Nr. 51/2015 vom 17.12.2015

Kandertrogs Erkenntnis

Von Stephan Pörtner

Die Reise im übervollen Feierabendzug rückte Kandertrog jäh ins Bewusstsein, wie gut er es hatte. Er unternahm die Reise aus freien Stücken, war nichts als ein Ausflügler. Von ein paar Bücherlesenden abgesehen, schaute er als Einziger nicht auf einen Bildschirm. Er überlegte, ob sich das Pendeln ohne die Erfindung des Smartphones jemals in diesem Rahmen durchgesetzt hätte, wurde doch der Aufenthalt im Zug nur durch die Möglichkeit, nicht da zu sein, wo man war, erträglich. Andererseits machte die Trennung der körperlichen von der geistigen Gegenwart den Wohnort nahezu bedeutungslos, und das ganze Hin und Her war nichts als nostalgische Verklärung.

Stephan Pörtner ist Krimiautor («Köbi der Held», «Stirb, schöner Engel», «Mordgarten») und lebt in Zürich. Für die WOZ schreibt er Geschichten, die aus exakt 100 Wörtern bestehen. Im Dezember 2014 hat die WOZ eine Auswahl unter dem Titel «100 Mal 100 Wörter» als Buch herausgegeben, das unter www.woz.ch/shop/woz-buecher erhältlich ist. Sein 2013 erschienener Krimi «Mordgarten» ist unter https://www.woz.ch/shop/buecher erhältlich.