Nr. 44/2015 vom 29.10.2015

Von wegen hormongesteuert

Von Franziska Meister

Seit ein paar Jahren macht die Pharmabranche namentlich in den USA Milliardenumsätze mit der Angst vor dem Aging-Male-Syndrom: «Haben Sie kürzlich eine Abnahme Ihrer sportlichen Fähigkeiten bemerkt? Hat sich Ihre sexuelle Lust in letzter Zeit vermindert? Spüren Sie einen Verlust körperlicher und mentaler Vitalität?», fragt eine besorgte Männerstimme vor weissem Hintergrund in einem Werbespot, der allabendlich über die Bildschirme flimmert. Das Patentrezept dagegen lautet natürlich: Testosteron!

«Wie viel Testosteron braucht der Mann?», fragt der deutsche Epidemiologe Robin Haring im Untertitel seines Buchs «Die Männerlüge». Und spielt damit auf die ewige Frage an: Wann ist ein Mann ein Mann? Als Gesundheitsforscher führt er seine Leser (und hoffentlich auch ein paar Leserinnen) hinter die Kulissen der Testosteronforschung. Zum Vorschein kommt ein mitunter bizarres Kuriositätenkabinett, in dem auf Teufel komm raus Korrelationen gesucht werden zwischen Testosteronspiegel und den ganzen sozial- und kulturgeschichtlichen Zuschreibungen von Männlichkeit. Haring durchleuchtet es mit Blick darauf, ob hinter diesen Korrelationen auch tatsächlich ein Ursache-Wirkungs-Prinzip, also ein kausaler Zusammenhang steht. Die Antwort lautet: praktisch nie.

Hier räumt einer so kenntnis- wie detailreich auf mit all den populärwissenschaftlichen Mythen um Testosteron, mit denen sich – und das ist die wohl ernüchterndste Feststellung beim Lesen – Tausende von Forschungsprojekten finanzieren lassen. Haring selbst hat sich übrigens mit wissenschaftlichen Untersuchungen rund um «Testosteron als Biomarker für Männergesundheit» habilitiert. Sein Buch ist nicht nur ein Plädoyer für die Wichtigkeit negativer Studienresultate (die ja oft nicht publiziert werden), sondern richtet sich auch gegen vermeintlich wissenschaftlich begründbares Schwarzweissdenken in der Gesellschaft. «So wenig wie die Gene den Lauf des Lebens diktieren, zwingt auch Testosteron niemandem ein bestimmtes Verhalten auf», schreibt er im Nachwort. «In Zeiten sich auflösender Selbstverständlichkeiten brauchen wir deshalb statt Geschlechterkampf und Testosteronpanik vor allem einen Blick für Gemeinsamkeiten, Experimentierfreude und Zuversicht.»

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