kontinuierlich überschwemmt Wasser aus einem defekten Rohr den ersten Stock – eine schmerzliche Konstante angesichts chronischen Wassermangels in vielen Gegenden Afrikas. Zu den vom Autor prägnant und liebenswert gezeichneten Männern und Frauen, die sich in diesem Hochhaus eingerichtet haben, gehören etwa MariaComForça, die am Strassenrand Grillspiesse verkauft und ihr Handy im Büstenhalter verstaut, oder der stumme Genosse, der perfekt Kartoffeln schälen kann und dazu Jazz von einem uralten Plattenspieler hört, oder Edú, dessen kranker Hoden je nach Wetter an- oder abschwillt und ihm deshalb eine Fernsehkarriere verschaffen soll. Der Vater eines Kleinkriminellen – «orientierungslos aus Berufung stand er früh auf, um mehr Zeit für das Nichtstun zu haben» – verzweifelt angesichts seiner Armut und Sehnsucht nach einer besseren Vergangenheit und stellt das Essen ein. Täglich wird er leichter und durchsichtiger; am Ende hält ihn seine Frau an einem Schnürsenkel um den Knöchel fest, damit er nicht davonfliegt.

Auf der anderen Seite steht die organisierte Korruption in Gestalt von Regierungsbeamten, denen das Eis für den importierten Whisky nicht kalt genug ist, deren Handlanger mit den Namen DiesMal und AnderMal die kleinen Leute schikanieren und die trotz aller Warnungen direkt unter der Stadt nach Öl bohren lassen – weil sie es können. Naive TouristInnen werden am Flughafen von Polizisten ein kleines bisschen übers Ohr gehauen; die ironische Beschreibung dieser Szene ist höchst amüsant zu lesen, aber letztlich ist es doch kein ungetrübtes Vergnügen, weil Staatswillkür und die schamlose systematische Bereicherung auf Kosten der BürgerInnen eine Tragödie ist, die einem die Luft raubt.

Und so erweist sich Ondjaki als präziser und zugleich empathischer Beobachter, der seine Gesellschaftskritik in «Die Durchsichtigen» als Satire präsentiert. Weil die Realität der Bestechlichkeit, der Pfingstkirchen, der Beamtenabsurditäten sowie der Gefahren, die von Gier und mangelnder Transparenz in der Regierungsführung ausgehen, eben oft nur als Karikatur auszuhalten ist. Und das nicht nur in Angola.

Kakerlake als Lebensretterin

Der vielfach ausgezeichnete Ondjaki (ein Pseudonym für Ndalu de Almeida), der zurzeit in Brasilien lebt, hat bereits fünfzehn Bücher veröffentlicht. «Die Durchsichtigen» ist nach «Bom dia camaradas» (2006) sein zweiter Roman, der ins Deutsche übertragen wurde.

Wer vom magischen Realismus eines Gabriel García Márquez nicht genug bekommen kann, wer tragikomische Schilderungen menschlichen Auf und Abs liebt, findet in «Die Durchsichtigen» seine Vorlieben meisterhaft bedient. Es ist einer dieser besonderen Romane, die nachklingen. Die man nach der letzten Seite sofort wieder von vorn beginnen will. Und einer voller sinnlicher Eindrücke: Düfte («reife Mangos, nächtliche Tränen, schmutziges Geld»), Geräusche («Salz in den Muscheln») und Farben («das Licht […] bediente sich des Wassers, um sich in anderem Grau neu zu erfinden»). Herausragend ist Ondjakis hoch poetische, mit Wortschöpfungen durchsetzte, teils melancholische Sprache. Sätze wie «Der Wind, der das Fenster umspielt, nur um zu zeigen, dass es ihn gibt …» muss man einfach aus Genuss mehrmals lesen.

Am Ende rettet eine weisse Kakerlake einem US-amerikanischen Wissenschaftler das Leben – unter einer Millionenstadt nach Öl zu bohren, ist eben doch keine gute Idee.

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