Nr. 44/2015 vom 29.10.2015

Stümperhaft, extrem chaotisch und unfähig?

Über die Pariser Kommune von 1871 hat Thankmar von Münchhausen, der bis 1998 für die FAZ aus Paris schrieb, ein akribisch recherchiertes Buch verfasst. Den interessantesten Fragen weicht er aber aus.

Von Raul Zelik

Die 72 Tage während des preussisch-französischen Kriegs 1870/71, in denen sich die Bevölkerung von Paris gegen die bürgerliche Regierung und den Friedensschluss mit Otto von Bismarck erhob, zählen zu den grossen Mythen der Linken. Für die parteikommunistische Bewegung war die Kommune die erste von ArbeiterInnen geführte Revolution und damit ein Vorläufer der sozialistischen Staatengemeinschaft. Der libertären Linken hingegen gilt sie als historischer Beweis dafür, dass sich eine Gesellschaft mit Räten unmittelbar und ohne Staatsmacht selbst regieren kann.

Thankmar von Münchhausen würde wohl eher der ersten Lesart zustimmen, hält die Kommune aber genau aus diesem Grund für ein schreckliches Ereignis. Der ehemalige Paris-Korrespondent der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» hat mit «72 Tagen» ein gründlich recherchiertes Buch vorgelegt, in dem er die Entwicklung hin zur Kommune minutiös nachzeichnet: von der sozialen Spaltung der Stadt, die unter Georges-Eugène Haussmanns urbanistischer Modernisierung weiter vorangetrieben wurde, über die Revolutionen von 1830 und 1848, die die republikanische Flamme am Brennen hielten, und den Bonapartismus, der eine populistisch anmutende Verbindung von Alleinherrschaft und Massenplebiszit etablierte, bis schliesslich hin zum preussisch-französischen Krieg, der jenes Machtvakuum herstellte, in dem die Kommune überhaupt erst entstehen konnte.

Personalisierte Geschichtsschreibung

Doch die unbestrittene Qualität dieses Buchs – sein enormer Quellenreichtum – erweist sich dann auch zunehmend als seine eigentliche Schwäche. Die Schilderungen sind so detailliert, dass der Blick für den Gesamtzusammenhang verloren geht. Das ist gerade für die historische Einordnung der Ereignisse fatal. Von Münchhausen verweist im Vorwort zwar auf die grossen, die Kommune behandelnden Narrationen, unternimmt jedoch wenig Anstrengungen, diese Mythen argumentativ auseinanderzunehmen. Thesen, die von Münchhausens Interpretation von anderen abgrenzen und damit eine Debatte eröffnen, werden nicht explizit formuliert. Stattdessen setzt der Autor auf eine personalisierte Geschichtsschreibung, in der biografische Erfahrungen die Ereignisse prägen.

«72 Tage» ist in diesem Sinn ein dezidiert bürgerliches Buch. Die Geringschätzung des aufständischen Plebs streut von Münchhausen dabei allerdings eher beiläufig ein: Protagonisten der Kommune halten «hetzerische Reden», bürgerliche Politiker wie der Regierungschef Adolphe Thiers hingegen leisten «dem Vaterland treue Dienste». Auf diese Weise wird die – eigentlich interessante – These, wonach es eine Kontinuitätslinie vom Terror von 1789 über die Kommune bis zur stalinistischen Gewaltherrschaft im 20. Jahrhundert gebe, im Buch eher als Ressentiment denn als Argument vorgetragen.

Soziale Forderungen im Mittelpunkt

Von den politischen «Errungenschaften» der Kommune zeigt sich von Münchhausen dementsprechend wenig beeindruckt: Der linken Geschichtsschreibung zufolge verleihen der Aufbau von Produktionsgenossenschaften, ein Schuldenerlass, die Gleichberechtigung von Frau und Mann, das Verbot der Nachtarbeit von Bäckern und vieles mehr der Kommune eine historische Dimension: Zum ersten Mal standen soziale Forderungen im Mittelpunkt einer Revolution. Doch für von Münchhausen hatten diese Beschlüsse wenig Wirkung und war die Politik der Kommune vor allem eins: stümperhaft. Die Versammlungen des Rates seien extrem chaotisch verlaufen, die Praxis von Unfähigkeit geprägt gewesen. Das hätte man als Leser gern ausführlicher erörtert bekommen: Stellte der Aufstand nicht vielleicht trotz dieser dilettantischen Seite einen grossen historischen Fortschritt dar? Muss eine plebejische Demokratisierung nicht vielleicht zwangsläufig mit politischer Ineffizienz einhergehen?

Es hätte dem Buch gutgetan, solche Fragen zuzulassen und den eigenen Standpunkt damit expliziter zu machen. So bleibt «72 Tage» eine kenntnisreiche, gut recherchierte, aber zu personalisierte und auch etwas tendenziöse historische Nacherzählung.

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