Nr. 49/2015 vom 03.12.2015

Wie Gewalt die Menschen verformt

Dem salvadorianischen Schriftsteller Horacio Castellanos Moya ist mit seinem autobiografischen Roman «Der Traum von Rückkehr» sein bestes Buch gelungen.

Von Toni Keppeler

Ganz eng am eigenen Leben entlang geschrieben: Horacio Castellanos Moya. Foto: Iván Giménez

Die Geschichte spielt im Jahr 1991 in Mexiko-Stadt. Erasmo Aragón, ein Journalist aus El Salvador, der dort seit Jahren im Exil lebt, entschliesst sich, in seine Heimat zurückzukehren. Dort wütet noch ein Bürgerkrieg, aber ein Friedensvertrag zwischen der ultrarechten Regierung und der linken Guerilla ist bereits absehbar. Aragón will in San Salvador an der Gründung einer Zeitschrift teilnehmen. Aber es ist nicht die berufliche Aussicht, die ihn nach Hause treibt. Auch nicht Nostalgie oder Heimweh. Seine salvadorianischen Freunde in Mexiko-Stadt – viele von ihnen arbeiten für die Guerilla – gehen ihm nur noch auf die Nerven. Seine Ehe ist zerrüttet, seine mexikanische Frau gesteht ihm ein Verhältnis mit einem Schauspieler. Er trinkt viel zu viel, leidet an Darmbeschwerden. Er will weg. Die geplante Heimkehr erscheint eher wie eine Flucht.

Einzig eine Hypnosebehandlung bei einem alten salvadorianischen Arzt – auch er im Exil – schafft dem Ich-Erzähler Linderung. Doch dann kehrt der Arzt unvermittelt in die Heimat zurück. Aragón fühlt sich verlassen und ist zutiefst verunsichert: Was hat er bei den hypnotischen Sitzungen erzählt? Was, wenn der Arzt in Wirklichkeit ein Spion der rechten Regierung ist? Oder wenn er in El Salvador verhaftet und gefoltert wird? Was könnte er dann über ihn erzählen?

Nah am eigenen Leben

Erasmo Aragón ist – gelinde gesagt – ein komplizierter Mensch. Ein Hysteriker. Ein Hypochonder, der sich im Selbstmitleid suhlt. Ein lateinamerikanischer Macho, dem beim Anblick eines weiblichen Hinterns der Sabber aus dem Mund läuft. Er ist ein Aufschneider, der gerne Rocker oder Guerillero geworden wäre, aber es zu keinem von beiden gebracht hat. Denn er ist ein jämmerlicher Feigling, und er weiss es. Erasmo Aragón ist Horacio Castellanos Moya.

Der elfte Roman des salvadorianischen Autors – vom Umfang und vom klaren und schnellen Erzählstil her eher eine Novelle – ist ganz eng am eigenen Leben entlang geschrieben. Vielleicht ist «Der Traum von Rückkehr» deshalb sein bislang bestes Buch geworden. Er ist darin schonungslos offen gegen sich selbst, er hat sich nur einen anderen Namen gegeben, das eine Detail erfunden und das andere ins leicht Absurde überspitzt. Man kann das Buch auch als Beichte eines Mannes lesen, der an seiner heruntergekommenen Heimat genauso verzweifelt wie an dem, was dieses Land aus ihm gemacht hat. Eben deshalb ist es authentisch.

Horacio Castellanos Moya wurde 1957 in der honduranischen Hauptstadt Tegucigalpa geboren, kam aber mit vier Jahren nach El Salvador und hat dieses Land immer als seine Heimat begriffen. Zum ersten Mal ging er 1981, nach dem Ausbruch des offenen Bürgerkriegs, ins Exil. Drei Jahre lang arbeitete er in Mexiko-Stadt für Salpress, eine Nachrichtenagentur der Fuerzas Populares de Liberación (FPL), einer Fraktion der salvadorianischen Guerilla. Dann schied er im Streit aus. Für einen Intellektuellen wie ihn waren der Dogmatismus und das Befehl-und-Gehorsam-Schema einer bewaffneten Organisation im Untergrund nur schwer zu ertragen. Bis 1991 arbeitete er für verschiedene Zeitschriften, dann kehrte er nach San Salvador zurück.

Mit dem Tod bedroht

Moya baute die Zeitschrift «Tendencias» mit auf, ein unabhängiges, sehr intellektuelles Monatsblatt mit geringer Reichweite, das mit finanzieller Hilfe aus dem Ausland fast ein Jahrzehnt überlebte. 1995 war er als Chefredaktor an der Gründung der Wochenzeitung «Primera Plana» beteiligt. Sie war zwar nach acht Monaten schon bankrott, hat aber in dieser kurzen Zeit den Journalismus in El Salvador revolutioniert. Sie war die erste Zeitung im Land, in der JournalistInnen nicht nur nachplapperten, was die Mächtigen ihnen diktierten. Es wurde recherchiert, die Redaktion deckte Skandale auf.

Danach schrieb Castellanos Moya nur noch Fiktion (einen ersten Roman hatte er schon im mexikanischen Exil vorgelegt). Sein drittes Buch war sein schlechtestes und brachte doch eine Wende in seinem Leben. «El asco. Thomas Bernhard en San Salvador» (Der Ekel. Thomas Bernhard in San Salvador; allerdings ist es nie auf Deutsch erschienen) war eine Schmährede auf seine Heimat, fast schon ein Plagiat des im Titel genannten Vorbilds, in dem sich der aus dem Exil zurückgekehrte Ich-Erzähler über die Verkommenheit El Salvadors auskotzt. In einem Land, dessen damals regierende Rechte einen hysterischen Nationalismus pflegt, musste das provozieren. Castellanos Moya bekam Todesdrohungen und floh zum zweiten Mal. Seither lebt er wieder im Exil, meist in Spanien oder in den USA.

Zunächst waren seine Romane fast journalistisch anmutende Porträts und Sittengemälde, politisch-soziologische Konstruktionen über El Salvador, oft ins Absurde überdreht. Dann wurden seine Sujets immer autobiografischer. «Der Traum von Rückkehr» ist sein bislang persönlichstes Buch. Es gibt nur wenige historische Andeutungen und Bezüge. LeserInnen, denen die Geschichte El Salvadors nicht geläufig ist, könnten da ein paar erläuternde Fussnoten helfen. Aber darum geht es letztlich nicht. Es geht darum, wie Gewalt die Menschen verformt, die mit ihr leben müssen.

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