Nr. 48/2015 vom 26.11.2015

Preisgekrönter andalusischer Aktivismus

Die Andalusische Arbeitergewerkschaft (SAT) setzt sich für die Rechte von MigrantInnen ein, die auf den Grossplantagen Südspaniens ausgebeutet werden. Dafür bekommt sie den Paul-Grüninger-Preis 2015.

Von Dorothea Wuhrer, Sevilla

«Die spanischen Medien nennen uns eine Gewerkschaft der extremen Linken, wir dagegen sehen uns eher als Vertreter der extrem Bedürftigen.» Generalsekretär Óscar Reina hat recht: Seine Andalusische Arbeitergewerkschaft SAT (Sindicato Andaluz de Trabajadores) kämpft seit fast vierzig Jahren für die Rechte der Armen in einer der ärmsten Regionen Spaniens. Die grosse Mehrheit der rund 20 000 Mitglieder sind TagelöhnerInnen in der Landwirtschaft oder arbeitslos.

Am Freitag erhält die Gewerkschaft den Paul-Grüninger-Preis 2015 (vgl. «Preis für Menschlichkeit» im Anschluss an diesen Text) für ihren Einsatz für jene Menschen, «die weitgehend rechtlos und unter skandalösen sozialen wie hygienischen Bedingungen das frische und billige Gemüse ernten, das wir im Winter auch in den Schweizer Läden kaufen können», so die Stiftung. Das Preisgeld kann der Sindicato Andaluz de Trabajadores gut gebrauchen: zum einen, weil nur ein Viertel der Mitglieder Beiträge bezahlen können, zum anderen, weil die spanische Staatsanwaltschaft inzwischen fast eine Million Euro Strafe und zusammen 400 Jahre Haft für insgesamt 600 GewerkschafterInnen fordert. Der Vorwurf: Widerstand gegen die Staatsgewalt.

Sicher, die Gewerkschaft hat sich dem zivilen Ungehorsam verschrieben. Ihre Aktionen sind bisweilen radikal, aber immer friedlich. Die Mitglieder besetzen ungenutzte Ländereien, die seit Jahren brachliegen; die Finca Somonte etwa, in der seit drei Jahren zehn LandarbeiterInnen für den Eigenbedarf Gemüse anbauen in der Hoffnung, dieses irgendwann verkaufen zu können (siehe WOZ Nr. 22/2012). Oder das Landgut El Humoso, das die andalusische Regionalregierung 1991 nach zwölf Jahren Besetzung und Kampf der Gemeinde von Marinaleda übergab und das seither genossenschaftlich bebaut wird (siehe WOZ Nr. 38/2012).

Besetzen, blockieren, enteignen

Sie blockieren Strassen, Bahnlinien und Flughäfen, organisieren Märsche für die Würde in Madrid (siehe WOZ Nr. 13/2014) und Arbeitermärsche durch Andalusien gegen die Sparpolitik und die Bankenrettung. Mitunter «enteignen» sie in Supermärkten auch Lebensmittel und Schulhefte, um diese an mittellose Familien zu verteilen. Reina nennt das «direkte Aktionen», die vor allem darauf abzielen, die Aufmerksamkeit auf die Situation der 32 Prozent Arbeitslosen und der vielen prekär Beschäftigten der südspanischen Region zu lenken.

Wegen solcher Aktionen wurde Diego Cañamero schon mehr als fünfzig Mal verhaftet (und aufgrund von Protesten jeweils nach wenigen Stunden wieder freigelassen). Der 59-jährige Tagelöhner war 31 Jahre lang Generalsekretär, zunächst von der reinen Landarbeitergewerkschaft SOC (Sindicato de Obreros del Campo), danach des SAT, der 2007 aus dem Zusammenschluss des SOC mit vier anderen, kleinen Organisationen entstanden ist. Der SAT hat sich zwar allen Berufsgruppen geöffnet, sein Arbeitsschwerpunkt liegt aber weiter in der Landwirtschaft. Im September dieses Jahres trat Cañamero zurück, um «an der Olivenernte teilzunehmen und wieder ausschliesslich als Tagelöhner zu arbeiten». Zu seinem Nachfolger wurde der 25-jährige Maurer Oscar Reina gewählt.

Am vergangenen Samstag nahmen Reina und Cañamero am jährlichen, vom SAT mit-organisierten Marsch gegen den US-Luftwaffenstützpunkt in Morón de la Frontera bei Sevilla teil. Am Rand der Demonstration beharrte Reina auf der Hauptforderung des SAT: Was Andalusien brauche, sei eine Agrarreform. Die südspanischen Anarchosyndikalisten hatten das schon Ende des 19. Jahrhunderts verlangt. Geschehen ist bis heute nichts.

Andalusien ist Land der GrossgrundbesitzerInnen. Nach der sogenannten Reconquista – den christlichen Kreuzzügen zwischen dem 11. und 15. Jahrhundert gegen die seit 711 in «Al Andalus» herrschenden Araber – teilten sich Ritterorden und kirchliche Grundherren das eroberte Land und schafften damit die Grundlage für den heute noch existierenden Grossgrundbesitz. Während im Norden und im Zentrum Spaniens freie Bauerngemeinden entstanden, herrschten im Süden Latifundisten aus Adel und Kirche.

Noch immer teilt sich das ländliche Andalusien in GrossgrundbesitzerInnen und TagelöhnerInnen. Oder, wie Cañamero sagt, in «Land ohne Menschen und Menschen ohne Land». Die Hälfte des gesamten Ackerlands, rund vier Millionen Hektaren, gehört zwei Prozent der LandbesitzerInnen. Im Westen sind das «señoritos», Latifundisten mit adliger Herkunft; im Osten landwirtschaftliche Grossunternehmen. Ihnen gegenüber stehen mehr als 400 000 TagelöhnerInnen. Und das sind in der Provinz von Almería fast ausschliesslich afrikanische MigrantInnen, viele ohne Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis.

Almería ist das Treibhaus Europas. Hier werden auf über 50 000 Hektaren jährlich drei Millionen Tonnen Obst und Gemüse unter Plastikkulturen produziert, das sind sechzig Prozent des spanischen Gemüseexports nach Nordeuropa. Im Intensivanbau sind 140 000 ArbeiterInnen beschäftigt, fast nur MigrantInnen. Daran hat auch die Wirtschaftskrise nichts geändert. Zwar gibt es auch SpanierInnen in den Betrieben, «aber die arbeiten nicht als Pflücker in den Treibhäusern», sagt Spitou Mendy, SAT-Koordinator der Provinz von Almería. Der Lohn sei zu schlecht, die Arbeit zu anstrengend.

Arbeiten unterm Plastik

Spitou Mendy kam vor fünfzehn Jahren nach Spanien. Ohne Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis fand der Senegalese, der in Dakar Spanisch und Englisch unterrichtet hatte, Arbeit «unter dem Plastik» von Almería. Der heute 56-Jährige weiss, wovon er spricht. 40 Euro würden «nette» ArbeitgeberInnen für einen Achtstundentag bezahlen, die weniger netten nur 30 bis 35 Euro. Der gesetzliche Mindestlohn in der Landwirtschaft beträgt 46 Euro täglich. Aber «das Gesetz schreibt ja auch vor, dass nur Menschen mit Arbeitserlaubnis angestellt werden dürfen», sagt Mendy.

Überstunden werden grundsätzlich nicht entlöhnt. Viele ArbeiterInnen haben Gelegenheitsverträge, die sie verpflichten, in der Nähe des Unternehmens zu bleiben, für den Fall, dass sie plötzlich gebraucht werden. Sie leben in halb verfallenen Hütten oder notdürftig zusammengeschusterten Baracken, ohne Strom und Wasser. Oder sie zahlen überteuerte Mieten für Unterkünfte, die ihren ChefInnen gehören.

Wie kann man angesichts einer derartigen Realität Gewerkschaftsarbeit machen? «Unsere Hauptaufgabe besteht darin, die MigrantInnen zu begleiten», sagt Mendy. Die wenigsten sprächen Spanisch wenn sie ins Land kommen; viele seien zudem AnalphabetInnen. «Sie haben Angst vor Abschiebung und wehren sich schon deshalb nicht gegen die Ausbeutung. Wir versuchen, ihren Status zu legalisieren, sodass sie ihr Recht einfordern können.»

Seit den pogromartigen Ausschreitungen in der Stadt El Ejido im Jahr 2000 hat der SAT drei Büros in der Provinz von Almería. Im Februar jenes Jahres hatte ein aufgebrachter spanischer Mob – mit dem Einverständnis der lokalen Behörden und dem tatenlosen Zusehen der Polizei – drei Tage lang marokkanische MigrantInnen gejagt, mit Baseballschlägern auf sie eingeschlagen und ihr Hab und Gut zerstört. Der Auslöser: Ein geistig verwirrter Marokkaner hatte eine junge Spanierin erstochen.

Die rassistischen Übergriffe in El Ejido waren die bislang schlimmsten, aber nicht die einzigen. Mendy ist dennoch zuversichtlich: «Seither sind fünfzehn Jahre vergangen. Die jungen SpanierInnen der Gegend haben sich an die MigrantInnen gewöhnt, sind mit ihnen aufgewachsen.» Ausserdem gebe es seit der Entstehung der Empörtenbewegung von 2011 mehr Sensibilität für soziale Probleme, auch für die der MigrantInnen.

Druck aus der Schweiz

Neben Alphabetisierungskursen, Hilfe bei Behördengängen und Vermittlung bei Arbeitskonflikten organisiert der SAT Almería vor allem Lehrgänge, in denen die MigrantInnen viel über soziales Recht, spanische Justiz und Gewerkschaftsarbeit erfahren, und lernen, sich zu organisieren und ihre Rechte zu verteidigen. Aber natürlich macht der SAT auch klassische Gewerkschaftsarbeit. Wie im Fall Bio Sol.

Bio Sol ist eines der grossen landwirtschaftlichen Unternehmen für biologisches Obst und Gemüse in Almería. Rund 200 vor allem marokkanische ArbeiterInnen sind das ganze Jahr über in dem Betrieb beschäftigt. Trotzdem bekommen sie nur Arbeitsverträge für jeweils ein Jahr. So kann Bio Sol sie am Ende dieser Zeit entlassen, ohne Entschädigung zahlen zu müssen.

Im Herbst 2010 wurden auf diese Art mehrere langjährige Arbeiterinnen entlassen. Die Marokkanerinnen hatten das Glück, dass ihre Geschichte bekannt wurde und sich auf Druck von Schweizer KonsumentInnen die Organisation Bio Suisse in den Konflikt einmischte (siehe WOZ Nr. 21/2011). Bio Sol gab schliesslich nach. Einige Arbeiterinnen wurden wieder eingestellt, andere bekamen die gesetzlich vorgeschriebene Abfindung.

«Señoritos» und Grossbetriebe

Obwohl sich das Unternehmen bei der Schlichtung verpflichtet hatte, die Arbeitsbedingungen zu verbessern und Gewerkschaftsrechte zu respektieren, wurden im August 2014 erneut fünf fest angestellte Migrantinnen entlassen. Die Begründung: Sie hätten mit Interviews in einem Dokumentarfilm der Firma geschadet. Die entlassenen Frauen gingen mit Unterstützung des SAT vor das Arbeitsgericht und erhielten Recht: Bio Sol musste die Kündigungen zurücknehmen.

Solche Erfolge gab es in den letzten Jahren öfter. Vergangenen September zeigte der SAT die Firmen Natural Growers und Bio Choice an. Beide Unternehmen, die zur holländischen Gruppe Glinwell PLC gehören, hatten insgesamt siebzig fest angestellte ArbeiterInnen entlassen, um sie gegen billige TagelöhnerInnen auszutauschen. Das war zwar legal, aber das Gericht entschied, dass den Entlassenen eine Abfindung zusteht.

Sein umfassendes Engagement weit über die übliche Gewerkschaftsarbeit hinaus ist es, was den SAT von anderen Gewerkschaften wie der grossen Arbeitergeneralunion (Unión General de Trabajadores, UGT) unterscheidet. «Der Mensch braucht nicht nur Arbeit und Wohnung», sagt Spitou Mendy. «Er braucht vor allem Anerkennung und Würde.»

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