Nr. 45/2015 vom 05.11.2015

«Ich bin mit zehn Jahren plötzlich erwachsen geworden»

Meral Kureyshi hat mit «Elefanten im Garten» einen eindrücklichen Migrationsroman geschrieben, der an ihre Biografie angelehnt ist. Eine Begegnung mit der jungen Schriftstellerin in Bern.

Von Rahel Locher

Schreibt, seit sie denken kann: Die Berner Schriftstellerin Meral Kureyshi. Foto: Matthias Günter

Als Kind habe sie ihre Texte immer ihrem Bruder vorgelesen, erzählt Meral Kureyshi, auch wenn dieser gleichzeitig ferngesehen habe. Sie habe einfach das Bedürfnis gehabt, sich mitzuteilen. Das glaubt man der 32-Jährigen sofort: Ihr Mitteilungsdrang äussert sich in quirligen und lebendigen Erzählungen, der direkte, offene Blick ist einnehmend. Kureyshi geht beim Schreiben von sich selbst aus: «Ich knüpfe an meine Erinnerungen an, an Blicke und Erlebnisse, die sich eingeprägt haben.» Diese seien mit starken, oft schmerzlichen Gefühlen verbunden. «Ich spüre die Notwendigkeit zu schreiben, um mit Verletzungen umzugehen, um mich nicht vom Schmerz auffressen zu lassen.»

Schriftstellerin oder Putzfrau?

Aus dieser Notwendigkeit entstand Kureyshis erster Roman, «Elefanten im Garten»: Wie die Autorin selbst ist die Ich-Erzählerin in Prizren im Kosovo aufgewachsen. Nach Ausbruch des Jugoslawienkriegs kommt sie mit zehn Jahren mit ihrer Familie in die Schweiz und erfährt vielfach Zurückweisung, unter anderem durch das dreizehn Jahre dauernde Asylverfahren: «Dreizehn Jahre die Schweiz nicht verlassen. Dreizehn Jahre keine legale Arbeit. Dreizehn Jahre Angst, ausgeschafft zu werden.» Einmal hat die Familie schon die Koffer gepackt und alle Möbel verschenkt, als das Aufenthaltsrecht doch noch verlängert wird. Für die Ich-Erzählerin kein Anlass zur Freude, sie erwartet ängstlich den ersten Schultag nach den Ferien: «Wie sollte ich mich verhalten? Ich hatte mich von allen verabschiedet. Nun blieben wir. Ich wollte nicht bleiben. Ich wollte zu meinen Freunden, meiner Familie, in meine Stadt.»

Kureyshis emotionale Art, die im Gespräch zu spüren ist, drängt sich im Roman jedoch nicht auf – obwohl die Erfahrung von Fremdsein und Ausgrenzung dazu verleiten könnte. Und obwohl im Buch ein grosser Verlust verarbeitet wird: der Tod des Vaters. Sie erzählt frei von Gejammer und emotionalen Ausbrüchen aus der Kindheit und der Gegenwart, in einer nüchternen und zugleich detaillierten, manchmal poetischen Sprache. Die Träume, die Enttäuschungen der Ich-Erzählerin äussern sich in Fantasiegeschichten. In Prizren hätten sie Elefanten im Garten gehalten, behauptet sie gegenüber einer Klassenkameradin. «Hätte ich vielleicht erzählen sollen, dass meine Eltern so viel geraucht und sich gestritten hatten, weil sie den ganzen Tag zusammen verbrachten? Dass sie nicht arbeiten durften und uns anschrien und sich jeden Tag Sorgen machten? Oder wie ich alleine war, weil niemand mich angerufen hatte, dass ich mich gelangweilt hatte?»

Kureyshi wurde in der Schweiz nicht mit offenen Armen empfangen. «Ich bin mit zehn Jahren plötzlich erwachsen geworden», meint sie, sie musste sich alleine zurechtfinden und ihre Möglichkeiten erkennen. «Ein Lehrer sagte mir, ich solle nicht zu viel erwarten.» Die ihr empfohlenen Berufsperspektiven: Putzfrau, Verkäuferin, kaufmännische Angestellte. Dass sie trotzdem studierte und nun nach ihrem Abschluss am Schweizerischen Literaturinstitut in Biel ihr erstes Buch herausgegeben hat, verdankt sie auch ihren Eltern. Schon mit fünf Jahren wollte sie Schriftstellerin werden. Die Mutter bekräftigte sie darin: «Klar wirst du Schriftstellerin.» Der Vater wiederum war ein Vorbild durch sein eigenes Schreiben: «Es hat mich beeindruckt, wie er da ganz still, ganz für sich am Tisch sass, rauchte und Tagebuch schrieb.» Sie selbst schreibe, seit sie denken könne.

Kriegszustand in der Schweiz

Nachdem ihr Vater mit 46 Jahren gestorben ist, besucht Kureyshi regelmässig sein Grab auf dem Friedhof in Prizren. Sie erzählt, wie sie jeweils den Lack von ihren Nägeln entfernt, das Kopftuch anzieht und wegen der Hitze frühmorgens zum Grab geht. «Ich versuche, nicht zu weinen, im Islam ist der Tod kein Anlass für Tränen.» Dass ihr Vater relativ jung starb, führt Kureyshi auch auf seinen Kampf gegen die Hindernisse zurück, die ihm gerade in der Schweiz in den Weg gelegt wurden. «Er lernte schnell Deutsch und machte sich jeden Tag schön, obwohl er hier Flugzeuge reinigte. Andere gaben ihr Leben lang nicht so viel wie er in seinen 46 Jahren.» Für die Verhältnisse in der Schweiz, wie sie ihr Vater als Flüchtling erlebte, findet Kureyshi deutliche Worte: «Hier bleibt einem nichts anderes übrig, als schwarz zu arbeiten, um die Familie zu ernähren. Das ist Krieg.»

Kureyshi selbst musste sich verwandeln, ihre Familie, ihre Sprache, ihre Kultur verlassen, um die Möglichkeiten in der Schweiz auszuschöpfen – ein Riesenverlust. Über die Sprache reflektiert auch die Erzählerin im Roman scheinbar widersprüchlich: «Ich mag die deutsche Sprache nicht; sie ist meine Muttersprache. Meine Mutter spricht kein Deutsch. Mit dem Verlassen meiner Kindersprache habe ich mich selbst verlassen.»

Diese Abneigung gegenüber der deutschen Sprache ist dem Roman, der für den Schweizer Buchpreis nominiert ist, nicht anzumerken. Schreiben ist für Kureyshi eine Leidenschaft, die sie überall ausübt: auf dem Tisch, am Boden, im Zug. Sie könne keinen festen Ort zum Schreiben haben – dafür ist die Notwendigkeit zu gross, wenn sie eine Begegnung, ein Blick berührt habe. Die Buchstaben seien dann wie Tränen. Kureyshi bleibt nach dem Gespräch noch sitzen im Café in der Berner Altstadt. Wie so oft verspürt sie die Notwendigkeit zu schreiben.

Lesungen von Meral Kureyshi: im Unionssaal des Volkshauses im Rahmen der Buch Basel am Samstag, 7. November 2015, 12.30 Uhr; im Literaturhaus Zürich am Mittwoch, 11. November 2015, 19.30 Uhr; im Jêle Café in Basel am Samstag, 14. November 2015, 18 Uhr; im DeLiF in Fribourg am Samstag, 21. November 2015, 17.30 Uhr.

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