Nr. 48/2015 vom 26.11.2015

Comicreportagen aus dem Krieg

Von Rahel Locher

Am einen Ende ziehen Soldaten auf Pferden und zu Fuss in den Kampf, am anderen tragen sie Bahren mit Verletzten und begraben ihre gefallenen Kollegen. Dazwischen mit Soldaten vollgestopfte Schützengräben, in die Granaten einschlagen, Maschinengewehrsalven, Kanonen – und über der ganzen Szenerie bilden sich graue Rauchwolken. Das Panoramabild «1. Juli 1916» des Comicjournalisten Joe Sacco zeigt den ersten Tag der Schlacht an der Somme im Ersten Weltkrieg. Ohne Text und mit nüchternen, detaillierten Schwarzweisszeichnungen macht Sacco die Grausamkeit des Kriegs sichtbar.

Das u-förmig auf Augenhöhe ausgestellte Panoramabild füllt einen ganzen Raum im Cartoonmuseum Basel. «1. Juli 1916» ist eines der aktuellsten Werke Saccos und befindet sich am Ende der chronologisch aufgebauten Ausstellung «Joe Sacco. Comics Journalist», die über 150 Originale umfasst. Den Anfang machen Saccos Zeitungscartoons und eine Comicheftserie über eine Tournee mit der Punkrockband The Miracle Workers Ende der achtziger Jahre. Diese Form der Comicreportage, als deren Erfinder der in Malta geborene und in den USA lebende Sacco gilt, führte er nach Reisen in die Konfliktregionen im Nahen Osten und auf dem Balkan weiter: In «Palästina» und «Bosnien» trifft Saccos Alter Ego als Comicfigur auf verschiedene vom Krieg betroffene Menschen, erlebt mit ihnen den kargen Alltag und fröhliche Feste – etwa in der bosnischen Enklave Gorazde – und lässt sich Kriegserlebnisse erzählen. Er ergreift dabei Partei: «Ich kümmere mich hauptsächlich um die, die kaum gehört werden, ohne das Bedürfnis zu haben, ihre Aussagen mit den sattsam bekannten Ausreden der Mächtigen zu konfrontieren.»

Während sich das Panoramabild «1. Juli 1916» dazu anbietet, in einem Museumsraum in seiner Gänze ausgestellt zu werden, ist die Präsentation einzelner aus dem Kontext herausgerissener Ausschnitte aus Saccos fesselnden Reportagen unbefriedigend. Die Auszüge zeigen zwar die Entwicklung von Saccos Zeichnungsstil, aber die differenzierte Berichterstattung der Reportagebände geht verloren. Für nicht nur künstlerisch, sondern auch politisch interessierte ZeitgenossInnen bedeutet das, Sacco lieber von vorne bis hinten zu lesen.

«Joe Sacco. Comics Journalist» bis zum 24. April 2016 im Cartoonmuseum Basel.

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