Nr. 49/2015 vom 03.12.2015

Meerjungfrau will zur Bühne

Von Eva Pfister

Mona ist neunzehn Jahre alt und will zum Theater. In vielen Städten hat sie bereits die Aufnahmeprozedur zur Schauspielakademie erlebt – jeweils bis zur ersten Runde. Sie kennt den Ablauf, von der Nervosität des Auftritts bis zur bitteren Enttäuschung. «Wien war: Ankommen, Nummer ziehen, drei Tage warten, Spielen, Warten, Weinen, Abfahren.» Dann folgt wieder das Jobben im Service, bevor sie mit dem Billigticket in die nächste Stadt fährt, in der Jugendherberge eincheckt und sich positiv auf die nächste Prüfung einzustimmen versucht.

Silvia Overath scheint die Situation der Prüflinge genau zu kennen. Mit viel Insiderwissen schildert sie in «Robbe schwimmt rückwärts» die Rituale der Aufnahmeprüfungen in den Tempeln der Schauspielkunst und charakterisiert nicht ohne Humor die AnwärterInnen, die einander misstrauisch mustern oder sich kurzfristig solidarisieren.

Vor allem aber erfasst sie mit grosser Einfühlung die existenzielle Notlage eines jungen Menschen, der sich nicht akzeptiert fühlt – und sein übermässiges Glück, als er es endlich schafft, in die nächste Runde zu kommen. Einmal fragt sich Mona, warum sie eigentlich Schauspielerin werden will. «Vielleicht war es der Gedanke, dass dir jemand erzählt, was du sein kannst, denke ich. Eine Bühne, die für dich möglich ist, die dir sagt: Du hast ein Recht, da zu sein.»

Dass diese tiefe Unsicherheit mit einem Vater zu tun hat, der meist abwesend ist und auf den Mutter und Tochter immerfort warten, wird im Lauf des kurzen Romans ebenfalls deutlich. «Robbe schwimmt rückwärts» ist ein literarisch beeindruckendes Debüt mit einer frischen, treffsicheren Sprache und witzigen Milieuschilderungen. Die Fantasie, die Mona im entscheidenden Moment bei den Improvisationsübungen fehlt, überbordet dafür in ihren Gedanken.

Und Silvia Overath lässt die Wirklichkeit manchmal verschwimmen, lässt Mona abtauchen in Wasserwelten, in denen sie als Meerjungfrau oder als Robbe um ihre Existenz kämpft.

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