Nr. 44/2015 vom 29.10.2015

«Ich habe keine Angst, mir zu widersprechen»

Eine Herausforderung bleibt der italienische Filmregisseur und Autor Pier Paolo Pasolini auch vier Jahrzehnte nach seinem Tod – nicht nur für Konservative und katholische Würdenträger.

Von Jens Renner

Vor vierzig Jahren, am 2. November 1975, wurde Pier Paolo Pasolini in Ostia bei Rom ermordet. Verurteilt für die Tat wurde ein Siebzehnjähriger, angeblich ein Stricher, mit dem Pasolini Sex hatte; die genaueren Umstände sind bis heute ungeklärt.

Die Linke, nicht nur in Italien, tut sich von jeher schwer mit Pasolini. Denn «PPP» liebte die Provokation – er provozierte nicht nur die Konservativen, sondern auch die Linken. Zwiespältig blieb sein Verhältnis zum Partito Comunista Italiano (PCI), dem er 1947 beitrat. Nur zwei Jahre später wurde er wegen «moralischer Unwürdigkeit» aus der Partei ausgeschlossen: Pasolini war damals Lehrer in der Gemeinde Casarsa della Delizia in der nordöstlichen Region Friaul, als ihm die Staatsanwaltschaft wegen homosexueller Kontakte zu einem Schüler «Unzucht mit Abhängigen» vorwarf. Dahinter steckte ein von der örtlichen Christdemokratie eingefädeltes Komplott. Er verlor seine Stelle und zog mit seiner Mutter nach Rom. 1952 liess das Gericht die Anklage fallen, die Partei aber blieb bei ihrem Schuldspruch.

1949 schrieb Pasolini in einem Brief an einen Genossen: «Über die teuflische Perfidie der Christdemokraten wundere ich mich nicht: Ich wundere mich über eure Unmenschlichkeit. Von ideologischen Abweichungen zu sprechen, ist einfach nur dumm. Trotzdem bleibe ich jetzt und in Zukunft Kommunist.» Das bekräftigte er bis zum Schluss, ohne die gespannten Beziehungen zum PCI zu verheimlichen: «Ich habe ebenso viele Feinde unter den Kommunisten wie unter den Bürgerlichen.»

Sympathie mit Polizei

Auch zur Revolte von 1968 äusserte er sich zurückhaltend, teilweise ablehnend. Nach einer Strassenschlacht in Rom ergriff er Partei für die Polizei – in einem Gedicht, das das Magazin «L’Espresso» im Juni 1968 unter dem Titel «Ich hasse euch, Studenten» abdruckte. Ein Jahr später distanzierte sich Pasolini von diesem von der Redaktion erfundenen «reisserischen Slogan» und erklärte seine politische Absicht: «In meinem Gedicht sage ich, dass ich mit den Polizisten, weil sie Kinder armer Leute sind, viel mehr sympathisiere als mit den Herrensöhnchen der römischen Architekturfakultät.»

Ein zweites Beispiel für Pasolinis Hang zur Provokation der Linken findet sich in einem offenen Brief an den Schriftsteller Italo Calvino. Darin ruft Pasolini zum Dialog mit jungen Faschisten auf. Das war 1974, als ebendiese jungen Faschisten auf offener Strasse Linke angriffen und diese sich mehr schlecht als recht zur Wehr setzten, schwer nachvollziehbar.

Gegen die Repression verteidigte er die Linke: So etwa im Dezember 1969, als nach dem Bombenanschlag an der Mailänder Piazza Fontana der Staat wider besseres Wissen gegen die radikale Linke ermittelte und der Anarchist Pino Pinelli bei einem Verhör aus dem vierten Stock des Polizeipräsidiums stürzte – gestürzt wurde. 1972 drehte Pasolini mit AktivistInnen der revolutionären Organisation Lotta Continua den Film «12 dicembre» über ebenjenes als «Staatsmassaker» in die Geschichte eingegangene Attentat, bei dem am 12. Dezember 1969 sechzehn Menschen starben. Aus Solidarität mit Lotta Continua firmierte er eine Zeit lang auch als Herausgeber der gleichnamigen Zeitung.

Kritik am «Zwang zum Konsum»

Gegenüber der Democrazia Cristiana (DC), der seit 1948 regierenden Quasistaatspartei, war Pasolini zu keinerlei Zugeständnis bereit. Mit den christdemokratischen Machthabern sei kein Dialog möglich, befand er Anfang 1975. Die Feindschaft war beidseitig und – aufseiten katholischer Würdenträger – von Hass geprägt. So antwortete das vatikanische Zentralorgan «Osservatore Romano» auf einen Artikel Pasolinis mit Tiraden über dessen «abstossende Dekadenz», «zersetzende Literatur» und «exzentrischen Lebenswandel»: klerikalfaschistische Hexenjagd im Italien der 1970er Jahre. Was die Hüter des wahren Glaubens besonders erboste, war die Tatsache, dass Pasolini sich seinerseits auf Jesus Christus berief – wenn auch mit der fragwürdigen Behauptung, dieser habe zur «ewigen Opposition gegen den Kaiser» aufgerufen.

Mehr als dreissig Mal wurde Pasolini vor Gericht gezerrt – wegen Beleidigung, Blasphemie, Pornografie und einmal sogar wegen Beteiligung an einem versuchten Raubüberfall auf eine Tankstelle: ein absurder Vorwand, um das öffentliche Ärgernis Pasolini in die Schranken zu weisen. Das misslang, aber die Jahre der offen politischen Verfolgung waren für ihn die schlimmsten seines Lebens, wie er später bekannte. Zugleich hatte er Zugang zu den grossen Zeitungen. Selbst Spitzenpolitiker wie Giulio Andreotti sahen sich mitunter gezwungen, auf seine Polemiken zu antworten.

Auch heute noch bedenkenswert bleibt Pasolinis Kritik des «Konsumismus». Seit den sechziger Jahren, zeitgleich mit dem Verschwinden der Glühwürmchen aufgrund der Umweltverschmutzung, habe auch in Italien eine «neue Epoche der Menschheitsgeschichte» begonnen, «die Herrschaft des Konsums, der neue Faschismus». Die durch das Wirtschaftswunder angeheizte Warenproduktion und die Ideologie des «Konsumismus» hätten das Massenbewusstsein «umgemodelt, deformiert»: «Der Zwang zum Konsum ist ein Zwang zum Gehorsam gegenüber dem unausgesprochenen Befehl. Jeder in Italien steht unter dem entwürdigenden Zwang, so zu sein wie die anderen: im Konsumieren, im Glücklichsein, im Freisein; denn das ist der Befehl, den er unbewusst empfangen hat und dem er gehorchen ‹muss›, will er sich nicht als Aussenseiter fühlen. Nie zuvor war das Anderssein ein so schweres Vergehen wie in unserer Zeit der Toleranz. Denn die Gleichheit ist hier nicht erkämpft worden, sie ist eine ‹falsche›, eine geschenkte Gleichheit.»

Problematisch erscheint Pasolinis nostalgische Verklärung der angeblich fröhlichen Armut vergangener Tage, als der «Bäckerjunge, (…) die Hosen voller Flicken, das Hemd oft nur noch ein Fetzen», alle mit seiner Lebensfreude angesteckt habe.

Seiner Zeit weit voraus war Pasolini dagegen mit seiner Kritik an der täglichen Gehirnwäsche durch das Fernsehen. Der Politologe Giorgio Galli schrieb 2010 zu Recht, «dass das heutige Italien der sogenannten Zweiten Republik (kurz: das Italien Berlusconis) inzwischen genau jenem degradierten Italien entspricht, von dem Pasolini bereits Mitte der siebziger Jahre gesprochen hat».

Zwei Texte müssen im besonderen Sinn als Pasolinis Botschaft an die (linke) Nachwelt verstanden werden, schon weil es sich dabei um seine letzten politischen Äusserungen handelt. Da ist zum einen sein Brief an den Kongress des Partito Radicale (PR) im November 1975. Er endet mit der Aufforderung an die Radikalen, weiterzumachen wie bisher: «Besteht unerschrocken, dickköpfig, immer in Opposition auf dem Anderen, schreit danach, identifiziert euch damit; macht Skandale; lästert, flucht.»

Aus der Position der Einsamkeit

Die Aufforderung zur Verweigerung, zum Anderssein bestimmte auch Pasolinis allerletzte politische Intervention: das Interview, das er am Nachmittag des 1. November 1975, wenige Stunden vor seinem Tod, dem Journalisten Furio Colombo gab. Es erschien eine Woche später in der Kulturbeilage der Tageszeitung «La Stampa». Sein Titel «Wir sind alle in Gefahr», der laut Colombo von Pasolini stammt, hat Spekulationen ausgelöst. Zumal er auch gesagt hatte: «Alle wissen, dass ich meine Erfahrungen am eigenen Leib mache und dabei teuer bezahle.» Daraus eine Todessehnsucht abzuleiten, ist verfehlt. Pasolini zeigte sich vielmehr bereit, der Gefahr nicht auszuweichen, die auch aus seinem Einzelkämpfertum erwuchs. Nur aus dieser «Position der Einsamkeit», deren er sich voll bewusst war, konnte er «die Bourgeoisie als Krankheit analysieren», als eine auch für kommunistische ArbeiterInnen und bürgerliche Oppositionelle «äusserst ansteckende Krankheit». Das war sein Vorsatz, als er 1969 begann, eine Kolumne für die Wochenzeitung «Tempo» zu schreiben. Er werde «beim Schreiben keinerlei Skrupel kennen», versprach er: «Mit anderen Worten, ich habe keine Angst, mir zu widersprechen und mich auszuliefern.»

Daran hat sich Pier Paolo Pasolini bis zuletzt gehalten. Sein intellektueller und sein politischer Mut sind aussergewöhnlich. Wenn er sich irrte, dann meistens in die richtige Richtung.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch