Nr. 48/2015 vom 26.11.2015

Was macht Ihnen am Internet Freude?

Ältere Menschen sind heute keineswegs einsamer als früher, denkt Altnationalrätin Angeline Fankhauser. Die 79-Jährige entdeckt alte Freundschaften über Facebook wieder, twittert zu Altersfragen und ärgert sich über die Diskussionen über den angeblichen Generationenkonflikt.

Von Cathrin Caprez (Interview) und Florian Bachmann (Foto)

Angeline Fankhauser: «Twittern tu ich nur noch zu Altersfragen. Ich möchte mich nicht mehr zu stark in die Politik einmischen.»

WOZ: Frau Fankhauser, durch Ihre Heirat kamen Sie 1961 über den Röstigraben. War das ein grosser Sprung?
Angeline Fankhauser: Wie es so ist, wenn man jung ist und zwei kleine Kinder hat – man stellt sich nicht so viele Fragen. Aber es gab schon Unterschiede. Ich verlor mit dem Umzug das Stimmrecht, das wir im Kanton Waadt schon hatten und das der Kanton Baselland erst 1968 einführte. Dann die Sprache. Hier in der Region sprechen sie zwar gern Französisch. Aber als meine ältere Tochter in den Kindergarten kam, fand ihre Kindergärtnerin, ich solle jetzt Schweizerdeutsch lernen. In dem Moment kappte ich alle Brücken zum Welschland: keine welschen Zeitungen mehr, kein Radio mehr auf Französisch. Wir schafften uns einen Fernseher an, der damals nur einen deutschen und einen Schweizer Sender empfing. So lernte ich Deutsch, mit dem Fernseher.

Wie haben Sie sich in Baselland eingelebt?
Ich fühlte mich relativ schnell wohl in Binningen. Schon an der ersten Gemeindeversammlung, an der die Frauen mitreden durften, setzte ich mich für einen neuen Spielplatz ein. Manche in der Versammlung fanden das ziemlich daneben, andere mutig. Aber ich dachte, wenn schon Mitsprache, dann will ich die auch benutzen. Ich war auch die erste Frau aus Baselland, die in den Nationalrat gewählt wurde, als Welsche!

Dachten Sie nie daran, in die Westschweiz zurückzugehen?
Nein, ich hatte dort keine Angehörigen mehr. Man schlägt seine Wurzeln dort, wo die Familie ist. So erging es doch auch den italienischen Gastarbeitern: Sie dachten immer, sie würden heimkehren – bis ihre Kinder und Enkelkinder hier lebten.

Sie haben zwei Enkelkinder, die mittlerweile erwachsen sind. Was haben Sie für ein Verhältnis zu ihnen?
Oh, ein gutes! Meine Enkelin kommt dienstags immer zu mir zum Frühstück. Soeben hielt sie mir einen Vortrag über Geothermie und wie wichtig die für die Schweiz sei. Sie kann mir das sehr gut erklären. Mein Enkel ist Informatiker und hilft mir aus der Patsche, wenn ich mit dem iPad oder dem iPhone nicht mehr weiterweiss. Das ist praktisch.

Sie scheinen grosse Freude am Internet zu haben.
Eine tolle Sache! Ich werde richtig grantig, wenn man sagt, die Leute würden dadurch vereinsamen. Das ist nicht wahr, ich entdecke alte Freunde wieder, selbst wenn die mittlerweile in Afrika leben. Twittern tu ich nur noch zu Altersfragen. Ich möchte mich nicht mehr zu stark in die Politik einmischen. Wenn man mal aufgehört hat, muss man nicht mehr überall seinen Senf dazugeben. Sehen Sie doch nur Christoph Blocher! Wie der immer noch meint, es ginge nicht ohne ihn. Und dann dieser Wahn! Immer spricht er von denselben Stereotypen. Warum hört man nicht auf, ihn ständig zu zitieren?

Denken Sie, das Verhältnis zwischen den Generationen hat sich verändert?
In der Realität nicht. Aber all jene, die keinen sozialen Fortschritt wollen, heizen die Diskussionen über einen angeblichen Generationenkonflikt an. Je entwickelter unser Sozialversicherungssystem ist, desto heftiger wird versucht, die Solidarität zwischen den Generationen zu spalten. Ich finde es schlimm, dass die Jungen fürchten, keine AHV mehr zu kriegen. Natürlich, das System kann nicht telquel weitergeführt werden. Aber das Recht auf eine AHV steht in der Verfassung. Sie ist ganz gut in der Bevölkerung verankert.

Haben Sie den Eindruck, ältere Menschen leben heute einsamer als früher?
Nein. Im Dorf, wo ich aufgewachsen bin, waren die alten Leute einsam und ausgegrenzt, wenn sie nicht zu den schickeren Familien gehörten. Einsamkeit gibt es immer wieder, man kann die Leute nicht zwingen, da rauszukommen. Aber Einsamkeit darf nicht verursacht werden. In Baselland zum Beispiel spart man und dünnt dazu den öffentlichen Verkehr aus. Ältere Leute haben dadurch mehr Mühe, andere Leute zu treffen.

Was macht Ihnen im Ruhestand besonders Freude?
Die Zeit vor dem Abgang aus der Politik war relativ turbulent. Ich engagierte mich in den neunziger Jahren stark für Flüchtlinge, für die Kurden und die Armenier. Deshalb erhielt ich Drohungen, fingierte Bomben in Paketen, gefälschte Briefe und dergleichen. Oft konnte ich nur unter Polizeischutz auftreten. Das war eine harte Zeit. Damals steckte ich das alles relativ gut weg. Ich wollte meine Politik deswegen nicht ändern. Das hat aber zeitweise meine Gesundheit angegriffen. Da kam für mich die von der Partei beschlossene Amtszeitbeschränkung gerade recht. Ich geniesse deshalb meinen Ruhestand besonders, meinen grossen Garten, das Wandern, Lesen. Ich schaue wenig fern, mit Vorliebe Matches des FC Basel oder Tennis mit Roger Federer. Oder eine Serie wie «Lindenstrasse». Die schaue ich seit Ewigkeiten. Interessant, wie die Serie jedes Mal aktuelle Themen aufgreift. Und es kommt immer zu einem guten Ende. Ich mag Geschichten, die gut ausgehen. So als Gegenbild zum Elend der Welt.

Angeline Fankhauser (79) war für die SP Baselland von 1983 bis 1999 im Nationalrat. Sie hält sich den Sommer über mit ihrem grossen Garten fit. Im Winter setzt sie sich mit dem iPad auf den Hometrainer im Keller oder fügt Puzzles zusammen.

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