Nr. 48/2015 vom 26.11.2015

Wüste Gobbi

Stefan Gärtner zu einer hochvernünftigen Bundesratskür

Von Stefan Gärtner

In meiner Nachbarschaft gibt es einen Glaser, der heisst «Burst» (bitte englisch lesen!), und gestern begegnete mir der Firmenwagen eines Versicherungsagenten mit dem Namen «Antrag». Wer ein bisschen Hegel kennt, weiss, dass für derlei Spässe der sog. Weltgeist zuständig ist, durch den die «Vernunft in der Geschichte» ihren Ausdruck findet.

Elf Kandidaten der hochvernünftigen Schweizerischen Volkspartei gab es anfangs für den zweiten SVP-Platz in der ebenso vernünftigen Schweizer Konkordanzregierung, jenen zweiten Platz, auf den das Schweizer Wahlvolk in aller Vernunft bestanden hat. Es ist durchaus ein geschichtlicher Vorteil, niemals einen Massenmord an Minderheiten verübt zu haben, man darf dann rechts wählen, ohne dass es einen Gout hat. In der Schweiz, las ich in einer deutschen Zeitung, gebe es den Kampfbegriff «rechts» gar nicht, da sei alles immer bloss «bürgerlich», und es ist ja auch der Bürger, der nicht will, dass ihm der Ausländer den Emmentaler vom Teller frisst. Falls der Ausländer (oder eine seiner vielen Frauen) den Emmentaler überhaupt will und nicht Schafskäse! Mir persönlich ist ja Greyerzer am liebsten, aber den esse ich daheim und stärke so das helvetische Exportgeschäft, ohne irgendeiner Schweizerin lästig zu fallen. (Ich bin hier gehalten, den geschlechtlichen Proporz zu wahren, und ich tu das umso lieber, als ich wirklich mal einer Schweizerin lästig gefallen bin, und wenn sie das hier liest, dann viele Grüsse und nichts für ungut!)

Jedenfalls gab es also elf bürgerliche Kandidaten, zum Beispiel den Bündner Heinz Brand, der laut «Tages-Anzeiger» zum Beispiel «die Asylpolitik bei Afghanen verschärfen» will, was er als Heinz Brand in der Schweiz, wo Asylbewerberheime, anders als in Deutschland, nicht brennen, natürlich darf, ohne dass man ihn stirnrunzelnd auslacht. Dass der Walliser Staatsrat mit der Reichskriegsflagge im Keller recht preussisch Oskar Freysinger heisst und nicht zum Beispiel Reto-Urs Wyss-Widmer, ist freilich ebenso prima, wenn auch nicht halb so prima wie Norman Gobi, der das Tessin schliessen will für alle, die es aus der Wüste (sic!) so weit geschafft haben. Und auch wenn die Wüste, durch die sich die Flüchtlinge quälen, meist Sahara (oder wenigstens Österreich) heisst: Da finde ich den Weltgeist fast ein wenig albern, ja zynisch. Falls er nicht die Wüste im Kopf meint.

Leider heisst der Mann, für den Schwarze nach eigener Aussage «Neger» sind, dann leider doch nur Gobbi; der Kandidat für den Finanzplatz dafür immerhin Aeschi (reichsdeutsch ugs. «Asche» = Geld!), der auch sonst ein unbezahlbarer Typ zu sein scheint: «Sein ‹politisches Erweckungserlebnis› war die EWR-Abstimmung im Jahr 1992. Damals war Aeschi gerade mal 13 Jahre alt» («Bündner Tagblatt»). Als ich 13 Jahre alt war, war mein Erweckungserlebnis Mutti, jeden Morgen um sieben (Schule). Dafür bin ich aber heute auch nicht Unternehmensberater, «weltoffen, intellektuell und dynamisch» (ebd.), sondern ein beratungsresistenter Undynamiker, der fürs Stammbuch zuständig ist: Ein Land ist kein Unternehmen, und Unternehmensberater in der Politik sind ipso facto ein Unglück.

Aber was rede ich: «Die SVP-Fraktion nominiert Thomas Aeschi, Norman Gobbi und Guy Parmelin offiziell als Bundesratskandidaten» («Newsnet», 20. November). Vernunftstaat Schweiz; und in der Wüste Gobi finden sie Wasser.

Stefan Gärtner (BRD) war Redaktor bei der «Titanic» und ist heute Schriftsteller und «linksradikaler Satiriker» («Die Zeit»). An dieser Stelle nimmt er künftig das Geschehen in der Schweiz unter die reichsdeutsche Lupe.

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