Nr. 44/2015 vom 29.10.2015

Mit dem Pinsel gegen AKWs

Seit Jahrzehnten malt Cornelia Hesse-Honegger mutierte Insekten – und stösst damit auf Misstrauen beim naturwissenschaftlichen Establishment. Jetzt erhält die 71-Jährige eine internationale Auszeichnung.

Von Cathrin Caprez (Text) und Florian Bachmann (Foto)

Cornelia Hesse-Honegger mit der Zeichnung einer mutierten Wanze: «Es trifft mich, dass meine Arbeit nicht als Anstoss für wissenschaftliche Untersuchungen genommen wird.»

Cornelia Hesse-Honegger kann lachen, dass es ihre ganze Wohnung ausfüllt. Es ist ein Lachen, das ihre blauen Augen schelmisch aufblitzen lässt und ob dem sie manchmal selbst zu erschrecken scheint. Dann hält sie sich rasch die Hand vor den Mund. «Ich bin Optimistin von Haus aus!», sagt die 71-Jährige. Dabei könnte der Frau das Lachen längst vergangen sein. Denn Cornelia Hesse-Honegger beschäftigt sich seit mehr als 45 Jahren mit mutierten Insekten. Sie zeichnet Stubenfliegen und Wanzen, die ihrer Vermutung nach von niedrig dosierter Radioaktivität beschädigt wurden.

Vor ihr liegen zahlreiche Bücher mit den Resultaten ihrer jahrelangen Arbeit: Bilder von bunt gemusterten Wanzen, filigranen Fliegen, verformten Laubblättern, jedes noch so kleine Detail mit dem Okular ausgemessen und in stundenlanger Präzisionsarbeit unter dem Mikroskop abgezeichnet. Beim genauen Hinsehen entpuppen sich die Bilder als Gruselkabinett im Millimeterformat: verklumpte Flügel, aus dem Bauch oder dem Kopf wachsende Beinstummel und verschrumpelte Augen. «Die offiziellen Stellen geben mir keine Auskunft über die Strahlenbelastung», sagt sie. «Aber anhand der Wanzen sah ich ja, was dort los ist.»

«Dort» meint jene Regionen auf der Welt, die von Radioaktivität aus Atomkraftwerken betroffen sind. Cornelia Hesse-Honegger besuchte AKWs in Irland, den USA, in Deutschland, der Schweiz und auch die bis heute hoch kontaminierte Zone rund um das ukrainische Kernkraftwerk Tschernobyl. «Als alte Frau mit zwei Migros-Taschen» sei sie dort umhergewandert und habe Wanzen gesammelt. «Die beste Tarnung überhaupt!», sagt sie lachend.

«Ich musste ja Geld verdienen»

Cornelia Hesse-Honegger stammt aus einer Künstlerfamilie. Sie ist die Tochter des Zürcher Künstlers Gottfried Honegger und der 2007 verstorbenen Warja Honegger-Lavater, einer berühmten Illustratorin und Grafikerin. Im Atelier ihrer Eltern gingen die grossen KünstlerInnen jener Zeit ein und aus. «Der Beruf Künstlerin wäre für mich nie infrage gekommen», sagt Hesse-Honegger. «Ich musste ja meinen Lebensunterhalt selbst verdienen.» Sie lernte wissenschaftliche Zeichnerin. Am zoologischen Museum der Universität Zürich zeichnete sie Stubenfliegen ab, die mit genverändernden Chemikalien gefüttert worden waren. Später dokumentierte sie die Mutationen von Fliegen, ausgelöst von intensiver Röntgenstrahlung.

Dann kam der 26. April 1986, die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl. Mit einem Schlag verlagerten sich die Laborexperimente hinaus in die freie Natur. Ein Jahr nach der Katastrophe reiste Cornelia Hesse-Honegger, getrieben von «naiver Neugier», nach Schweden und ins Tessin. Sie besuchte Gebiete, in denen nach dem Reaktorunglück radioaktiver Regen niedergegangen war. Dort sammelte sie mutierte Wanzen, malte seltsam geformte Baumblätter ab, war zutiefst verwirrt ob ihren Beobachtungen. «Der Verdacht» lautete der Titel, unter dem ihre Wanzenbilder im «Magazin» des «Tages-Anzeigers» veröffentlicht wurden. WissenschaftlerInnen reagierten empört: Ihre Daten seien statistisch nicht relevant, es fehle an einem Vergleichsstandort. Der Bund gab daraufhin eine zoologische Studie in Auftrag, die ihre Befunde widerlegte.

«Eine einzige grosse Lüge!»

65 Wanzen sammelt Cornelia Hesse-Honegger pro Standort. Sie seien nicht einfach beschädigt, sie würden auch weniger glänzen, falteten ihre Beine auf umständliche Art zusammen. «Ich bin ja keine Forscherin», sagt Cornelia Hesse-Honegger. «Aber es trifft mich, dass meine Arbeit nicht als Anstoss genommen wird, die Folgen der niedrigen Dosen an Radioaktivität wissenschaftlich zu untersuchen.»

Nun scheint ihre Beharrlichkeit endlich Früchte zu tragen. Japanische ForscherInnen untersuchten 2012 die Folgen des Nuklearunfalls in Fukushima ebenfalls an Insekten – und bezogen auch Cornelia Hesse-Honeggers Vorarbeit mit mutierten Wanzen ein.

Angesprochen auf die aktuelle Atompolitik macht Cornelia Hesse-Honegger ein düsteres Gesicht. «Der von Frau Leuthard beschlossene Atomausstieg ist eine einzige grosse Lüge! Zwar sind die Pläne für ein neues AKW endlich vom Tisch. Dafür werden die bestehenden noch so lange laufen, wie es den Betreibern passt.» Für einen echten Atomausstieg seien die SchweizerInnen zu mutlos, zu egoistisch. «Sie müssten sich beim Stromverbrauch etwas einschränken, und das ist bereits zu viel verlangt.» So schnell geht ihr die Arbeit also nicht aus.

Erst einmal aber wird sie am 28. Oktober in Washington mit dem Nuclear Free Future Award in der Kategorie «Aufklärung» ausgezeichnet. «Wienä Chäfer» freue sie sich über diese späte Anerkennung und boxt vor Übermut mit beiden Händen in die Luft. Was für eine passende Beschreibung für eine Frau, die sich so intensiv und detailliert mit Insekten beschäftigt.

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