Nr. 48/2015 vom 26.11.2015

Ein zielstrebiges Bürschchen

Rasant ist der Zuger SVP-Politiker Thomas Aeschi zum Bundesratskandidaten aufgestiegen. In der SVP boten sich dem weit gereisten Harvard-Absolventen die besten Möglichkeiten dazu.

Von Sarah Schmalz

Überall ist es dieser Tage zu lesen: Thomas Aeschi, das ist die grosse Unbekannte im Bundesratswahlkampf. Einer, der gesellschaftlich und privat kaum Spuren hinterlassen hat in seinem Heimatkanton. Und der dennoch zum Überflieger einer erstarkenden Zuger SVP wurde. Wie ist das möglich? Wer dieser Frage nachgeht, kommt zu zwei Erkenntnissen: Der smarte und weit gereiste Harvard-Absolvent kam seiner Partei wie gerufen. Die SVP wiederum bot dem überehrgeizigen Nachwuchspolitiker nicht nur die schnellsten Aufstiegsmöglichkeiten, sondern auch finanzkräftige Förderer.

Finanzspezialist statt Schweinebauer

Vor vier Jahren landete Aeschi einen ersten Coup. Als 31-jähriger Jungpolitiker, gerade mal ein Dreivierteljahr im Zuger Kantonsparlament, verdrängte er den bisherigen Zuger SVP-Nationalrat Marcel Scherer von seinem Sitz. Sein Wahlkampf war vom Unternehmer und SVP-Kantonspolitiker Adrian Risi finanziert worden. 100 000 Franken soll Risi aufgeworfen haben. Ein Engagement mit einem klaren Ziel: Der seiner Partei etwas peinlich gewordene Schweinebauer Scherer sollte Platz machen für einen smarten Finanzplatzvertreter. Da sei plötzlich dieser junge, blitzgescheite Akademiker aufgetaucht, sagt Risi: «Einer, der anständig und zivilisiert auftritt und immer den richtigen Umgangston hat.»

Aeschi war zu diesem Zeitpunkt Präsident der SVP Baar, pflegte als Gründungsmitglied des Komitees «Nein zum schleichenden EU-Beitritt» aber bereits eine enge Beziehung zu Christoph Blocher. Der Grundstein zu seinem kometenhaften Aufstieg war gelegt. Und das bloss ein Jahr nach seiner Rückkehr aus Harvard. Aeschi, der Weltenbürger: Zweimal hatte er während des Studiums ein Auslandssemester absolviert. Malaysia und Israel hiessen die Stationen. Und dann kehrt so einer in die Schweiz zurück, um in einer Reihe mit den AsylhardlinerInnen mit dem Kopf zu wippen.

Aeschi stammt aus einer strammen CVP-Familie. Die Mutter Kindergärtnerin, der Vater Steuerberater. Dem Sohn war die politische Einstellung seiner Eltern zu «Wischiwaschi», wie er den Schulkollegen im Gymi erzählte. Er sei nicht direkt unbeliebt gewesen, sagt einer, der Aeschi schon lange kennt und unerkannt bleiben möchte. Aber eben auch nicht bedeutend. «Einer, der vor allem in Männergruppen aufblüht.» Dazu passen Aeschis Militärkarriere und der Anschluss an die Burschenschaften der Innerschweizer SVP.

«Er schämt sich für seine Partei»

Thomas Aeschi gehört zu einer neuen SVP-Generation: nationalkonservativ und neoliberal. Jo Lang, Historiker und Zuger Altnationalrat, sagt: «Aeschi ist einer jener global denkenden Wirtschaftspolitiker, die zwar von der Welt profitieren, aber keine Verantwortung übernehmen.» Andreas Lustenberger, grüner Zuger Kantonsrat, teilt diese Einschätzung: «Aeschi ist Wirtschaftspolitiker. Die Asylfrage ist eher eine gute Marketingmasche als sein tatsächliches Steckenpferd.» Noch weiter geht Aeschis guter Bekannter: «Ich glaube, dass er sich manchmal etwas schämt für den kleinbürgerlichen, chauvinistischen Aspekt seiner Partei.» Beides trifft besonders auf die kantonale Zuger SVP zu. 2011 etwa verlangte sie im Kantonsrat «asylantenfreie Zonen» in der Stadt Zug. Stattdessen müsse man über Internierungslager nachdenken. Privat habe sich Aeschi von diesen faschistischen Ausfällen klar distanziert, sagt sein Bekannter. Öffentlich lässt er sich von seiner Partei vor die primitivsten Karren spannen. In Anspielung an die Vergewaltigungsvorwürfe gegenüber seinem Zuger Parteigspänli Markus Hürlimann etwa spielte er im Wahlkampfvideo der SVP eine «lustige» K.-o.-Tropfen-Szene: Aeschi kippt sich einen Schnaps hinter die Binde, um bewusstlos auf dem Tisch zusammenzubrechen. Kameraschwenk zu einem leeren Betäubungsmittelfläschli.

Dass Thomas Aeschi das alles mitmacht, mag auch mit einer Innerschweizer Besonderheit zu tun haben: Im Kanton Zug sind sogenannte Korporationen als Überbleibsel der mittelalterlichen Herrschaftsverhältnisse von grosser politischer Bedeutung. Das Milieu der alteingesessenen Dorfgeschlechter ist traditionell mit CVP und FDP verbandelt. «Bei den alten Parteien hätte es Aeschi nicht so schnell nach oben gespült», sagt ein Zuger Korporationsmitglied. Die SVP bietet da bessere Karrierechancen.

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