Nr. 47/2015 vom 19.11.2015

Schattenfinanz und aus dem Nichts geschaffene Profite

Harold Crooks zeigt in seinem Dokumentarfilm, wie Steueroasen die soziale Ungleichheit fördern und die Zertrümmerung des Sozialstaats unterstützen.

Von Peter Stäuber

Londoner Grundstücke gehen weg wie heisse Semmeln, nur weiss man nicht, wer sie sich in die Tasche steckt. Seit 2008 sind Immobilien im Wert von hundert Milliarden Pfund über Offshore-Firmen erworben worden, die den Käufern erlauben, ihre Identität zu verbergen. Die Folgen des Immobilienbooms hingegen sind überall sichtbar: Die Wohnungspreise steigen, ärmere LondonerInnen können sich die Mieten nicht mehr leisten und müssen aus der Stadt wegziehen oder landen auf der Strasse.

Der Feudalismus der Schattenfinanz

Was im Londoner Immobilienmarkt passiert, lässt sich auch auf die Weltwirtschaft übertragen: Harold Crooks’ Dokumentarfilm «The Price We Pay» zeigt, wie Schattenfinanzzentren zu einem drastischen Anstieg der globalen Ungleichheit beitragen und tatkräftig die Zertrümmerung des Sozialstaats unterstützen. Laut der kanadischen Steuerexpertin Brigitte Alepin, auf deren Buch der Film basiert, droht eine Rückkehr zu einem Feudalismus, bei dem ein moderner Adelsstand sich um die Steuerzahlung foutiert und die ganze Bürde auf den Schultern des gemeinen Volks lastet. Anhand von Interviews mit Aktivistinnen, Ökonomen, Soziologinnen, Finanzexperten und ehemaligen Bankern zeichnet Crooks die Entstehung und Funktionsweise der Schattenfinanzzentren nach. Dabei legt er sein Augenmerk auf die City of London und auf das Netz britischer Steueroasen wie Jersey, die Cayman Islands oder die Bahamas, auf denen über die Hälfte des weltweiten Offshore-Reichtums liegt – allerdings darf man nicht vergessen, dass die Schweiz nach wie vor an erster Stelle des Schattenfinanzindexes liegt, den das Netzwerk Steuergerechtigkeit regelmässig zusammenstellt.

Nach der jüngsten Finanzkrise und insbesondere im Zuge der Occupy-Bewegung sind Steueroasen, finanzielle Geheimhaltung und Steuerhinterziehung verstärkt ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gerückt; in Britannien hat vor allem die Steuervermeidung grosser Konzerne wie Amazon viel Unmut ausgelöst. Crooks’ Film teilt diese Entrüstung, ohne reisserisch aufzutreten. Er vermag das eher abstrakte Thema spannend zu erzählen und darüber hinaus Verbindungen herzustellen zwischen der Rolle der Steueroasen und den breiteren Entwicklungen, die die Weltwirtschaft in den vergangenen vierzig Jahren geprägt und das Schattenfinanzsystem gefördert haben.

Die wichtigste Rolle spielt der Vormarsch des Finanzsektors: Die Branche hat ihren eigentlichen Zweck, Dienstleistungen zur Unterstützung der Realwirtschaft bereitzustellen, völlig aus den Augen verloren. Stattdessen ist der Finanzsektor so aufgebläht, dass er sich selbst als Antrieb des Wachstums versteht – läuft etwas schief, muss die ganze Gesellschaft für den Schaden aufkommen. Ein guter Teil der Gewinne wird durch den immer schnelleren Handel mit Wertpapieren erzielt. Ein ehemaliger Banker von Goldman Sachs zeigt das am Beispiel von Aktien auf: Hielten Investoren an der New Yorker Börse Ende des Zweiten Weltkriegs meist jahrelang an ihren Aktien fest, ist es heute im Durchschnitt weniger als eine halbe Minute. Diese Aktivitäten, so sagt der ehemalige Chef der britischen Finanzaufsicht, Adair Turner, sind nutzlos und lassen sich kaum überwachen, bringen aber grosse Gewinne ein.

Aston Martins statt Service Public

Während sich die Profite immer weiter von der Erzeugung realen Werts entfernt haben und zunehmend aus dem Nichts geschaffen werden, ist parallel dazu die Bedeutung des steuerrechtlichen Niemandslands gewachsen. In den Schattenfinanzzentren lassen sich die Gewinne verbergen und vor dem Zugriff des Steueramts schützen. Nützliche wirtschaftliche Tätigkeiten werden hier ebenso wenig verrichtet wie im Hochfrequenzhandel – doch die Konsequenzen für den Sozialstaat sind so real wie die Aston Martins, die in den Luxusvierteln unserer Metropolen umherkurven. Das Geld fehlt für Gesundheit und Bildung, für die soziale Sicherheit und den öffentlichen Verkehr.

Crooks bietet einige Lösungsvorschläge wie die Steuer auf Finanztransaktionen, führt jedoch vor allem das Ausmass des Problems vor Augen – und zeigt, weshalb die Nichtbezahlung von Steuern keineswegs so «marvellous» ist, wie es einer der ersten Offshore-Anwälte auf den Cayman Islands im Film sagt.

«The Price We Pay» läuft am Samstag, 
21. November 2015, um 12 Uhr im Stadtkino Basel. Anschliessend Diskussion mit Harold Crooks (Regisseur) und Margrit Kiener Nellen (Steuerpolitikerin, Nationalrätin SP/BE), Moderation: Roman Künzler (Multiwatch).

Vorführung in Zürich: Kino Riffraff, Sonntag, 
22. November 2015, 11.30 Uhr. Anschliessend Diskussion mit Harold Crooks (Regisseur) und Dominik Gross (Steuerexperte Alliance Sud), Moderation: Daniel Hitzig (Alliance Sud).

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