Nr. 48/2015 vom 26.11.2015

Überzuckerungsgefahr

Von Karin Hoffsten

Auch heuer wieder fiirets Wiehnacht mitenand, die Promis und die Migros: derselbe Song, anderes Video, es geht um bedürftige Kinder. Als Weihnachtsverächterin gehöre ich nicht zur Zielgruppe, doch eins muss ich der Produktionsfirma zugestehen: Auf der Kitschklaviatur spielt sie in der ersten Liga!

Da kratzt ein Büblein seine Wünsche aufs Papier, Gilbert Gress liest Wunschzettel, und im Schlepptau der dauerfrohen Francine Jordi machen alle singend die Gschänkli parat für jene, wos nid geng eifach hei – und das ist, wie Gress in die Kamera spricht, jedes zehnte Kind in der Schweiz.

Unter nachkoloriertem Sternenglanz fahren sie dann im Migros-Auto durchs schöne Schweizerland dorthin, wo armutsbetroffene Kinder nun mal wohnen: in die Stadt, genauer den Zürcher Kreis 4. Dort wurde nämlich schon im September mit viel Kunstschnee gedreht, wie einer armutsbetroffenen Mutter das Auge überläuft, wenn Chris von Rohr und Konsorten vor der Tür stehen.

Das Video, das uns spendierfreudig stimmen soll, bemüht alle Schweizklischees, derer sich sonst gern jene Kreise bedienen, die mit Armutsbetroffenheit nicht viel am Hut haben. Warum auch nicht. Weit effizienter wäre es allerdings, von vornherein PolitikerInnen zu wählen, die weder Mindestlöhne ablehnen noch Sozialleistungen kürzen.

Die Mundartpassagen sind dem Originalliedtext entnommen.

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