Nr. 44/2015 vom 29.10.2015

Vergangenheit als Alltag oder als Exotikum

Ist Dokufiktion die bessere Geschichtsschreibung? Drei neue Bücher über Schweizer Persönlichkeiten schlagen unterschiedliche Wege ein.

Von Stefan Howald

«Einmal erdhaft Menschen sein unter erdhaften Menschenkreaturen»: Katharina von Arx mit einem tongaischen Bekannten im Frühjahr 1957. Foto: Frédéric Drilhon-von-Arx

«Die Unvergleichlichen» ist ein ambitiöses Unterfangen. Daniel Suter hat in seinem dritten, voluminösen Roman ein Halbjahrhundertwerk versucht. Oder sogar zwei. Sein «Parallelroman» präsentiert zwei Frauenleben von 1899 bis 1943, mit kleinen Ausblicken nach vorn.

Der Titel verspricht Doppeldeutiges. In detaillierter Individualität werden zwei unverwechselbare Leben dargestellt. Da ist Jenny Gass aus dem Basler «Daig», und da ist Paula Ahrons, deutsch-jüdischer Herkunft, nach der Migration in die Schweiz in Zürich zum unteren Mittelstand gehörend. Aber als Unvergleichliche sind sie auch gegensätzlich angelegt, als Pole der schweizerischen Gesellschaft.

Ein fremdes Land?

Geschichte boomt im politischen Handgemenge, aber auch als Dokufiktion. «Die Vergangenheit ist ein fremdes Land, dort gelten andere Regeln»: So verführerisch abweisend beginnt der Roman «The Go-Between» (1953) von L. P. Hartley, nur um dieses fremde Land dann sinnfällig zu rekonstruieren. Dagegen tritt der vulgäre historische Instrumentalismus auf, dem Geschichte nur das ist, was ihm für die Gegenwart brauchbar scheint. Aktuelle 
Vertreter ziehen gegenwärtig durch die Medien und die Vortragssäle. Richtig daran ist, dass Geschichtsschreibung immer von einem bestimmten Standpunkt der Nachgeborenen aus erfolgt und nicht nur rekonstruiert, was war, sondern auch, was das für uns bedeutet. Aber diese Bedeutung kann nicht beliebig konstruiert werden, sondern hängt mit der historischen Rekonstruktion zusammen.

Wenn Literatur historische Ereignisse durch individuelle Menschen sicht- und fühlbar und bedeutsam macht, so trifft sie sich mit dem gewachsenen Interesse an biografischen und autobiografischen Büchern. Auch die beiden Frauen in «Die Unvergleichlichen» basieren auf realen Personen, und sie treffen mit vielen historischen Personen zusammen. Daniel Suter, Jurist, Journalist, Schriftsteller in Zürich, hat genau recherchiert, bis ins Detail.

Suters beide Hauptfiguren sind sowohl Objekt wie Subjekt: Über sie wird erzählt, und sie teilen sich mit. Die Erzählperspektive kommt ihren Gefühls- und Gehirnnerven zuweilen ganz nahe. Diese beiden Frauen führen, je auf ihre eigene sozial geprägte Weise, ein eigenständiges Leben. Paula Ahrons gibt ihr Studium auf, um die Familie zu unterstützen, tritt der kommunistischen Partei bei, ist bald alleinerziehende Mutter, immer berufstätig und wird durch die deutsche Verwandtschaft schmerzhaft mit der Judenverfolgung konfrontiert. Jenny Gass gibt sich zuerst als hochnäsiger Männerschwarm, hält nach der Heirat mit einem Fabrikanten trotz dessen Depressionen und Alkoholismus die Familie zusammen, ist zugleich die erste Frau in Basel, die Auto fährt, erfindet sich dann nach dem Tod ihres Ehemanns ein neues Leben mit einem Geliebten und vielen Reisen, kümmert sich während des Zweiten Weltkriegs aber auch um Flüchtlinge.

Erzählt werden diese Leben in Fünfjahresschritten. Den chronologischen Sprüngen entsprechen zuweilen Entwicklungssprünge der Figuren, die unterschiedlich belichtet werden. Dafür flicht der Roman ein imponierendes Gewebe sozialer Entwicklungen. Anhand von Paulas politischem Engagement entstehen Bilder von der Kommunistin Mentona Moser über die Präsens-Film bis zu einem Fackelzug der Frontisten. Wenn dabei quasidokumentarisch kommunistische Parolen in die Gespräche einfliessen, so tönen diese allerdings von heute aus hohler, als sie damals wohl verstanden und gelebt wurden.

Der ausführlich ausgreifende Erzählgestus hat ebenfalls seine Tücken. Als Jugendliche erlebt Jenny bei einem London-Besuch 1910 das Begräbnis des britischen Königs Edward VII.; auf zwölf Seiten wird jeder adlige Teilnehmer des Trauerzugs aufgezählt. Damit soll eine versinkende Epoche sichtbar gemacht werden, aber die blosse Aufzählung gibt auch an anderer Stelle solche strukturellen Prozesse nicht her. Die Stärke des Buchs wird zur Schwäche, da den Details zu stark vertraut wird.

Reduzierte dreissiger Jahre

Die Ausführlichkeit von Suters Buch gewinnt an Qualität, wenn man es mit dem neusten Roman von Eveline Hasler vergleicht. Hasler ist eine der erfolgreichsten Schweizer DokufiktionautorInnen. In etlichen ihrer Romane präsentierte sie kaum bekannte Personen, von der «Hexe» Anna Göldin bis zum Fluchthelfer Valentin Fry. Das jüngste Buch macht es sich ein bisschen einfacher. Weitgehend neu ist die Geschichte von Ferdinand und Marianne Rieser, die das Zürcher Schauspielhaus zwischen 1926 und 1938 zu dem machten, was es nachher wurde: eine erfolgreiche, auch politisch engagierte Bühne. Da werden zwei bemerkenswerte Menschen der Vergessenheit entrissen. Doch das scheint nicht zu reichen, also werden die Riesers mit den Manns und den Schwarzenbachs verwoben. Aber braucht es eine weitere Nacherzählung von Erika Manns Engagement mit ihrem antifaschistischen Kabarett Pfeffermühle und Thomas Manns Anteilnahme daran? Vor allem: Braucht es eine weitere Beschreibung des beliebtesten Opferlamms der jüngeren Schweizer Literaturgeschichte, Annemarie Schwarzenbach? Und reicht dazu als Ergänzung eine Kurzanalyse von James Schwarzenbach als Annemaries verklemmtem Cousin? In einer Nachbemerkung begründet Hasler ihre Wahl damit, an diesen drei Familien machten sich «die Themen jener Zeit dingfest». Das reduziert die dreissiger Jahre, die sozialen Auseinandersetzungen und den Kampf gegen den Faschismus dann doch auf ein intellektuelles Oberschichtmilieu.

Das liest sich so weit flott, aber allzu oft wird der eine oder andere Name aus der europäischen Geistesgeschichte fallen gelassen und mit einer oberflächlichen Anekdote bedacht.

Auch Winfried Meichtry hat sich mit Schweizer Biografien profiliert, vor allem durch seine Doppelbiografie über das Ehepaar Iris und Peter von Roten sowie die 2013 erschienene Lebensbeschreibung von Mani Matter. Jetzt legt er wieder eine Doppelbiografie vor: Katharina von Arx (1928–2013) und Freddy Drilhon (1926–1976). Von Arx ist einigermassen bekannt als frühe Reisereporterin und «Schlossherrin von Romainmôtier»; ihr Lebenspartner ab 1957, der französische Fotograf und Journalist Freddy Drilhon, ist weitgehend vergessen. Meichtry ist es zumeist gelungen, für seine Buchprojekte einen privilegierten Zugang zu Privatarchiven zu erhalten. Auch das neuste Werk zitiert ausführlich aus Tagebüchern und Briefen der beiden Hauptpersonen.

Der Verlag Nagel & Kimche hat zeitgleich mit der Biografie das erste Reisebuch von Katharina von Arx neu aufgelegt, «Nehmt mich bitte mit. Eine Weltreise per Anhalter» (1956). Von Arx hat einen eigenwilligen, trockenen Witz, und diese Vignetten, wie sie sich ohne Geld auf einer achtmonatigen Reise buchstäblich um den Globus durchschlägt, sind durchaus unterhaltsam, auch eindrücklich, wie sie alle Avancen von Männern gegenüber einer allein reisenden Frau abwehrt. Einfallsreich und unerschrocken muss sie gewesen sein. Manches Verhalten kann sie sich allerdings nur leisten, weil sie eine Europäerin ist und von Expats in allen Ländern weiterempfohlen wird. Zudem ist ihre Perspektive eigentümlich beschränkt: Wie komme ich zur nächsten Mahlzeit und zur nächsten Unterkunft und zum nächsten Reiseziel? Zeit- und Kulturgeschichte fehlen in dieser Reise von 1953/54 vollständig. Indien war kürzlich in die Unabhängigkeit entlassen worden; Japan versuchte, sich nach der Niederlage im Zweiten Weltkrieg als westliche Industriemacht neu zu erfinden; Hongkong starrte gebannt auf das kommunistische China, das eben gerade in Korea Krieg gegen die USA geführt hatte – nichts von dem lässt sich in diesem Buch auch nur erahnen. Ja, bei allem ironischen, auch selbstironischen Blick äussern sich etliche Vorurteile über die «wimmelnden asiatischen Scharen» und «schattenhaften Massen».

Spannend ist, wie Katharina von Arx mit ihrer vorgeprägten Rolle als Frau umgegangen ist. Sie hat Erwartungen durchbrochen, eigenwillig, eigenständig. Die Opfer, die das gefordert hat, werden von ihr in Aufzeichnungen angedeutet. Drilhon, der nach einem Zerwürfnis mit seinem wohlsituierten Vater 1943 in London General de Gaulles Exilarmee beitritt und mit siebzehn in der US-Marine dient, dann als Südseekorrespondent und freier Fotograf eine prekäre Existenz führt, kämpft ebenfalls gegen vorgespurte Lebensentwürfe.

Meichtry beschreibt das in handwerksmässiger Sprache, die immer ein Klischee zur Hand hat: Ein «lottriger Zigeunerwagen» wird von einem «verwunschenen Gartenhäuschen» abgelöst, der «gebieterische Chef» kann nicht verhindern, dass die Mädchen «sorglos vergnügt durch die Gegend gondeln», während die Bauern «knorrig» und die Schönheiten «vielfältig» sind; später legt die Erfahrung des Kriegs «einen dunklen Schatten» auf Drilhons Leben und bestehen zur Mutter «keinerlei Brücken mehr». Dafür enthält sich Meichtry jeder historischen Vertiefung. Hin und wieder streut er ein bisschen Zeitgeschichte über die individuellen Geschichten, ungewollt komisch: «Der auf Anfang September 1939 anberaumte Versöhnungsversuch zwischen Robert Drilhon und seinem Sohn wurde von Adolf Hitler vereitelt.» Da muss schon als politische Analyse gelten, wenn Meichtry fürs Jahr 1956 zu Katharina von Arx besorgt formuliert: «Sie war besorgt über die angespannte politische Lage in Europa.»

Zeitgenössische Exotik

Den Tiefpunkt erreicht diese ahistorische Betrachtung in den Passagen zu den Südseereisen von Drilhon und von Arx. Diese wollten, nachdem sie sich 1957 auf einer Fotoreportage auf Tonga kennengelernt hatten, zu den so wilden Menschenfressern ins so wilde Neuguinea reisen. Ihre Motive beschreibt von Arx ambivalent: «Wir wollten forschen – wenn auch durch kannibalischen Pfeilregen schlüpfend – Völker entdecken. Einmal erdhaft Menschen sein unter erdhaften Menschenkreaturen.» Dabei gesteht sie ein, dass diese Suche nach dem unverdorbenen Paradies auch eine Weltflucht ist. Meichtry weiss nichts über die zeitgenössische oder heutige Diskussion um die Rolle der Ethnologie oder des Exotismus zu sagen, und wenn Fotografien im Buch unkommentiert einen «Eingeborenenstamm im Chimbu-Tal» oder «Freddy mit Häuptling Aiua im Dorf Womkama» ebenda zeigen, sind wir im eurozentrischen Neokolonialismus gelandet.

Am stärksten wirken einige Briefe zwischen von Arx und Drilhon, die zwischen Amour fou und Seelenverwandtschaft oszillieren. Als sich Katharina von Arx ab 1960 hartnäckig, ja obsessiv der Renovation des von den beiden erworbenen zerfallenen Klosters Romainmôtier widmet, gerät die Beziehung zu Drilhon bald in die Krise und zerbricht allmählich. Vielleicht, meint von Arx gelegentlich, kann sie nur als Einzelne leben, interessiert sie sich gar nicht für andere. Diese aparte Existenz muss sie dann vor sich selbst überhöhen: «Ich habe als Mensch und nicht als Zuchtvieh gelebt.»

Was also sagen diese Bücher über den Umgang mit Geschichte aus? Meichtry wünscht das Exotische zurück. Hasler legt uns die Hochkultur und klare Verhältnisse ans Herz. Suter setzt auf Differenzierungen. Was insgesamt ertragreicher ist.

Wilfried Meichtry liest am Donnerstag, 29. Oktober 2015, um 20 Uhr in der Landesbibliothek in Glarus und am Montag, 2. November 2015, um 19.30 Uhr im Literaturhaus Zürich.

Katharina von Arx: «Nehmt mich bitte mit. 
Eine Weltreise per Anhalter». Nagel & Kimche. Zürich 2015 (Originalausgabe 1956). 
270 Seiten. 30 Franken.

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