Nr. 48/2015 vom 26.11.2015

Das Gespenst hat seinen Namen geändert. Wir nennen es lieber Papierkram, das klingt nicht so unheimlich.

Das papierlose Büro sollte uns vom lästigen Papierkram befreien. Doch statt weniger Bürokratie erleben wir heute das Gegenteil – und merken es nicht, weil wir dafür kaum mehr Papier brauchen.

Von Florian Keller

Das hätte uns vielleicht schon misstrauisch machen müssen: dass die digitale Revolution unserer Arbeitswelt einst vom Vater der «Muppet Show» vorbereitet wurde.

Es ist ein Werbefilm, er ist fünf Minuten kurz, und er handelt von der Apokalypse. Gemeint ist die bürokratische Apokalypse, die uns droht, wenn das Volumen an Papierkram in unseren Büros ungebrochen weiterwachsen sollte. Was tun, damit uns die Papierberge nicht über den Kopf wachsen? «The Paperwork Explosion» heisst der Film, der uns Erlösung verspricht. Gedreht wurde er 1967 im Auftrag von IBM, um das Modell MT/ST zu bewerben, eine elektrische Schreibmaschine mit Zwischenspeicher und die erste, die als «word processor» verkauft wurde. Ein Gerät also, genau auf der Schwelle von der alten Schreibmaschine zum Personal Computer der Zukunft.

Als Regisseur war damals ein junger Mann verpflichtet worden, der während seiner Arbeitszeit sonst lieber mit Stoffpuppen spielte. Es war Jim Henson, Drahtzieher der Muppets, der im Dienst von IBM die papierlose Zukunft im Büro verkünden durfte. Es klingt wie ein Treppenwitz der Mediengeschichte: Der Erfinder von Kermit und Co., der anarchische Onkel des analogen Marionettenspiels, wird zum Herold für die Digitalisierung am Arbeitsplatz berufen. Heute, da die Zukunft, die Hensons Film verkündete, hinter uns liegt, funktioniert «The Paperwork Explosion» wie eine kompakte Zeitmaschine, die uns erlaubt, unsere schöne digitale Arbeitswelt an den Verheissungen von damals zu messen.

Sprengen wir den ganzen Kram!

Dabei ist der Titel des Films durchaus wörtlich zu verstehen: Die «Paperwork Explosion» ist hier nicht bloss als Metapher für unkontrolliert anschwellende Aktenberge zu verstehen, vor denen uns der Film warnen soll, sondern gemeint ist buchstäblich die Detonation – als befreiender Akt, bei dem das ganze Papier, das uns zu erdrücken droht, in die Luft fliegt. Jim Henson zeigt es im Film immer wieder mit kindlicher Freude: Da segeln sie wie Schmetterlinge durch die Luft, die Tabellen und Formulare und Protokolle einer getreuen Geschäftsführung, in die Nutzlosigkeit versprengt.

Die Explosion von Papierkram funktioniert also nicht nur als Drohkulisse, sondern auch als Wunschtraum, wie der Kulturtheoretiker Ben Kafka in seinem Buch «The Demon of Writing» schreibt. Und die Botschaft, die «The Paperwork Explosion» aussenden sollte, war klar: Der «word processor», als Vorbote des Computers, wird uns von überschüssigem Papier erlösen und den ganzen bürokratischen Kram in die Luft jagen. Das war damals noch nicht einmal eine Frage des ökologisch korrekten Lebenswandels, sondern einfach das Versprechen einer fortschrittlichen, komfortableren Bürokultur.

Doch Henson geht noch einen Schritt weiter, indem er die Befreiung vom lästigen Papierkram als Emanzipation von der Arbeit schlechthin propagiert: «Machines should work, people should think.» So lautet der Refrain, der im Film fast wie ein Mantra beschworen wird. Auch der  gemütliche alte Bauer, der zu Beginn des Films so freundlich in die Kamera blinzelt, ist nicht etwa, wie man denken könnte, das Fossil einer vergangenen landwirtschaftlichen Kultur. Im Gegenteil, er entpuppt sich als Botschafter aus einer besseren, weil vom Papierkram entlasteten Zukunft: «I don’t do much work anymore», sagt er. «I’m too busy thinking.» Hier spricht der Mensch von morgen, der wieder mehr zum Denken kommt, seit ihn die moderne Technik weitgehend von der Arbeit befreit hat.

Als ob Denken, nebenbei gesagt, nicht auch Arbeit sein könnte.

Die Explosion von Papierstapeln gehört längst zu den ikonischen Bildern der bürokratischen Moderne. Was aber, wenn wir den Papierkram nicht loswerden, nachdem wir ihn gesprengt haben? Fast zwanzig Jahre nach «The Paperwork Explosion» hat Terry Gilliam in seiner dystopischen Groteske «Brazil» (1985) ein gespenstisches Bild für die bürokratische Resilienz des Papiers gefunden. Gegen Ende jagt der Widerstandskämpfer Archibald Tuttle, gespielt von Robert De Niro, das Informationsministerium in die Luft, doch die Freude ist kurz, denn die Akten, die nach der Explosion herumsegeln, scheinen sich gegen ihn verschworen zu haben. Die Papiere heften sich an den Terroristen, bis er nur noch ein lebendes Aktenknäuel ist – und als sein Freund ihn wieder auspacken will, hält er am Ende nur Papier in den Händen. Tuttle hat sich in Luft aufgelöst, das Papier hat ihn zum Verschwinden gebracht.

Die gesparte Zeit

Und heute? Die Papierberge in den Büros konnten abgetragen, ihre Ausbreitung wirksam eingedämmt werden. Doch was ist aus der Verheissung geworden, dass wir dabei auch vom Papierkram erlöst würden?

Arbeit verschwindet bekanntlich nicht einfach, wenn in einem Betrieb neue Maschinen und Verfahren eingeführt werden, die uns angeblich die Arbeit abnehmen sollen. Das ist kein neues Phänomen, es ist also auch nicht ein Privileg der digitalen Revolution. Man kann das sehr schön schon beim US-Schriftsteller Sinclair Lewis (1885–1951) nachlesen, einem frühen kritischen Beobachter des Alltags im modernen Büro. Vor fast genau hundert Jahren ist sein feministischer Roman «Der Erwerb» erschienen («The Job», 1917), und darin zählt seine Hauptfigur, die Bürolistin Una Golden, einmal die fabelhaften neuen Hilfsmittel auf, die regelmässig von «Sachverständigen für zweckmässig eingerichtete Betriebe» angeliefert werden, um die Arbeit im Geschäft zu erleichtern: «Maschinen zum Brieföffnen, zum Briefzukleben, Buchhaltungsschreibmaschinen, Diktaphone, pneumatische Beförderungsröhren durch das ganze Haus.» Im Staunen über die neuen Apparate kommt Una ins Sinnieren: «Sie wusste wohl, dass die Maschinen Arbeit ersparen sollten. Doch  sie fand, dass die Mädchen nach Einführung der Maschinen ganz genau so schwer und so lange und so hoffnungslos arbeiteten wie zuvor; und sie hatte den Verdacht, dass etwas nicht in Ordnung sei an einem sozialen System, in dem zeitsparende Erfindungen niemand anderem Zeit ersparten als den Besitzern.»

Mit dem, was wir Papierkram nennen, verhält es sich heute genauso. Mag sein, dass der Papierverbrauch in den Büros erfolgreich eingedämmt wurde. Aber das heisst noch lange nicht, dass wir dadurch weniger mit Papierkram beschäftigt wären. Darauf deutet etwa eine kleine statistische Erhebung hin, die der Anthropologe David Graeber für sein neues Buch «The Utopia of Rules» vorgenommen hat. Er hat gezählt, wie oft das Wort «bureaucracy» in englischsprachigen Büchern seit 1855 vorkommt. Die Kurve erreicht ihren Höhepunkt im Jahr 1973, seither fällt sie stetig ab. Wenn immer weniger von der Bürokratie die Rede ist, könnte man das nun als Indiz dafür deuten, dass die Bürokratie als solche im Rückgang begriffen ist. So gesehen wirkt der Verlauf der Kurve einigermassen beruhigend.

Aber nur, bis man zur folgenden Grafik gelangt. Denn Graeber hat auch nachgezählt, wie oft im gleichen Zeitraum das Wort «paperwork» genannt wird. Bis 1940 ist der Begriff noch kaum verbreitet, doch seit ungefähr 1973 steigt die Kurve steil an. Bürokratie, so scheint es, beschäftigt uns nicht mehr so sehr. Dabei hat das Gespenst bloss seinen Namen geändert. Wir nennen es jetzt lieber Papierkram, das klingt nicht mehr unheimlich, höchstens noch ein bisschen lästig.

Unter Verdacht

Doch auch die Bürokratie stand ja nicht immer schon unter Generalverdacht. Der Soziologe Max Weber sah darin den Idealtypus einer rationalen Form von administrativer Herrschaft. In der professionellen Anonymität einer bürokratischen Behörde, so die Theorie, sind Willkür und Günstlingswirtschaft überwunden. Aber wir wissen auch, wo das in der Praxis hinführen konnte – im Extremfall stand am Ende der Gulag oder Auschwitz. Die grössten Verbrechen des 20. Jahrhunderts sind undenkbar ohne die bürokratischen Apparate, durch die sie erst organisiert werden konnten. Und wer sich in seinem Handeln nur an die Regularien des Papierkrams hält, kann sich, wie der NS-Bürokrat Adolf Eichmann, auch bis zur Unverantwortlichkeit dahinter verstecken.

Heute hat das, was wir Bürokratie nennen, seinen ominösen Nimbus verloren. Die beklemmende Absurdität bürokratischer Systeme, die von Franz Kafka bis zu Filmen wie «Brazil» ein prägendes Motiv der Moderne war, ist historisch geworden. Ihren Platz in der Ökonomie des Unheimlichen hat ein schwerer zu fassendes Gespenst namens Big Data übernommen. Bürokratie sucht uns nicht mehr als existenzielles Fantasma heim, sie geistert nur noch als rechter Kampfbegriff durch die Amtsstuben. In seinem Buch weist Graeber auf den interessanten Umstand hin, dass Kritik an der sogenannten Bürokratie heute praktisch immer gegen den Staat gerichtet ist. Der Kampf gegen alles Bürokratische ist von den Rechten monopolisiert worden, und was sie als Gegenbegriff ins Feld führen, nennen sie den «freien Markt». So wird «Bürokratie» zur begrifflichen Abkürzung für alles, was diesen Markt behindert.

Dabei ist dieser Gegensatz schon historisch nicht haltbar. Die Entstehung des modernen Konzernkapitalismus, so zeigt Graeber, beruhe schliesslich nicht zuletzt darauf, dass man Ende des 19. Jahrhunderts die bürokratischen Organisationsformen des Staates auf private Unternehmen übertragen habe. Wenn heute gefordert wird, die öffentlichen Dienste müssten wie privatwirtschaftliche Konzerne geführt werden, kann man also einwenden: Diese Privatwirtschaft hat sich einst nach dem Vorbild der öffentlichen Dienste gebildet. Heute bezeichnet «Bürokratie» in der Regel das, was ein Amt für uns erledigt (oder eben auch, im Fall des sprichwörtlichen bürokratischen Leerlaufs, zu erledigen versäumt). «Papierkram» dagegen ist das, was wir selber zu erledigen haben. In der Tatsache, dass wir immer seltener von Bürokratie sprechen, dafür umso häufiger von Papierkram, zeichnet sich also etwas Grösseres ab: die Wende zum Neoliberalismus.

Denken ist gefährlich

Wie war das nochmals? «Machines should work, people should think.» Es war ein verheissungsvolles Mantra, aber Denken ist nun mal gefährlich. Das ist schon Sinclair Lewis’ Bürolistin Una Golden aufgefallen: Wenn die Maschinen für uns arbeiten, muss die frei werdende Energie offenbar in anderen Prozessen gebunden werden. Im neoliberalen Regime heisst das: Wir evaluieren, wir befassen uns mit Qualitätsmanagement, wir verwenden immer mehr Arbeitszeit darauf, dass wir laufend Rechenschaft über unsere Arbeit ablegen. Der Farmer aus «The Paperwork Explosion», der plötzlich reichlich Zeit zum Denken hat, würde sich wundern, dass wir sein Angebot so leichtfertig ausschlagen konnten. Es ist ja nicht nur so, dass wir heute keine Zeit mehr zum Denken haben. Vor lauter Papierkram kommen wir auch immer weniger zum Arbeiten.

Wir erleben heute die ungebrochene Ausdehnung des virtuellen Papierkrams. Nur merken wir es nicht, weil wir dafür kaum mehr Papier brauchen. Die medientheoretische Erklärung dafür kann man bei Marshall McLuhan nachlesen: «Der Inhalt eines jeden Mediums ist immer ein anderes Medium.» Der Inhalt des Buchdrucks ist das geschriebene Wort, der Inhalt der Schrift ist die gesprochene Rede. Was das Internet angeht, hat sich McLuhan einzig im grammatischen Numerus geirrt. Der Inhalt des Internets ist  nicht bloss ein anderes Medium, sondern im Internet sind alle anderen Medien enthalten – und eben auch das Papier, dieses geduldige Speichermedium des bürokratischen Alltags. Mit McLuhan gesprochen: Die neuen Medien haben das Papier eben nicht verdrängt, wie es gerne heisst, sie haben das Papier geschluckt. Und damit auch die Möglichkeiten dafür, wie man die Menschen mit Papierkram behelligen kann, ins Unermessliche gesteigert. Das Internet ist ja nicht nur ein Speicher von mehr oder weniger nützlichem Wissen, ein unermesslicher Zettelkasten mit Multimediafunktion, jeder Hyperlink ein Querverweis, ein Wurmloch. Es ist vor allem auch: eine gigantische Registratur.

Den Zins bezahlen wir selber

Überall können, dürfen, sollen wir uns registrieren. Meine Versicherung empfiehlt mir, ein Konto auf ihrem Onlineportal zu eröffnen, damit ich jederzeit auf meine Versicherungsdaten zugreifen und bequem meine persönlichen Daten verwalten könne. Das ist als Einladung formuliert und klingt nach einer praktischen neuen Dienstleistung. Dabei ist es das Gegenteil. Es ist eine Aufforderung an mich, den Kunden, einen Teil des administrativen Aufwands doch bitte selbst zu erledigen. Die neue Option wird mir als Mehrwert angepriesen, dabei ist es in Wahrheit bloss virtueller Papierkram, der verdeckt auf mich abgewälzt wird.

Die Dienstleistungsgesellschaft verkehrt sich dabei in ihr Gegenteil: Der Kunde agiert freiwillig als sein eigener Sachbearbeiter. Nennen wir es die digitale Selbstverwaltung. Es ist eine Form der Selbstverwaltung, die nichts mit dem gemein hat, was wir gewöhnlich darunter verstehen. Hier geht es nicht um reale Teilhabe und Mitbestimmung in einem gemeinschaftlichen Rahmen. Die digitale Selbstverwaltung ist virtuell, individuell, kapitalistisch. Auf dieses Weise hat das, was wir «Benutzerkonto» nennen, längst alle Lebensbereiche erfasst. Und anders als beim Bankkonto werden uns dabei keine Zinsen gutgeschrieben. Den Zins bezahlen wir freiwillig selber, in Form von Arbeitszeit. In Form von virtuellem Papierkram.

Dagegen hilft vielleicht nur die Haltung, wie sie eine literarische Ikone des passiven Widerstands vorlebt: Bartleby der Schreiber in der gleichnamigen Novelle von Herman Melville, dieser bleiche, stoische Antiheld des Papierkrams, der im Büro den Dienst versagt  mit seinem Refrain «Ich möchte lieber nicht». Wenn wir also irgendwo wieder einmal aufgefordert werden, uns zu registrieren, wenn  wir eingeladen werden, unser Konto selbst zu verwalten, weil das bequemer sei und überhaupt nur Vorteile bringe, dann fragen wir: Vorteile für wen? Und dann denken wir an Bartleby und sagen: Ich möchte lieber nicht.

Der Film «The Paperwork Explosion» ist auf Youtube zu finden.

Literatur:

David Graeber: «The Utopia of Rules. On Technology, Stupidity, and the Secret Joys of Bureaucracy». Melville House. London 2015. 272 Seiten. 27 Franken.

Ben Kafka: «The Demon of Writing. Powers and Failures of Paperwork». Zone Books. New York 2012. 208 Seiten. 35 Franken.

Sinclair Lewis: «Der Erwerb». Roman. Aus dem Englischen von Clarisse Meitner. Büchergilde Gutenberg. Wien 1936. 333 Seiten. Vergriffen.

Nikil Saval: «Cubed. A Secret History of the Workplace». Anchor Books. New York 2015. 352 Seiten. 20 Franken.

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