Nr. 48/2015 vom 26.11.2015

Bittersüsse Gratulation

Von Cathrin Caprez

Der 27. November 1990 war ein historischer Tag: Das Bundesgericht entschied, dass auch die letzte Schweizer Frau die vollen Bürgerrechte erhält. Erst seit 25 Jahren dürfen die Frauen in Appenzell-Innerrhoden auch auf kantonaler Ebene mitbestimmen – fast zwei Jahrzehnte nachdem die Schweiz das Frauenwahlrecht eingeführt hatte.

Einigen Frauen aus Appenzell-Innerrhoden war Ende der 1980er Jahre der Geduldsfaden gerissen. Drei Mal in Folge hatten sich die Innerrhoder Männer an der Landsgemeinde geweigert, den Frauen auf Kantonsebene die politischen Rechte zu gewähren. Deshalb klagten sie vor dem Bundesgericht und bekamen recht.

Die Argumente der damaligen Gegner tönen heute wie Rüstungsscheppern aus dem Mittelalter: Die Politik sei ein zu schmutziges Geschäft für Frauen, der Staat eine männliche Institution, die von Frauen gar nicht richtig verstanden werden könne.

Ungeheuerlich, dass dieser Disput erst 25 Jahre zurückliegt. Erzähle ich ausländischen FreundInnen von der Geschichte des Schweizer Frauenstimmrechts, können sie es kaum fassen. Auch mir selbst scheint es völlig unwirklich, obwohl ich damals schon in die zweite Klasse ging. Zwar wuchs ich in einer ähnlich ländlichen Gegend wie die Appenzeller Voralpen auf, in einem kleinen Dorf im Prättigau. Für mich war aber immer klar: Ich wollte studieren, unabhängig leben und politisch mitbestimmen. Ich wähnte mich Jahrhunderte von den Appenzeller Taliban entfernt, die sich mit ihren Säbeln an der Landsgemeinde trafen, um über Politik und ihre Frauen zu befinden.

Jahrhunderte? Leider nein. Seit 25 Jahren gibt es zwar die Gleichberechtigung beim Wahl- und Stimmrecht, doch bei der Lohn- und Chancengleichheit harzt es nach wie vor. Die Säbelträger sind noch allgegenwärtig: Sie verteidigen die Chefetagen, die Professorenstühle und Redaktionsleitungen. Allzu oft bleiben die Frauen aussen vor. Und im neuen Parlament werden auf sieben von zehn Sitzen Männer Platz nehmen. Auch heute haben wir noch viel Luft nach oben. Doch wenn wir uns von rasselnden Säbeln nicht beeindrucken lassen, wird es bis zur echten Gleichstellung keine Jahrhunderte mehr dauern.

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